Dennis Potters Skripte zu „The Singing Detective“, ursprünglich eine TV-Mini-Serie von 1986 gelten heutzutage als mit zum Besten was je für die kleine Mattscheibe geschrieben worden ist. Unglücklicherweise kann man sich dank der Ausstrahlungsmodalitäten des deutschen Fernsehens kaum noch daran erinnern, wenn man kein Elefantengedächtnis besitzt und weil ich mich nicht zu den Glücklichen zählen kann (selbst „Lipstick on your collar“ ist nur noch fragmentarisch vorhanden), muß an dieser Stelle ein Vergleich zwischen dem vielgepriesenen Original und der ziemlich unbemerkt gebliebenen Kino-Fassung leider entfallen.
Begutachten wir Keith Gordons „The Singing Detective“ also für sich alleinstehend.
Nehmen wir vorweg, daß es sich um eine ziemlich anstrengende Mischung aus psychologischem Drama, Krankengeschichte, ätzender Satire, Film-Noir-Elementen und Musicalnummern handelt, die Leidensgeschichte des Autoren Dan Dark.
Dark leidet seit Jahren an „Psioriasis“ einer extrem schmerzhaften Hautkrankheit, die ihn, wie er selbst behauptet, in eine lebende Pizza verwandelt. Tatsächlich wurde Robert Downey jr. atemberaubend zurechtgemacht: sein ganzer Körper ist eine schorfige Vulkanlandschaft aus schorfigen Exzemen und austrockenen, aufklaffenden Pusteln. Alles schmerzt, er kann sich nicht bewegen, kann nicht laufen, kann nicht stehen.
Aber sein Haß, sein Zynismus, sein ätzender Sinn für das Sarkastische bleiben aktiv und sein malträtiertes Gehirn spielt ihm Streiche...
Die Struktur des Films fordert dem Zuschauer einiges ab, ein wildes Konglomerat aus bisweilen nicht sofort schlüssigen Szenen aus dem Gangstermilieu, Tanznummern und dann wieder in der Klinikrealität macht die Rezeption um so schwieriger, da man zunächst noch nicht weiß, um was es eigentlich gehen soll. Erst nach und nach macht sich ein roter Faden bemerkbar und der weist in eindeutig in die psychologische Richtung.
Trotz dieser wilden und weitestgehend unterhaltsamen Mischung kann ich „The Singing Detective“ nicht als wahrhaft gelungenen Film ansehen. Sein Problem liegt sicherlich in der gestauchten Form, da hier eine mehrteilige, mehrstündige Serie zu einem einzigen Film eingestampft wurden. Ergo mußte man eine Zielrichtung vorgeben, ein Endpunkt, zu dem sich alles entwickeln mußte. Das ist hier die äußer- wie innerliche Heilung Darks, der, wie sich herausstellt, seine Lebenswut und seinen Frauen- und Physis-Ekel aus einem Kindheitstrauma bezieht, nachdem er seine Mutter erst beim Seitensprung beobachtete und dann mitansehen mußte, wie sie sich aus Geldnot Männern hingab.
Die Haut, diese üble Kraterlandschaft, ist somit der Spiegel von Darks Seele; je mehr es innen wütet, des übler geht es ihm außen. Erst ein Psychotherapeut kann ihn nach und nach zum produktiveren Nachgrübeln bringen und dieser Heilungsprozess nimmt den größten Teil der Filmzeit in Anspruch. Nachträglich sind zuviele Therapeutengespräche, zu viel innerer Monolog, zu viele Kindheitsrückblenden vorhanden, immer darauf bedacht, dem Zuschauer den Sinn des Geschehens auch ja klar zu machen. Das geht aber stark zu Lasten der Gangster-Traumeinschübe und Musiknummern, allesamt Klassiker, die zwar immer stimmungsvoll zünden, aber zu selten in das Gesamtgefüge passen können. So bietet das Skript zwar reichlich erzählerische Bildideen aber keine Raffinesse in der Bildsprache, Mono- und Dialog müssen alles leisten, was eine wilde Phantasie eines Terry Gilliam vermutlich in ein optische Inferno hätte verwandeln können. Und weil die Lösung des inneren Konflikts dem Zuschauer schon viel eher klar sind, als der Hauptfigur, verliert man bisweilen manchmal das Interesse an dem widerborstigen Heilungsprozess.
Dabei ist man stets vorsichtig mit Dennis Potters Skript umgegangen, es gab keine Überarbeitung, keine Anpassung, sondern anscheind lediglich ein fokussierendes Zusammenstreichen auf die wesentlichen Teile. Unterstrichen wird das durch betont artifizielle Film-Noir-Sets (auch auf das schmale Budget zurückzuführen), die an latent künstliche TV-Dekos erinnern.
Womit ich aber keinsfalls die Leistung der Darsteller schmälern möchte, die hauptsächlich für das Erlebnis sorgen. Downey jr. , eigentlich immer ausgezeichnet, bietet eine Herkulesarbeit auf komödiantischem wie dramatischen Gebiet, spielt den harten „Privat Eye“ genauso überzeugend, wie den zynischen oder den weinerlichen Patienten und beweist beachtlichen Mut zur Häßlichkeit. Ebenfalls bezaubernd bietet Mel Gibson eine schnuckelige Performance als Darks Psychotherapeut, in gesetztem Alter und nur noch lediglich mit Haarkranz bestückt. Jon Polito und Adrien Brody geben zwei nicht sonderlich schlaue Gangstertypen, die als Inbild des Bösen herhalten müssen, Robin Wright Penn bemüht sich betont, gegen ihre Gesichtslosigkeit anzuspielen und Katie Holmes als Schwester sorgt (wie immer) für diverse erotische Schwesterträume in punkto Schnuckeligkeit.
Eine der besten Szenen des Originals hat sich so übrigens auch in die Filmfassung gerettet, die durchaus ein Alltime-Favorite werden könnte, nämlich die Sequenz, in der Nurse Mills (Holmes) Darks Haut eincremen muß, während ihn sexuelle Phantasien plagen. Wunderbar in Zeitlupe veredelt, sieht man das Überstreifen des weißen Handschuhe und das Verreiben der Creme erst auf den Händen, dann auf den Oberschenkeln, während man dem inneren Monolog Darks lauscht, der in psychopathischer Hektik versucht, sich mit langweiligen Dingen und Tätigkeit von einer bevorstehenden Erektion und Ejakulation abzuhalten. Eine schreiend komische Performance, die in eine erotische Musiknummer übergeht und natürlich den erwarteten Abgang hat...
So stehen also Darstellerleistungen gegen ein wortlastiges Drehbuch, daß den Potterschen Geist nicht halten kann, wenn nicht die dramaturgische Breite zur Verfügung steht. Eine ruppige Konstruktion läßt nur traurige Seufzer zu, wenn man bedenkt, wie harmonisch sich diese Musiknummern bisweilen sogar in TV-Serien wie „Ally McBeal“ eingefügt haben (ebenfalls mit Downey, zumindest für eine Staffel).
Man kommt um die verschenkten Möglichkeiten nicht ganz herum, aber zum Glück bleiben genug Szene übrig, um den Film als erinnerungswürdig und kurios herauszustellen.
Für mehr hätte es ein inspirierterer Filmemacher sein müssen, der Cast arbeitet hier bereits auf höchster Drehzahl. (6/10)