Review
von Leimbacher-Mario
Staffel 1
Staffel 1
Die Grenzen verschwimmen
Obwohl ich cheesy 80er-Hits von „Rocky IV“ bis „Red Dawn“ liebe, aber seien wir mal ganz ehrlich: von tiefen Charakterzeichnungen, echten Überraschungen und Abstufungen in Sachen „Gut-Böse“ wimmelt es dort nicht gerade. Um mal maßlos zu untertreiben. „Karate Kid“ von 1984 war dafür eher das perfekte Beispiel als die Ausnahme. Nun erlebt die Kampfsportsaga mit „Cobra Kai“ auf YouTube Premium ein Revival, erzählt von Daniel und vor allem seinem damals wie heute ärgsten Karatekonkurrenten im Jetzt, 35 Jahre später. Und der Kniff bzw. das schlichtweg Geniale ist: ohne die Nostalgie und den Retrofaktor völlig wegzuwerfen, werden nun die Mechanismen und die unrealistisch klare Rollenverteilung von damals völlig aufgebrochen. Der Vibe von „Karate Kid“ wird ins Heute transportiert, dem Ganzen wird allerdings ein dermaßen viel tieferer, cleverer und packenderer Spin verliehen, dass ich aus dem Staunen und Lob kaum noch herauskomme, dass man gar nicht weiß, zu wem man halten soll. Und ob man sich überhaupt entscheiden muss. Als Fan der Originale suche ich noch immer meinen Kiefer irgendwo unter dem Couchtisch. Keine Übertreibung - „Cobra Kai“ ist eine der besten Serien, die ich in den letzten Jahren sehen durfte! Besser hätte man das Ganze nicht updaten und weiterführen können. Punkt.
„Cobra Kai“ Staffel 1 erzählt am ehesten die Story von Johnny Lawrence, wieder gespielt von William Zabka, der ja damals im Finale Daniel unterlag und diese Schmach, zusammen mit einigen weiteren persönlichen Dämonen, verfolgt ihn irgendwie bis heute, auf seine siffige Couch als Loser und Alkoholiker. Dass Daniel wiederum das schöne Leben als Luxusautoverkäufer mit „Traumfamily“ lebt, macht alles für ihn noch unangenehmer. Doch während dieser ersten Staffel werden beide Figuren dermaßen nuanciert und realistisch dargestellt, dass schnell klar ist, dass es „den Guten“ und „den Bösen“ schon lange nicht mehr gibt und vielleicht nie wirklich gab... Ich bin mit den ersten drei Teilen „Karate Kid“ aufgewachsen und liebe sie ganz unverschämt. Aber „Cobra Kai“ verleiht dem ganzen nun eine komplett neue Tiefe und gleichzeitig Flügel. Modernes Fernsehen meets damaligen Kinokitsch - und es passt besser als jemals zuvor! Es ist die späte Genugtuung für eine Figur, wo man gar nicht wusste, dass man diese brauchte. Politisch oft überraschend unkorrekt, insgesamt absolut mitreißend, vielschichtig, Fan-Service und dennoch eigenständig. Und die letzte Folge ließ mein Herz mehrfach springen und verspricht Großes für Staffel 2. Obwohl die enorm hoch gelegte Latte nun quasi fallen muss. Mich hat außerdem der Mister Miyagi-Tribute zu Tränen gerührt, die vielen Schauplätze von damals werden ideal besucht und das Gesamtpaket beinhaltet einfach so viel mehr, als sich jeder Fan erträumen hätte können. Ich bin tief beeindruckt. Allein dafür lohnt sich der YouTube-Premium-Probemonat! Viel mehr als nur „'member that, 'member this!“. Mit wichtigen und mehrseitigen Aussagen zum Thema Kampfsport, Linientreue, Balance, Selbstbewusstsein und vor allem Mobbing/Außenseiter/Gemeinschaftsgefühl. Was man aus dem „ollen“ „Karate Kid“ rausgeholt hat, ist fast schon unverschämt gut. Ein Kompliment an alle Beteiligten. 1+ mit Sternchen. Und wahrscheinlich genau die Serie, die Amerika (und die Welt!) gerade braucht...
Fazit: die perfekte Fortführung der Karate Kid-Saga. Die richtige Mischung aus Nostalgie und neuer Serientiefe. Was für eine gern gesehene Überraschung. Mehr als das. Eher ein feuchter Traum aus dem Nichts. Kneift mich mal bitte einer?! Ich kann es kaum fassen... Absolut grandios! Danke... YouTube?! Wer hätte das gedacht... (10/10)