»Wer bin ich?« – Der Film
Die 16-Jährige Regan MacNeil (Linda Blair) ist besessen – von einem Dämonen namens Pazuzu. Ihre Psychiaterin Gene Tuskin (Louise Fletcher) will das allerdings nicht glauben: Sie behandelt Regan nach den neuesten Errungenschaften der Medizin und Wissenschaft. Bis eines Tages der Priester Philip Lamont (Richard Burton) auftaucht, der den Tod des Exorzisten Lankester Merrin (Max von Sydow) aufklären soll. Die Begegnung zwischen Philip und Regan scheint den Dämonen Pazuzu aufzuwecken. So begeben sich Philip und Regan auf eine gefährliche Reise ins Unbewusstsein …
John Boormans Exorcist II: The Heretic (1977) darf mit Recht als einer der grössten Flops der Filmgeschichte bezeichnet werden. Das Publikum konnte nichts, aber auch rein gar nichts, mit diesem Sequel von William Friedkins The Exorcist (1973) anfangen. Wie auch? Der Ton, vielleicht sogar das Genre dieses Filmes ist völlig anders. Setzte Friedkin auf schleichenden Horror, verlässt sich Boorman auf surreale Traumsequenzen. Wo Friedkin eine konsequente Story spann, schlägt Boorman wirre Haken. Das muss nicht schlecht sein: Aber im Falle von Exorcist II ist es gründlich misslungen.
Der Film scheitert schlicht daran, dass Pazuzu nicht bedrohlich genug ist. Ihm fehlt die Präsenz und Aura, die er im ersten Film hatte; im Grunde tritt er nur im Traum in Erscheinung und manifestiert sich nie. Das macht den Film unheimlich dröge und zähflüssig. Ein weiteres Problem sind die Schauspieler, die sich scheinbar allesamt schlafwandelnd durch diesen Film quälten. Richard Burton (Who's Afraid of Virginia Woolf?) ist völlig eigenschaftslos, das Mitgefühl zu Regan kaufte ich ihm in keiner Sekunde ab. Ähnlich steht’s um Louise Fletcher (One Flew Over the Cuckoo's Nest): Man will nicht so recht glauben, dass diese Frau überhaupt Gefühle hat. Sie zeigt jedenfalls keine. Bleibt Linda Blair, die schon beim Original als Regan dabei war: Sie gibt noch die beste Figur ab, ambivalent zwischen bedrohlich und niedlich schwankend.
Selbst wenn die Schauspieler ihre Bestleistung abgegeben hätten – viel genützt hätt’s nicht. Die Handlung ist unbeschreiblich konfus, und zwar keineswegs auf faszinierende Weise. Philip entschliesst sich irgendwann, in Afrika den ehemals Besessenen Kokumo (verschenkt: James Earl Jones) aufzutreiben. Dieser darf dann ein bisschen über Heuschrecken palavern – und schon sind wir wieder zurück in New York. Ähhh … Wie bitte? Viele Szenen verbleiben unsicher zwischen Traum und Wirklichkeit, sodass man oft vergeblich nach einer Logik sucht. Aber auch auf der emotionalen und abstrakten Ebene gibt Exorcist II nicht viel her.
Klar, man kann den Plot als eine Geschichte der Versuchung deuten: Lamont wird vom Dämonen bezirzt. Aber das ist reichlich unergiebig. Interessant ist allenfalls die Aussage von Regan: »You’re trying to kill my soul.« Damit legt sie nahe, dass Pazuzu ein Teil von ihr ist – und fragt, ob man diesen einfach so von ihr abtrennen kann. Aber nein, am Schluss gibt es dann doch ein Alter Ego von Regan, also hat sich dieser potentieller Konflikt in Wohlgefallen aufgelöst. Gähn. Besonders ärgerlich ist die Idee, dass Pazuzu jene Menschen aussucht, die sich durch eine besonders »heilsame Aura« auszeichnen. Eine Erklärung, die wir definitiv nicht brauchten! Die Rückblenden auf das Original kommen auch arg läppisch daher.
Beim Finale flüchtet sich John Boorman in ein spektakuläres Set-Piece, das durchaus einige (unfreiwillig komische) Grusel-Momente bietet, aber viel zu spät kommt. Bis dahin ist der geneigte Zuschauer längst in den Halbschlaf versunken. Eigentlich schade: Irgendwo in Exorcist II schlummert ein guter Film, ein guter Ansatz, der leider nie zur Verwirklichung kommt. Das Verwirrspiel der Identitäten und Traumebenen hätte interessant werden können. Manchmal fragt man sich ernsthaft, wer eigentlich wer ist – und wo Pazuzu garde steckt. Einige der Sets und Aufnahmen (besonders aus der fiktiven afrikanischen Stadt Jepti) sehen sehr stimmungsvoll aus. Auch der Soundtrack von Ennio Morricone (Once Upon a Time in America) vermag mit schrägem Gesang einige coole Akzente zu setzen. Aber das alles fügt sich nicht zu einem Ganzen, ist letztlich nicht mehr als heftig missglückter Arthouse-Horror mit einem Riesenbudget.
Fazit: Exorcist II ist nicht ganz so schlecht wie sein Ruf. Boormans Wille, auf die Erwartungen des Publikums zu pfeifen und einen offenen Raum für Interpretationen zu gestalten, ist löblich. Nur leider ist die Ausführung mangelhaft bis katastrophal. Muss nicht sein. Next.
3/10