Cabiria ist der Name der kleinen Tochter einer reichen römischen Patrizierfamilie im 3.Jahrhundert vor Christus, die auf abenteuerliche Weise von ihren Eltern getrennt wird. Als der Ätna, zu dessen Fuße die Villa ihrer Familie liegt, unerwartet ausbricht, gelingt es zwar ihrer Amme Croessa Cabiria zu retten, wird jedoch alsbald an der Küste, wohin sie mit dem Kind (und dem im Chaos unbeaufsichtigten Familienschmuck) flieht, von phönizischen Piraten überrascht, die in beiden eine lukrative Beute sehen und sie zum Sklavenmarkt nach Karthago schaffen, wo das Mädchen der Hohepriester der Stadt erwirbt, damit sie dem Gott Moloch, der ausschließlich Kinderopfer zu sich nimmt, dargebracht werden soll. Croessa indes kann fliehen und trifft mit dem Römer Fulvius Axilla und dessen Diener Maciste zusammen, die sich beide in geheimer politischer Mission als Spione in der Hauptstadt des Feinds aufhalten, und der Amme sofort zusichern, Cabiria vor dem Opfertod zu retten. Dies gelingt zwar und Fulvius Axilla, Maciste und Cabiria können auf dem Dachstuhl einer Gaststube untertauchen, ihr Wirt jedoch verrät sie, was dazu führt, dass nur Fulvius Axilla die Flucht gelingt und Maciste gerade noch so viel Zeit bleibt, in einem Park einer unbekannten verschleierten Frau das junge Mädchen in die Arme zu drücken und sie anzuflehen, mit ihm zu verschwinden, bevor er selbst den Feinden in die Hände fällt. Zehn Jahre vergehen bis Fulvius Axilla nach Karthago zurückkehrt, nun als Kundschafter des römischen Feldherrn Scipio im Rahmen des Zweiten Punischen Kriegs, und alles daran setzt, seinen Freund und Diener Maciste aus dem Joch der Zwangsarbeit zu befreien, in das er damals gesteckt wurde, und dann gemeinsam mit ihm herauszufinden, was aus Cabiria geworden ist, die er in all den Jahren nie hat vergessen können…
Kürzlich schrieb ich ein paar Zeilen über QUO VADIS? von 1912, der gemeinhin als erster Spielfilm der Geschichte gilt, und so bietet es sich an, den zwei Jahre später veröffentlichten CABIRIA im Vergleich zu ihm zu beurteilen. Beide Werke sind italienische Großproduktionen, beide weisen eine für die damalige Zeit monumentale Laufzeit auf, beide feierten ungeheure Erfolge im In- und Ausland, und beide behandeln einschneidende Ereignisse in der Geschichte des Römischen Imperiums. Dennoch liegen zwischen QUO VADIS? und CABIRIA Welten, vor allem, was die Art und Weise angeht wie die beiden Filme ihre Fabel erzählen. Möchte man QUO VADIS? als die Geburt des Spielfilms ansehen, so ist er bei CABIRIA schon zum Erwachsenen gereift. Gerade in der direkten Gegenüberstellung beider Werke ist es mehr als erstaunlich, welche Fortschritte der Film in den zwei Jahren erfahren, was für eine Entwicklung sich im Erzählen von Geschichten mittels Bildern vollzogen hat.
Obwohl die Story von CABIRIA relativ komplex ausgefallen ist, mit vielen handelnden Personen und einigen Schauplatzwechseln, sich zudem über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hinzieht, gelang es Giovanni Pastrone und seinem Team, die Geschichte äußerst unterhaltsam, spannend und interessant zu schildern. Wo QUO VADIS?, meiner Meinung nach, nur aus einzelnen Segmenten besteht, die reine oberflächliche Handlungen schildern und die sich selten zu einer geschlossenen Geschichte zusammenfinden, gerät der Erzählfluss in CABIRIA nie ins Stocken. Ganz natürlich entwickelt sich die Handlung, der Film besitzt einen eigenen Rhythmus, lässt sich an Stellen, wo es notwendig ist, genügend Zeit, um seine Charaktere ausreichend einzuführen, versteht es, zwischen actionlastigen und ruhigen Szenen zu wechseln, verbindet seine Bilder überlegt und intelligent, sodass der Eindruck entsteht, dass die Verantwortlichen hier bei jeder Szene das Äußerste an Mühe und Sorgfalt aufwandten, um sie in den Gesamtkontext zu integrieren, sie aber auch in sich stimmig werden zu lassen, was die reichen Dekors, die prachtvollen Kulisse und die unzähligen Details betrifft, mit denen man die einzelnen Schauplätze gefüllt hat. Optisch macht CABIRIA noch heute viel her. Gerade wegen ihrer Statik wirken viele Szenen wie Gemälde, ob sie sich nun in dekadenten Palasträumen, im Wüstensand oder inmitten eines belebten Sklavenmarkts abspielen, sind angereichert mit einer Fülle an Requisiten, mit exotischen Tieren oder mit einer Unmenge an Statisten.
Auch die Geschichte an sich konnte mich begeistern. Ganz offensichtlich hat sich Pastrone hier von Gustave Flauberts Salammbô inspirieren lassen und sich sonst auf Titius Livius Werke über den Punischen Krieg gestützt, herausgekommen ist eine einfallsreiche Story, die viele Klischees vermeidet (beispielsweise findet die obligatorische Liebesgeschichte quasi nur in der allerletzten Szene statt und wird wie nebenbei abgehandelt), und ständig zwischen der persönlichen Ebene der Protagonisten und der weiter gefassten Ebene der politischen Konflikte zwischen Römern und Phöniziern hin und her springt. Das Individuum in CABIRIA, und auch das unterstreicht den romanhaften Charakter des Films, den ich mir problemlos auch als hundertseitigen Klassiker der Weltliteratur vorstellen kann, befindet sich in ständiger Interaktion mit den politischen Ereignissen um sich herum, ob es nun will oder nicht. Die Schicksale der handelnden Figuren lassen sich nur durch die Schicksale der Völker erklären, in die sie hineingeboren worden sind, und ständig überschneiden sich die geschichtsträchtigen Begebenheiten und die, die nur die Individuen selbst betreffen, berühren, bedingen einander, bauen aufeinander auf. Dabei kann ich mir gut vorstellen, dass vor allem die Stellen, in denen die Politik die Überhand gewinnt und CABIRIA zum reinen Historienfilm wird, heute von vielen als öde und langweilig empfunden werden, weil der Film hier wenig erklärt und ein Fachwissen in Bezug auf die Geschichte Roms voraussetzt, trotzdem ist das alles wesentlich zuschauerfreundlich als das Chaos, das in QUO VADIS? vorherrscht, gerade weil die Psychologie der Personen in CABIRIA zumindest in Grundzügen vorhanden ist, und man immer weiß, wieso jemand auf die Weise handelt wie er handelt, und wer es eigentlich ist, der da handelt. Witzig finde ich, dass es sich bei dem Mädchen Cabiria, obwohl das Werk ihren Namen trägt, um die passivste Figur des gesamten Films handelt. Hauptfiguren sind statt ihr, die auch schon mal über längere Zeiträume einfach aus der Handlung verschwindet, Fulvius Axilla und sein Diener Maciste, die trotz ihrer Rangunterschiede eher als Freunde auftreten.
Was die Effektszenen betrifft, ist ebenfalls eine mehr als deutliche Steigerung zu denen in QUO VADIS? festzustellen, anschaulich demonstriert gleich zu Beginn, wenn CABIRIA mit dem Ausbruch des Ätna einsteigt und dem Zuschauer sofort die halbe Studiokulisse um die Ohren wirft. Besonders herausstreichen muss ich jedoch die Szene, in der Cabiria dem Gott Moloch geopfert werden soll, die, meiner Meinung nach, nicht nur die beste des gesamten Films darstellt, sondern auch eine der unheimlichsten Szenen überhaupt ist, die ich jemals in einem Stummfilm (und überhaupt) gesehen habe. Der Moloch ist hier eine überdimensionale Statue in einem nur spärlich ausgeleuchteten Tempel, in deren offenes rauchendes Mal nackte, schreiende, sich wehrende Kinder geworfen werden, um als Opfergabe in Flammen aufzugeben. Dazu ragen düstere Priestergestalten im Halbdunkel auf und bewegen monoton ihre Münder zu irgendwelchen Beschwörungsgesängen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Szene in ihrer unglaublich brutalen Drastik heutzutage auch nur ansatzweise in dieser Form gedreht werden könnte.
CABIRIA hat mich nichts weniger als überrascht und stellte für mich völlig zurecht einen Klassiker der Filmgeschichte dar, der, und das ist selten, heute kaum etwas von seiner damaligen Faszination eingebüßt hat.