Review

kurz angerissen*

Die Ängste der Vernetzungsgesellschaft sind spielbestimmend in der futuristischen Dystopie von "Anon". Andrew Niccol geht sowohl das Drehbuch als auch die Regie mit der Entdeckerfreude eines Ingenieurs an, der ein bis in die technischen Details komplett ausformuliertes Konzept zum Thema Überwachung und Anonymität ausgetüftelt hat und es nun seinem fachinteressierten Publikum als Modell präsentieren möchte. Dementsprechend wird zuerst viel theoretisiert und dann am praktischen Beispiel veranschaulicht. Nur die Hälfte der Zukunftsvision offenbart sich über erklärende Dialoge, die andere Hälfte wird über die handwerkliche Rekonstruktion am Fallbeispiel vermittelt, in diesem Fall einer Reihe von Mordfällen, die im irgendwo im Bereich des toten Punkts geschehen, den das eigentlich allgegenwärtige Auge des Gesetzes nicht im Blick hat. Es wird im Zuge dessen viel mit Kamerawinkeln gearbeitet, mit Perspektiven und räumlich-zeitlichen Abläufen. Die Auswertung von Daten ist Gegenstand der Handlung, was nicht weniger bedeutet, als dass der auf "Mittendrin statt nur dabei" geeichte Zuschauer sich damit begnügen muss, ebenso wie die ermittelnde Hauptfigur immer erst dann einzutreffen, wenn die eigentlichen Ereignisse bereits Vergangenheit sind. Einflüsse aus der jüngeren Computerspielgeschichte spiegeln sich in dieser Erzählstruktur; so erinnern die Methoden, auf die der Detective am Ort des Verbrechens zurückgreifen kann, an die virtuellen Gadgets der jüngsten Batman-Videospiele, wo man ebenfalls vergangene Geschehnisse vor- und zurückspulen konnte, um den Fall zu lösen.

Für eine Zukunftsvision, die sich derart zeitgenössischer Quellen bedient, überrascht allerdings das altbacken wirkende Produktionsdesign, das dem Hirn eines Architekten der 70er Jahre hätte entspringen können. Graue Hochhausreihen, dunkle Apartments, leere Straßen und die Abwesenheit einer Pflanzen- und Tierwelt sorgen für einen trostlosen Ausblick auf eine robotische Zukunft. Ungeduldige Naturen mögen das Freudlose in der Optik als Anlass nehmen, dem Vortragenden nicht mehr länger zuzuhören. Sie verlieren die Geduld, weil "Anon" relativ actionarm inszeniert ist und dafür, dass er nun nicht gerade zu den raffiniertesten SciFi-Konzepten der Filmgeschichte aufschließen kann, zu sehr ins Passive zwingt. Clive Owens Detective-Noir- und Amanda Seyfrieds Femme-Fatale-Spielart trägt auch nicht dazu bei, dass man sich schnell in die Situation eingedacht hat. Gesetzt den Fall, dass man sich gegen alle Widerstände trotzdem in das Konzept einzudenken bereit ist, bekommt man immerhin eine inhaltlich ausformulierte, technisch sauber dargebotene Dystopie geboten, die dem Drang der digitalisierten Welt nach totalitärer Überwachung die Meinung geigt wie es ein Vulkanier machen würde: Mit bestechender Logik.

*weitere Informationen: siehe Profil

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