Der Werbefachmann Roger Thornhill wird mit einem fiktiven Agenten namens George Kaplan - einer Erfindung des US-Geheimdienstes - verwechselt und gerät so unfreiwillig in die Hände von feindlichen Spionen. Glücklicherweise kann er einem Mordanschlag entgehen und fliehen, doch weder Polizei noch eigene Mutter wollen ihm Glauben schenken. Um Licht ins Dunkel zu bekommen, versucht Thornhill auf eigene Faust, das Mysterium Kaplan zu enthüllen - und erlebt die groteskesten Abenteuer, die man sich nur vorstellen kann...
Eigentlich muß zu diesem absoluten Meisterwerk der Filmgeschichte gar nicht mehr viel gesagt werden, da schon Hunderte von Kritikern den Plot bis in seine Bestandteile zerlegt und ihn mit Lob überschüttet haben. Dennoch werde ich ein paar Worte darüber verlieren: “Der unsichtbare Dritte” gilt gemeinhin als der beste Hitchcock-Film aller Zeiten. Ich schließe mich diesen glorreichen Kritiken vollends an. Die schlichtweg phantastische und an jähen Wendungen reiche Handlung weist von Anfang bis Ende einen solch hohen, zu keiner Sekunde abbrechenden Unterhaltungswert auf, daß man beinahe enttäuscht ist, wenn das irrwitzige und zugleich atemberaubend spannende Spionageabenteuer nach 136 Minuten vorbei ist.
Zwei Momente aus “Der unsichtbare Dritte” gingen in die Filmgeschichte ein und mußten seitdem in zahlreichen Filmen als Zitat oder Parodie herhalten: Zum einen natürlich die Maisfeldsequenz, in der der Held (Cary Grant) aus heiterem Himmel (im wahrsten Sinne des Wortes) von einem Flugzeug angegriffen wird und um sein Leben rennen muß; die zweite wäre die denkwürdige finale Kletterpartie auf den Präsidentenköpfen des Mount Rushmore. Beide Szenen sind im Aufbau so ziemlich das Grandioseste, an das ich mich erinnern kann.
Doch dies sind lediglich Beispiele, die nur einen Teil der Genialität dieses Werks wiedergeben. Unvergessen auch der Mordversuch an dem volltrunkenen Thornhill oder dessen gelungener Versuch, auf einer Versteigerung mit unzulässigen Feilschmethoden aus den Händen der Spione zu entkommen. Jede einzelne Szene ist es wert, erwähnt zu werden. Schon der Vorspann, der auf einer abstrakten Gitterstruktur mit der Fassade eines Wolkenkratzers läuft, ist ungewöhnlich und originell.
“Der unsichtbare Dritte” ist ein Musterbeispiel dafür, wie Hitchcock es immer wieder schafft, den Zuschauer von manch hanebüchener Ungereimtheit innerhalb des Plots abzulenken: Wenn Thornhill das Hotelzimmer des imaginären Kaplan durchsucht, klingelt das Telefon, und zwei Killer kündigen sich an. Augenscheinlich sind sie auf den Weg ins Zimmer und beabsichtigen, ihn dort kaltblütig umzubringen. Nur ein paar Sekunden vergehen, und Thornhill flieht mit seiner ungläubigen Mutter (die wohl die einzige Mutter sein dürfte, die das Alter ihres Sohnes hat), die ihn begleitet hat, in den Fahrstuhl, wo sie die beiden Bösewichte antreffen... Ein Spannungshöhepunkt jagt den nächsten, so daß einem kaum Zeit bleibt, darüber nachzudenken, aus welchem Grund die Killer Thornhill mit einem ankündigenden Telefonanruf die Möglichkeit gegeben haben, den Raum lebend zu verlassen. Eine völlig unlogische Aktion also - genauso wie jene kurz zuvor, in der der Spionagering Thornhill mit Whisky abfüllt, ihn dann hinter das Steuer eines (nagelneu aussehenden) Cabrios setzt und darauf hofft, daß dieser in seinem fahrunfähigen Zustand auf einer kurvenreichen Küstenstraße über eine Klippe fährt und in den Tod stürzt. Warum erschießt man ihn nicht einfach, sondern will den Mord als Unfall kaschieren? Die meisten Zuschauer übersehen diese Frage auf den ersten Blick einfach, indem Hitchcock nur wenige Sekunden später einfach eine prickelnde und mitreißende Verfolgsjagd folgen läßt.
Einen weiteren Grund für das Gelingen des Thrillers liefern die allgegenwärtigen komödiantischen Elemente, die vor allem aus der Gelassenheit Thornhills resultieren, die ihm selbst dann nicht abhanden kommt, wenn ihn nur noch seine beiden Hände vor dem tödlichen Sturz in die Tiefe bewahren. Seine trockenen Sprüche in noch so aussichtslosen Situationen sind schlichtweg köstlich und laden zu fortwährendem Schmunzeln ein.
Hier wird auch gleichzeitig die immense Spielfreude Cary Grants deutlich, der einfach nur sympathisch wirkt und mit seiner einzigartigen Mimik eine Idealbesetzung für die Hauptrolle darstellt. (Einzig störend und etwas gewöhnungsbedürftig dürfte seine deutsche Synchronstimme sein, die sich deutlich von seinen sonstigen abhebt.) Überhaupt liefern alle Akteure eine hervorragende Leistung ab; das reicht von Eva Marie Saint als Spionin Eve über James Mason als Thornhills Gegenspieler Vandamm bis zu Martin Landau und Leo G. Carroll. Dieses Aufgebot überträgt auch auf mich immer wieder gute Laune, weil alle Figuren einfach prächtig zusammenspielen.
Über die Musik von Bernard Herrmann brauche ich wohl keine großen Worte verlieren, denn nahezu bei jedem Film hat der Komponist ein goldenes Händchen bewiesen. Ohne seine vorzüglich passende Untermalung wären viele Sequenzen von “Der unsichtbare Dritte” wohl nur halb so aufregend. Man denke bloß an das Finale.
Fazit: Bei diesem Meisterwerk stimmt einfach die Mischung, ein Rädchen greift in das andere. Neben einer ausgeklügelter Story und atemloser Spannung bietet “Der unsichtbare Dritte” zudem eine gehörige Portion Humor, Kamera und Musik harmonieren ausgezeichnet miteinander, und die erstklassige Darstellerriege sprüht vor Spielfreude. Auch wenn ich Anglizismen nach Möglichkeit vermeide: Einer meiner All-Time-Favourites, wenn nicht sogar mein absoluter Lieblingsfilm!
GESAMT: 10/10 (Unterhaltungswert: 10 - Handlung: 9 - Schauspielerische Leistungen: 10 - Kameraführung/Atmosphäre: 10 - Musik: 10)