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Wer sich mit dem italienischen Film wenigstens ansatzweise auskennt und den Namen "Lucio Fulci" hört oder liest, wird als erstes gewiss nicht an "subtil geflochtene Krimis" denken, sondern sicherlich an (oft - zumindest vermeintlich - sinnfreie) Gewaltexzesse und nur unverhohlen zur Schau gestellten Hass auf Frauen. Doch "subtil geflochtener Krimi" ist eine Bezeichnung, die "Don't torture a duckling" (anderen Quellen gemäß auch "...the duckling") durchaus verdient.

Die Handlung zusammenzufassen (Spoiler Alert!) ist nicht allzu schwer: Ein Junge wird (ohne erkennbares Motiv) getötet. Der Täter scheint schnell gefunden: ein geistig Zurückgebliebener, der tatsächlich genau diesem Jungen den Tod angedroht hatte, falls er nicht aufhören würden, ihn zu verspotten. Doch noch während er in Haft sitzt, erfolgen ein zweiter und ein dritter Mord; der modus operandi des Täters ist der gleiche. Auch hier sind die Opfer Jungen, gerade im Alter sich ausprägender Sexualität. Verdächtigt wird nun eine Frau, von der es heißt, sie übe "schwarze Magie" aus. Auch als offenkundig wird, dass sie die Taten nicht begangen hat (sie bekennt sich schuldig, sie durch Zauberei "zum Tode gebracht" zu haben, die Kinder wurden jedoch erwürgt), betrachtet die Dorfbevölkerung sie dennoch als schuldig, und drei Männer verletzen sie in einer Selbstjustiz-Aktion so schwer, dass sie kurz darauf an ihren Verletzungen stirbt. Eine Puppe ohne Kopf, später dann der Kopf einer weiteren Puppe, bringen die beiden Protagonisten, einen (typischen 70er-Jahre-Italo-) Journalisten und eine Frau, deren Rolle zunächst äußerst undurchsichtig ist, auf die Spur, die sich letztendlich als richtig erweisen wird.

Dass auch L. Fulci sehr wohl in der Lage ist, einen Film zu drehen, den man nur mit größter Mühe dem "Exploitation-", "Sleaze-" oder auch nur "Splatter"-Subgenre zuordnen kann, mag überraschen.
"Don't torture a duckling" ist ein durchaus ernstzunehmender Thriller, der (nicht zuletzt durch die teilweise an Morricone erinnernde Filmmusik von Riz Ortolani) sehr gekonnt eine morbide-verstörende Atmosphäre heraufbeschwört, ohne dazu Set-Exzesse wie etwa in Fulcis Splatter-Klassikern "The Beyond/L'Aldila" oder "City of the Living Dead/Paura nella Cittá dei Morti Viventi" zu benötigen.

Dabei stellt der Film zugleich mehr dar als nur einen handwerklich durchaus soliden Thriller (dem man, wenn man von einer einzigen, deutlich "ange-sleaze-ten", Szene absieht, keinesfalls den Vorwurf machen kann, er sei "sensationalistisch"). Fulci setzt sich hier in durchaus zum Nachdenken anregender Art und Weise mit ernsthaften Themen auseinander: Kindliche Umschuld und das Erwachsenwerden stellen ebenso einen Teil der Problematik dar wie etwa hermetische (Dorf‑)Gemeinschaften und Gruppenzwang, wobei auch "Aberglaube in der heutigen Gesellschaft" thematisiert wird. Fulci hat diesen Film in einem eindeutig als hinterwäldlerisch charakterisierten Dorf angesiedelt - auch informationstechnisch ist dieses Dorf noch recht zurückgeblieben. Dieses Motiv greift Fulci mehrmals deutlich betont auf: So zeigt etwa die Anfangsszene zwei Frauen, die geradezu sklavisch ihrem Radio verfallen sind, und sobald man das Dorf sieht, in das diese Frauen einfahren, ist offensichtlich, dass dieses Radio eine Art "Nabelschnur" zu einer moderneren Welt darstellt. Wie schlecht es in dieser Gegend um die Informationstechnik bestellt ist, wird dem Rezipienten kurze Zeit später erneut vor Augen geführt, als ein Dorfbewohner eine anderen Person, die aus einer (nicht näher benannten) Großstadt gekommen ist, erstaunt fragt: "Du hattest einen Fernseher?" (Dass im Verlauf des Films gezeigt wird, dass auch einige Dorfbewohner sehr wohl einen Fernseher besitzen, nimmt dieser soziologisch durchaus bedeutsamen Charakterisierung der Dorfbewohner einiges an Schärfe - aber diese mangelnde Kohärenz ist ein typischer Mangel vieler Werke Fulcis, die berechtigt kritisiert wird.)
Die Gier auf das Neue, diese wahrhaftige "Neu-Gier", wird hier deutlich althergebrachten Traditionen gegenübergestellt. So wird die Protagonistin des Films, die Tochter eines ehemaligen Dorfbewohners, der es zu genug Wohlstand gebracht hat, um das Dorf verlassen zu können, als extrem "modern" stilisiert und entsprechend auch von der restlichen Dorfgemeinschaft empfunden. So wird das Haus, in dem sie wohnt (bautechnisch erinnernd an ein stilistisches Gemisch der James-Bond-Bauten von Ken Adams - und in gewisser Weise sowohl die hypermodernen Villa aus Lamberto Bavas "A Blade in the Dark" als auch Dario Argentos 'kalte' Häuser in "Tenebre" vorwegnehmend) von den Dorfbewohnern als (frei übersetzt) "das moderne Teil nahe dem Ortseingang" bezeichnet - hier finden sich also recht deutliche Zeichen einer Furcht vor (allem?) Neuen. Dass diese moderne junge Frau sich dazu noch aufreizend kleidet (und damit bei allen männlichen Bewohnern stets auf ein Gemisch aus Bewunderung und Ablehnung trifft resp. treffen muss), in einer (nämlich der oben erwähnten deutlich "ange-sleaze-ten") Szene nackt vor einem Jugendlichen posiert, der gerade erst in das Alter kommt, seine eigene Sexualität zu entdecken (was, wie bereits ewähnt durchaus zu den Grundthemen dieses Films gehört), und zudem eigentlich nur in das Dorf zurückgekehrt war, um dem Wirbel um einen Drogenskandal zu entrinnen, passt sowohl zu der Sicht der Dorfbewohner auf diese "moderne" Frau (den althergebrachten Sitten zufolge ist "modern" automatisch zu lesen als: "Schlampe"), als auch zu Fulcis Frauenbild an sich (aber was die Parallelen und Vorwegnahmen anderer Fulci-Topoi betrifft, später mehr). [Interessanterweise beschreibt F. Trebbin diese junge Frau als "natürlich amerikanische" Blondine (Die Angst sitzt neben Dir, Gesamtausgabe, S. 150); in der US-Synchronfassung handelt es sich, wie oben schon erwähnt, um eine Italienerin.]

Im gleichen Maße, in dem das "Moderne" (als Form des "Anderen", vgl. dazu S. Höltgen, Splatting Image 52, 2002, 18-23) von der Dorfgemeinschaft als Gefahr wahrgenommen wird, existiert eine weitere Bedrohung durch die "Andersartigkeit" - in Gestalt der tragischen Figur einer Frau, der seitens des Dorfes vorgeworfen wird, Hexerei zu betreiben. Diese Frau verlor vor fünfzehn Jahren ihr Kind (d. h. dieses Kind wäre jetzt im gleichen Alter wie die drei Mordopfer), und sie wollte (ohne weitere Begründung) den besagten drei Kindern "den Tod anhexen", sah sich also, nachdem es tatsächlich zu den Todesfällen gekommen war, als die "Urheberin". Der polizeilichen Beurteilung der Lage (die Frau sei wahnsinnig und im kriminalistischen Sinne unschuldig) zum Trotz wird sie von der Dorfbevölkerung zur Schuldigen erklärt, und da ein rechtmäßiges Verfahren gegen die mutmaßliche Täterin ausscheidet, wird zum Mittel der Selbstjustiz gegriffen. Die Art und Weise, wie dann gegen die "Hexe" vorgegangen wird, ist formal äußerst interessant, da hier "typische Fulci-Stilmittel" einer geradezu genialen, hochgradig ästhetifizierend-zynischen Verfremdung der Atmosphäre entgegengesetzt werden. So wird besagter Frau auf einem alten, abgelegenen Friedhof von drei Männern aufgelauert, und um - trotz der Abgelegenheit – wirklich sichergehen zu können, dass niemand sie wird schreien hören, wird ein Radio (da ist wieder die Nabelschnur zur Gesellschaft!) auf höchste Lautstärke gedreht. Aus diesem Radio dröhnt nun ein (für die Frühsiebziger typischer) Prog-Rock-Song, während in für die damalige Zeit geradezu unerhört explizierter Form die ersten Wunden geschlagen werden (nur geringfügig weniger graphisch als der aber ansonsten formal sogar sehr ähnlich dem Tod des Hexers in der Eröffnungssequenz von "L'Aldila"). Perfide dabei allerdings ist, dass alles, was zu sehen ist, einem Videoclip gleich im Takt des Rocksongs inszeniert ist. Es ist nur folgerichtig, dass dann, nachdem zwar das Lied, aber noch nicht die "Hinrichtung der Hexe" beendet ist, zunächst ein Radiosprecher den nächsten Song ankündigt. Während dieser Ankündigung scheint die Zeit aufgehoben: Alle Anwesenden (zumindest die drei Männer) lauschen wieder der körperlosen Stimme aus dem Radio, und nachdem dann der neue Song einsetzt, jetzt eine hochemotionale und -emotionalisierende Ballade mit ätherischer Frauenstimme, wird ebenfalls folgerichtig die "Hinrichtung" fortgesetzt, jetzt allerdings dem neuen Takt folgend und entsprechend passend in Slow-Motion und zum Teil unter Einsatz von Weichzeichnern dem Popsong angepasst. Diese zynische Pseudo-Ästhetifizierung stellt definitiv einen Höhepunkt in diesem Film und in gewisser Weise vielleicht sogar einen Höhepunkt von Fulcis gesamtem Schaffen dar, kann sie doch in keiner Weise der tatsächlichen Todes-Ästhetifizierung (etwa eines D. Argento) gleichgesetzt werden, sondern ist etwas grundlegend Eigenständiges, das durch diese virtuose Entgegenstellung von Handlungsebene und emotionalisierender Fimmusik erzeugt wird, wobei sich ein Bruch dieser Ebenen dadurch ergibt, dass die Musik, mit der die Bilder unterlegt sind, eben aus der Handlungsebene stammt, also echte 'Source-Music' darstellt - ein weiterer Vorgriff auf Argentos 'Tenebre', genauer dem 'Lesben-Doppelmord', bei dem ja auch explizit eine Schallplatte mit der Musik von Goblin aufgelegt (und später vom Mörder wieder ausgestellt) wird.
Formal bietet dieser Film einen Ausblick auf nahezu alle später bei Fulci wiederkehrenden Story-Elemente: Nur scheinbar zusammenhanglose Gegenschnitte werden in gleicher Form bei der Eröffnungssequenz von "Paura nella Cittá die Morti Viventi" wieder eingesetzt, die Art und Weise der (Fast-)Tötung der Frau, die von der Dorfgemeinschaft der Hexerei bezichtigt wurde, taucht bis hin zu Details (Art der Wunden und ihrer Erzeugung) in der Eröffnungssequenz von "L'Aldila" wieder auf, und (weniger drastisch, aber dennoch auffällig) auch "Donald Duck" erhält hier bereits eine Bedeutung, die man in dem Film ansonsten nicht erwarten würde; damit ist ein gewisser Wiedererkennungswert eines der Themen aus "New York Ripper" natürlich garantiert. Man könnte fast meinen, Fulci habe beabsichtigt, in allen weiteren seiner Filme zu einer Art "Jagd auf den Wiedererkennungswert" einzuladen.

Für Fulci-Liebhaber ist dieses Frühwerk eindeutig ein Muss, für alle Freunde des Giallo an sich definitiv einer der wichtigsten Vertreter dieser Krimi-Gattung.

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