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Mr. Dystopia

Die Zukunft ist noch nicht geschrieben, also wehret den Anfängen. Andrew Niccol würde diese Aussage garantiert sofort unterschrieben. Der neuseeländische Filmemacher hat sich zu „dem" Experten finsterer Zukunftsszenarien entwickelt. Dabei hing er nie fantastischen Hirngespinsten nach, sondern dachte stets aktuellle gesellschaftliche wie technische Entwicklungen konsequent weiter und klopfte sie auf ihr mögliches Gefahrenpotential ab. Angefangen bei Gen- („Gattaca", 1997), über Medienmanipulation („The Truman Show", 1998), bis hin zu faschistoiden Überbevölkerungslösungen („In Time", 2011) legte er auf gleichsam kluge wie unterhaltsame Weise den Finger in die Wunde bereits erkennbarer Fehlentwicklungen.

Sein neuester Film „Anon" steht exakt in dieser Tradition und nimmt sich die Brennpunktthemen digitale Überwachung und Verlust von Privatspähre vor. Wieder entwirft er ein technologisch faszinierendes Zukunftsszenario, unter dessen glänzend polierter Oberfläche eine finstere Horrorvision lauert. In einer zeitlich nicht näher definierten Moderne ist das Leben der Menschen durch Biosyn-Implantate bestimmt. Dabei werden permanant visuelle Daten aufgezeichnet und dauerhaft gespeichert. Polizei und Strafvollzugesbehörden haben jederzeit darauf Zugriff, so dass Verbrechen jeder Art nahezu verschwunden sind bzw. rasend schnell und praktisch lückenlos aufgeklärt werden können. Allerdings bedeutete diese Technik auch das Ende jeglicher Privatspähre und Anonymität. Als Detective Sal Frieland (Clive Owen) mit einer Mordserie konfrontiert wird, bei der sich der Täter durch geschickte Datenmanipulation der Identifizierung entzieht, droht das gesamte System zusammen zu brechen ...

Die Prämisse von „Anon" ist so spannend wie verstörend. Dem erstrebenswerten Gut totaler Sicherheit steht ein totalitärer Überwachungsstaat orwellscher Herkunft gegenüber. Jede noch so kleine Handlung, jede Äußerung wird undmittelbar aufgezeichnet und in Sekundenbruchteilen gespeichert. Man kann sich ausmalen, was das für drastische Auswirkungen auf die jeweilige Persönlichkeitsentwicklunng hat. Der Wunsch sich diesem System zu entziehen taucht dabei sehr schnell auf und wird in „Anon" durch eine mysteriöse junge Frau (Amanda Seyfries als „The Girl") verkörpert. Die zentrale Frage nach dem Wert einer eigenen Identität wird so geschickt mit dem Kriminalplot verknüfpt.

Vielleicht hätte sich Nichols mehr auf das Thrillerpotential der Grundhandlung konzentrieren, oder aber deutlicher dem Spannungs-Verhältnis zwischen Anonymitätsverlust, staatlicher Kontrolle und einem Leben ohne Gefahren nachgehen sollen. Am Ende steht sich beides etwas im Weg, denn der Mordplot wird nie richtig spannend und der philosphische Unterbau bleibt zu oberflächlich. Dazu kommen noch stark stillisierte Bilder („Amir Mokri" hatte schon Niccols Gegenwartsdramen „Lord of War" und „Good Kill" veredelt) und Settings, die eine benso kalte wie karge Hochtechnologie-Atmosphäre schaffen, welche zwar optisch beeindruckt und vor allem auch inhaltlich Sinn ergibt, emotional aber für Distanz sorgt. Kombinirt mit den ebenfalls skriptbedingt unnahbaren Figuren, fehlt „Anon" das packende Moment, das solch klug entworfenen Dystopien auch fühl- und erlebbar macht. So bleibt ein in erster Linie intellektuell stimulierendes Gedankenspiel, das die Möglichkeiten des Mediums Film nur teilweise ausschöpft. Für Freunde Andrew Niccols und denen dystopischer Werke jenseits des reinen Spektakels aber dennoch eine Empfehlung wert, zumal die aufgeworfenen Fragen durchaus Nachhaltigkeitseffekt haben.

Fazit:
Kluge Fingerübung von Dystopie-Experte Andrew Niccol, deren düsteres Faszinosum sich eingezwängt zwischen einer zu spannungsarmen Thriller Handlung und letzlich zu oberflächlich bleibenden Gedankenspielen nur teilweise entfalten kann.

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