Review

Der Fußballgegner pflegt das Spiel gerne aufs Banalste zu reduzieren, um seinen Punkt zu machen. Es gehe letztlich darum, so seine Argumentation, dass 22 erwachsene Männer einem Ball hinterherjagen. Zwei Fußballmannschaften mitsamt etlicher Ersatzspieler schickt nun auch Marvel in sein bis dato drittes Omnibus-Abenteuer unter dem Banner "The Avengers". Ach, könnte man das Marvel-Universum doch auch so bequem zusammenfalten wie den Fußball. Aber so einfach ist es nicht.

Zwar treten hier Superhelden und Supervillains im Kampf um bunte Steine gegeneinander an, die in diesem Fall eben in den Handschuh sollen statt ins Tor. Mit ihren besonderen Superkräften (Netze statt Haxen schwingen, Thanos rupfen statt Bälle lupfen) verschaffen sie ihren jeweiligen Teams Vorteile, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Das Objekt der Begierde bleibt wie schon bei der initialen Jagd um den Tesserakt in "The Avengers" (2012) ein MacGuffin, der sich grundsätzlich sehr wohl auf seinen Aggregatzustand als geometrisches Objekt reduzieren lässt. Die eskapistische Natur der Comic-Action wird damit offenlegt, denn wenn der Superwürfel schon nicht um seiner selbst Willen als physische Tatsache existiert, ist er nicht mehr als ein Fantasiegebilde, das man, puff, aus der Gleichung streichen kann, bis nur noch der Träumer ferner Welten übrig bleibt.

Um aber mit der vereinfachenden Formel "zwei Teams, ein Spielzeug" in die Analyse zu gehen, ist der Schneeball in der vergangenen Dekade Marvel viel zu weit gerollt. "Infinity War", dieser fette Otto-Katalog von einer Comicverfilmung, ist mit seiner pedantischen Katalogisierung von unzähligen Charakteren nur aus zweierlei Gründen überhaupt dazu in der Lage, zu existieren: Erstens, weil er auf den geteilten Wissenskonsens aus 18 (!) Vorgängerfilmen zurückgreifen und deren Ereignisse als bekannt voraussetzen darf (hoffentlich hat jeder brav seine Marvel-Filme geguckt). Zweitens, weil er nach hinten heraus weitere Entwicklungen auslagern kann, die wir dann in gut einem Jahr in Bild und Ton bestaunen können. Wären diese Voraussetzungen nicht gegeben, würden diese armseligen zweieinhalb Stunden platzen wie ein Kondom über dem geschwollenen Ego des Tony Stark.

Schon jetzt ist "Infinity War", selbst wenn man ihn als unvollendetes Werk betrachtet (das er als bombastische Action-Tragödie mit offenem Abbruch zweifellos ist), dem Platzen mehr als nahe. Dass dies nicht passiert, ist lediglich der völligen Abkopplung von allem Irdischen zu verdanken. Die Erde, wie wir sie kennen, ist nur noch eine nach Belieben deformierbare Play-Doh-Plattform von vielen, das Weltall als solches ist längst das eigentliche Handlungszentrum. In Filmen, in denen Monde als Wurfgeschosse verwendet werden, kann man eben keinen Tee mit Freunden im Sommergarten erwarten, hier ist die Normalität, auch Alltag genannt, Äonen entfernt. "Man könnte meinen, ihr habt noch nie ein Raumschiff gesehen", wundert sich Stan Lee in einem Cameo als Busfahrer über seine Schüler völlig standesgemäß. Die von der freundlichen Spinne gerne zitierte Nachbarschaft kommt nur noch in einem Nebensatz von Peter Parker zur Erwähnung... während er gerade in einem riesigen Metalldonut durchs All schwebt.

Wenn man schon in solchen Dimensionen auftischt, ist Struktur einfach alles. In mundgerechte Stücke werden die vielen versponnenen Ereignisketten vom Regiegespann Anthony und Joe Russo portioniert, indem das verfügbare Arsenal an Figuren wie ein Strom von Uni-Studenten am Einführungstag in kleine Grüppchen aufgeteilt wird. Man lässt sie jeweils ihre eigenen Eier ausbrüten, die später dann in der Schüssel aufgeschlagen und miteinander verrührt werden können. Die Paarungen entstehen dabei nicht von ungefähr: Spider-Man und Iron Man, Jugend und Erfahrung, Schüler und Mentor, das hat ja schon in "Spider-Man: Homecoming" die gewünschte Würze gebracht, zum Dreieck mit Doctor Strange austariert wird allerdings erst recht eine Gaudi draus. Der mystische Strange und der pragmatische Eiserne beharken sich mit äußerst humorvollem Abgang, und man merkt vor lauter Bespaßung gar nicht, wie gerade in diesem Handlungsstrang nebenbei äußerst wichtige Handlungsschlüssel ausgelegt werden, die später einen unermesslichen Impact auf folgende Ereignisse haben werden. Ähnlich gut, aber völlig anders funktioniert die Konfrontation von Thor mit Star-Lord. Man hat sich im Vorfeld oft gefragt, wie sich die stets als etwas abseitig empfundene "Guardians Of The Galaxy"-Saga in den Konsens eingliedern würde. Die Russos suchen einfach nach Ähnlichkeiten und finden sie nicht nur im Vornamen von Pratt und Hemsworth, die sich bei der gegenseitigen Spiegelung zur etwas anderen Buddy-Comedy zusammenraufen, stets zuverlässig mit angemessenem Echo kommentiert von einem Drax (Dave Bautista), der das Publikum treffend reflektiert, indem er Popcorn-Entertainment als hohe Kunst begreift, die mit Geraschel und Geschlürfe honoriert gehört.

Natürlich hat ein solcher Partitionsaufbau einen sehr synthetischen Charakter zufolge, der auch dem Zuschauer nicht verborgen bleibt. Der demgemäß absolvierte Häppchen-Dreh dürfte auch etwas mit logistischen Überlegungen zu tun gehabt haben; schließlich darf man sich nicht vorstellen, dass hier mehrere Dutzend gut bezahlter Stars brav am Set zugucken und applaudieren, wenn die Anderen ihre Szenen abdrehen.
Gemessen an dem eigentlich unvorstellbaren logistischen Irrsinn allerdings gelingt den Russos Bemerkenswertes bei der Kombination und Montage der Einzelepisoden. Sie müssen zwar dicht an dicht Spezialeffekte aneinanderreihen, die aus Filmen mit teils unterschiedlicher Mythologie stammen, was gerade auf lange Sicht einen visuellen Overkill zur Folge hat; manchmal, da wünscht man sich, Strange oder sein Begleiter Wong würden doch einfach mal ihre Funken schlagenden Dimensionsportale stecken lassen und die gegebene Realität Realität sein lassen. Aber wie die Effekte kombiniert werden, das hat schon was von der Virtuosität, mit der einst Guybrush Threepwood hinter einer Wand sonderliche Dinge kombinierte, um an das "sagenhafte Idol" zu gelangen. Anstatt witziges Konfetti an einen schwer bewaffneten Clown zu überreichen, Wachslippen ins Feuer zu werfen oder Feilen auf Nashorn-Fußnägel anzuwenden, werden nun eben Avengers-Kollegen durch Portale gefeuert, Spinnenanzüge am Äußeren einer Raumstation getestet und Star-Wars-ähnliche Kriege auf Wakandas saftigen Wiesen ausgetragen. Und wenn man sich einmal in Erinnerung beruft, welche Krämpfe das Kombinieren von nur sechs Kampfstilen in DCs „Justice League“ verursachte, ist die fließende Verschmelzung der Akrobatik der unterschiedlichsten Avengers reinster Wahnwitz.

Zwar nimmt der visuelle Overkill bisweilen schon Atompilz-Ausmaße an, was aber nicht bedeutet, dass die Spielzüge nicht nachvollziehbar sind. In dem Gewusel aus Dauerattacken und flapsigen Sprüchen kann das Drehbuch trotz manch vorhersehbarer Entwicklung immer wieder überraschende Wendungen setzen und Andeutungen bezüglich zukünftiger Entwicklungen einbringen, die einfach verständlich sind, ohne platt zu wirken. Äußerst hilfreich ist es dabei, dass man endlich mal eines der größten Probleme im Marvel-Kosmos an der Wurzel gepackt und in einem radikalen Schritt ausgebessert hat. Man kann nämlich glatt behaupten, die Perspektive, aus der die Zerstörung eingefangen wird, ist diejenige des Verursachers. Thanos mag nicht der hübscheste Kerl unter der Sonne sein und trotz porentiefer Animation hängt auch ihm der Makel des Avatar-Kunstmenschen an. Allerdings wird der von Josh Brolin typisch erdig gespielte Ultra-Zerstörer mit reichlich Screentime so komplex gezeichnet, dass er glatt der Kritik entgeht, der sich andere omnipotente Super-Wesen wie Superman oder Apocalypse aus „X-Men“ stellen müssen.

Das mag auch damit zu tun haben, dass „Infinity War“ in seinem letzten Drittel einen Wandel der Gezeiten nicht mehr länger nur andeutet, sondern mit harten Bildern belegt. Schon in der ersten Szene, die hektisch mittendrin beginnt und den seriellen Charakter der Marvel-Filme nochmals untermauert, wird der Ernst der Lage mit harten Bandagen unterstrichen, zum Ende hingegen macht sich sogar eine Stimmung irrealer Melancholie breit. Abgefedert wird sie durch allerhand Eventualitäten, legitimiert durch den Fantasy-Unterbau, der schlicht alles ermöglicht. In diesem Moment bewegt sich nicht nur dieser Film, sondern das gesamte Universum auf einem schmalen Grat: Man scheint nun endgültig am Ende des Machbaren angekommen zu sein. Noch mehr Bombast, noch mehr Bildgewalt geht einfach nicht, ohne enorme Schäden in Kauf zu nehmen, was das Gesamtgelingen angeht.

Man entlässt die Zuschauer Blicke tauschend und angeregt murmelnd in den Abspann (auch wenn diesmal ein solcher ohne After-Credits-Szene angemessen gewesen wäre: Sitzen bleiben!), weil es so etwas selbst in der vor Superlativen strotzenden Marvel-Welt noch nie gegeben hat. Nachdem „The Avengers“ erstmals ein ähnlich erschlagendes Gefühl hinterließ und „Avengers: Age Of Ultron“ in vielerlei Hinsicht ein Rückschritt war, geht der dritte Teil mit aller Macht nach vorne, lässt staunen und reißt phasenweise mit. Er macht neugierig auf den vierten Einsatz. Nicht aber ohne diese kleine Stimme im Hinterkopf, die dir einflüstert: Ist es nicht unbefriedigend, zu wissen, dass man höher eigentlich nicht hinaus kann?
(7.5/10)

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