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In einem seiner letzten Filme führt der berühmt-berüchtigte südkoreanische Regisseur Kim Ki-Duk wieder einmal ein düsteres Gedankenexperiment über die finstersten Seiten der menschlichen Natur durch: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen unternimmt eine Art Kreuzfahrt auf einem ehemaligen Kriegsschiff. Als ein unerklärliches, übernatürliches Ereignis eintritt, eskaliert die Situation sehr schnell: Aus anfänglicher Solidarität wird schnell ein brutaler Kampf ums eigene Überleben, in dem das Recht des Stärkeren und Skrupelloseren gilt. Gewalt, Rücksichtslosigkeit und Egoismus bestimmen immer mehr das Miteinander, bis zu grausamsten Eskalationen.

„Human, Space, Time and Human“ gehört zu Ki-Duks düstersten Filmen, in denen er den dunklen Trieben der Menschheit nachspürt. Dabei bleibt er wie so oft inhaltlich enorm vielschichtig: Im immer grausigeren Kampf ums eigene Überleben behandelt er metaphorisch Themen wie Unterwerfung, das Abgleiten demokratischer Strukturen in brutale Autokratien, sexuelle Hemmungslosigkeit und Machtdenken. Dass sich innerhalb kürzester Zeit eine Oberschichtselite bildet, bestehend aus einem Senator, dessen Sohn und einer Gruppe Gangster, die sich als Schlägertrupp zur Durchsetzung seiner Befehle etablieren, macht aus dem kammerspielartigen Geschehen, das ausschließlich an Bord des Schiffes stattfindet, eine Metapher auf politische Funktionsweisen, wie sie in den letzten Jahren weltweit immer deutlicher zu beobachten sind. Aus heutiger Sicht kann man dem Film umso mehr eine kluge Analyse gesellschaftspolitischer Entwicklungen zwischen zivilgesellschaftlichem Widerstand, Unterdrückung, Gewalt und Heuchelei attestieren. Dass er sich dabei für Ki-Duks Verhältnisse bei der direkten Bebilderung der drastischsten Gewaltakte zurückhält, hilft der Story tatsächlich sehr.

Allerdings gelingt es ihm besonders im fortschreitenden Verlauf nicht ganz, die konkret politisch-philosophischen mit den übernatürlich-grotesken Elementen in Einklang zu bringen. Dass das Schiff über Nacht plötzlich im Himmel schwebt und es keine Steuermöglichkeiten mehr für die Crew gibt, ist ein origineller, aber irgendwie auch willkürlicher Gedanke. Auch einzelne Elemente wie der alte Mann, der von Anfang an Vorbereitungen für seine autarke Versorgung mit Lebensmitteln trifft, oder das surreal-religiöse Finale, das quasi eine Rückkehr zum biblischen Urzustand des Menschen symbolisiert, wirken bei aller tiefgründigen Metaphorik nicht ganz passend. Ganz zu schweigen von allerhand Unglaubwürdigkeiten: Fast den gesamten Film über kämpfen die Menschen verzweifelt um die begrenzten Nahrungsmittelvorräte bzw. werden durch die Rationierung des Essens unterdrückt; über den Drang nach Trinken spricht aber niemand. Auch andere körperliche Grundbedürfnisse werden bei diesem seltsamen Gedankenexperiment vernachlässigt, sieht man von den sexuellen Trieben ab, die in einer plump eingeworfenen Szene in diversen gleichzeitig ablaufenden Vergewaltigungen entladen werden.

Überhaupt haben es die Frauen hier wieder einmal schwer bei Kim Ki-Duk. Sie werden vergewaltigt, geschlagen, bedroht, erniedrigt, haben meist keine besondere Funktion, sieht man von der weiblichen Hauptfigur ab, die direkt wieder religiös verbrämt zur Austrägerin eines neuen Heilands stilisiert wird. Die zunehmenden christlichen Allegorien wirken ebenso willkürlich zusammengeworfen wie die restlichen übernatürlichen Aspekte – die Stringenz der zeitweise starken Analyse eines gesellschaftlichen Abgleitens in diktatorische Verhältnisse wird dadurch in erheblichem Maße abgeschwächt.

Das ist wirklich schade, denn großteils hat „Human, Space, Time and Human“ eigentlich spannende und fesselnde Elemente zu bieten. Die meisten Agierenden sind packende Charaktere, deren sich änderndem Verhalten man gebannt zuschaut; die Kulisse wirkt aufwendig und erzeugt eine ungewohnte, ungemütlich wirkende Atmosphäre, die die zunehmenden Eskalationen intensiviert; und das Abdriften in immer krassere Themen wie etwa Kannibalismus oder Massaker an der Zivilbevölkerung erfolgt mit einer scheinbaren Natürlichkeit und Notwendigkeit, die die Handlung enorm finster und beklemmend macht. Das alles hätte aus dem Film ein fesselndes, düsteres Stück über destruktive menschliche Triebe machen können, wenn dann nicht immer wieder diese wenig durchdacht oder einfach unpassend wirkenden Zusätze wären. Ein streckenweise fesselnder und verstörender Film, der jedoch nicht unbedingt zu Ki-Duks besten Werken gehört.

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