Review

Mit irgendwas muss man ja anfangen – und aller Anfang ist schwer!
Und diese goldenen Regeln gelten auch für große Detektive, die den Sprung von der Buchseite auf die große Leinwand machten.
Sie kennen Holmes, Charlie Chan, den dünnen Mann, Mr. Moto und vielleicht auch Bulldog Drummond? Dann haben sie bestimmt auch mal von Philo Vance gehört.
Dieser Ermittler aus der Feder S.S. Van Dines, war in den späten 20er Jahren DAS heiße Ding und Hollywood stürzte sich auf die gar nicht so zahlreichen Vorlagen wie der Geier auf das Aas. Die Fälle trugen in den meistens Fällen die Ergänzung „Murder Case“ mit sich herum, was man so lange betrieb, bis es ein Running Gag wurde, den man parodierte oder mit ganz anderen Ermittlern als Vance besetzte.
Vance, heute ziemlich in Vergessenheit geraten, genoß jedoch seine große Popularität noch bis in die späten 40er Jahre.

Die war aber schon 1929 so populär, dass man den ersten Fall, „The Canary Murder Case“ sogar noch als Stummfilm konzipierte und sogar drehte – bis die neue Mode des Tons sogar noch größere Möglichkeiten offerierte. Als schrieb und drehte man noch so einiges hastig um, was vor allem zu Lasten der Karriere einer gewissen Louise Brooks ging, die hier als Bitch und Mordopfer nur in den ersten zehn Minuten ihren berühmten Haarschnitt präsentieren durfte und nach dem Dreh ihrer Szenen nach Europa abreiste, wo sie zwei Filme für die Ewigkeiten drehen konnte. Weil sie sich deswegen weigerte, zwecks Nachvertonung nach Hollywood zurück zu kehren, griff man nicht nur zu einem Synchronkniff und engagierte eine Fremdstimme, Miss Brooks versaute sich durch unbedachte Äußerungen auch noch einen Großteil ihrer noch möglichen Tonfilmkarriere.

Wie dem auch sei, den „Murder Case“ hat es, trotz des markanten Auftretens des zukünftigen „Thin Man“ William Powell, in jedem Fall auch nicht mehr retten können.
Der Film ist inzwischen auf mehreren Plattformen in teilweise erbärmlicher Qualität verfügbar, beweist jedoch auch abseits vom Rauschen und mies erhaltenen Kopien, dass das Aufspringen auf einen Zug nicht immer passable Ergebnisse bringt, wenn man sein Handwerk (noch) nicht beherrscht.

„Canary“ erweist sich eindeutig als Übergangsfilm, den man nachträglich synchronisiert hat, dessen Bilder und Settings aber noch mit deutungsvollen Behäbigkeit eines Stummfilms ablaufen. Während Powells Nonchalance das auffangen kann und die Brooks sowieso am besten ist, wenn sie stumm in die Kamera blickt, bietet der Film der Spannungskurve nichts Gehaltvolles.
Die Tat geschieht im Off, der Kniff dabei ist nach 100 Jahren Kriminalliteratur eigentlich für jeden durchschnittlich informierten Zuschauer ziemlich offensichtlich und allerhöchstens die Auflösung und eine gewisse, unerwartete Wendung gegen Ende, ragen aus dem statischen Rekapitulieren (hier war wohl vorher Platz für Zwischentitel) ein wenig heraus. Dennoch ist der Film absolut ohne Sensationen, der Detektiv ermittelt den Täter mittels dessen Verhaltens in einem Pokerspiel und erklärt das Vorgehen später, die Nebenfiguren drehen sich mit ihren Angewohnheiten im Kreis (und zeigen deutlich noch Stummfilmüberzeichnung beim Gebrauch der Sprache), die Kamera steht mit geradezu beunruhigender Sicherheit immer am falschen Platz, etwa hinter einem Tisch oder einem Sofa, während die handelnde Figur mit dem Rücken zur Kamera steht und am Ende ist das Finale auch noch antiklimatisch, weil der Täter vor der Auflösung bei einem Unfall stirbt.

Dennnoch wurde der Film – wohl auch aufgrund der Popularität der Figur – ein großer Erfolg und schaffte es mit dem Titel „Die Stimme aus dem Jenseits“ sogar in die deutschen Kinos. Zum Glück machte die technische Weiterentwicklung so große Sprünge, dass schon bei den folgenden Filmen die technische Qualität bedeutend aufgewertet wurde.
Als Krimi-Mystery funktioniert der Film – wenn auch umständlich – leidlich, wenn auch nach einem berühmten Motiv, welches später auch „Columbo“ gefallen hätte. Dennoch konnte man vom Jahr 1929, in dem durchaus einige Meisterwerke entstanden, mehr erwarten als von diesem Flickwerk, welches man hastig durch die Dubbing-Mühle drehte. (3/10)

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