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Als französische Staatsbürgerin spielt Olga Kurylenko nicht nur in Hollywoodfilmen und amerikanischen B-Movies mit, sondern ist auch immer mal wieder in (Co-)Produktionen aus ihrer Wahlheimat zu sehen, darunter auch der kanadisch-französische Survivalthriller „A Breath Away“.
Im Zentrum steht eine dreiköpfige Familie, die schon vor dem Ausbruch der großen Katastrophe in einer außergewöhnlichen Situation lebt. Tochter Sarah (Fatine Harduin) leidet an einer seltenen Immunerkrankung, die den Schutz vor jedweder Art von Keim erfordert, weshalb sie in einer hermetisch abgesiegelten Kapsel leben muss. Von dort aus chattet sie mit Freunden, die das gleiche Schicksal teilen, an einem Bildschirm, das Essen erhält sie von ihrer Mutter Anna (Olga Kurylenko) durch eine Luftschleuse. Die High-Tech-Kapsel, deren Batterien regelmäßig getauscht werden müssen, ist ein leicht futuristisches Element in diesem sonst sehr gegenwärtigen Film, aber auch mit gutem Grund, denn Sarahs Umstände werden schon bald zum Plotmotor.
Vater Mathieu (Romain Duris) kehrt zu Filmbeginn aus Kanada zurück, wo er sich nach Behandlungsmöglichkeiten für Sarah erkundigt hat. Schon kurz nach seiner Heimkehr zieht ein seltsamer Nebel auf, der ganz Paris einhüllt und dem man nur in den oberen Stockwerken entgehen kann. Anna und Mathieu flüchten geistesgegenwärtig in die Dachgeschosswohnung des alten Ehepaars Lucien (Michel Robin) und Colette (Anna Gaylor), während Sarah in ihrer Kapsel vor dem Nebel sicher ist. Die Bedrohung erinnert oberflächlich an den John-Carpenter-Klassiker „The Fog“ und Frank Darabonts Stephen-King-Adaption „Der Nebel“, kommt jedoch ohne deren phantastische Elemente aus, denn die Schwaden mögen zwar beim Einatmen tödlich sein, bergen jedoch keine Geister oder Monster.

In der vorerst sicheren Wohnung kann sich das Paar sammeln, doch das ist nur eine kurze Atempause. Unsicher ist, wann und ob Hilfe kommt, während Sarahs Kapsel weiterhin die Batteriewechsel benötigt. Also müssen die Eheleute selbst nach Lösungen suchen, damit sie und ihr Kind die Katastrophe überleben können…
Die Überlebensstrategien in einer lebensfeindlichen Umwelt erinnern ein wenig an „Carriers“, vom Blickwinkel hat „A Breath Away“ vielleicht am ehesten Ähnlichkeit mit einem Film wie „Cloverfield“: Konsequent bleibt der Film bei den Hauptfiguren, teilt deren Wissen und Nicht-Wissen mit dem Publikum. So erfährt man nie etwas über die Natur und das Ausbreitungsgebiet des tödlichen Nebels, das zwischen Paris und der ganzen Welt quasi jeden Umfang haben könnte. Maßnahmen der französischen Regierung in der Notlage erfährt man nur sporadisch, warum manche Hunde den Nebel überleben, andere daran sterben, gar nicht. Das ist konsequent, aber auch ein bisschen unbefriedigend, weil es manchmal so wirkt, als stehle sich „A Breath Away“ ein wenig aus dem konsequenten Worldbuilding heraus. So ist der finale Twist durchaus einfallsreich und überraschend, wirkt aber auch wenig arbiträr, da man die Logik dahinter bestenfalls raten kann.
Gleichzeitig spart die Prämisse dann auch viel an Cast ein, denn „A Breath Away“ konzentriert sich auf wenige Figuren beziehungsweise Schauspieler, in erster Linie Romain Duris und Olga Kurylenko. Beide spielen die Hauptfiguren glaubwürdig als liebende Eltern, die über sich hinauswachsen, aber auch nicht zu übermenschlichen Helden werden, sondern mit dem Mut der Verzweiflung (und einem wissenschaftlichen Berufshintergrund) um das eigene Überleben und das ihres Kindes kämpfen. Fatine Harduin ist in ihren Darstellungsmöglichkeiten durch das Szenario etwas eingeschränkt (auch im wörtlichen Sinne), macht aber das Beste daraus. Tolle Akzente setzen Michel Robin und Anna Gaylor als warmherziges, älteres Paar. Ihre Figuren haben einen Sohn in Paris, über dessen Schicksal während der Katastrophe sie nichts wissen; sie schwanken zwischen Hoffnung und Resignation, bis hin zu einer stillen, konsequenten und bewegenden Entscheidung gegen Ende des Films.

Ansonsten bietet „A Breath Away“ das konsequente Einmaleins des Survivalthrillers, die Abfolge von auftretenden Problemen und (temporären) Lösungen, die mal besser und mal schlechter funktionieren. Die Hauptfiguren bauen eigene Atemgeräte und suchen nach professionellen Varianten, Gerätschaften können wieder kaputtgehen, während die Batterieladezeit immer einen Wettlauf gegen die Zeit symbolisiert. Das ist manchmal etwas formelhaft, manchmal ein wenig willkürlich (beispielsweise die Hundeattacke), aber gut gemacht und in seinen besten Moment allein durch die handwerkliche Inszenierung seitens Daniel Roby spannend, etwa man sich bei schwindender Atemluft durch die Nebelschwaden hindurchschlagen muss.
Das Budget dürfte allzu üppig gewesen sein, wenn man auf die Größe der Belegschaft und die Anzahl an Locations schaut, zusätzlich zur kostengünstigen, aber überzeugend getricksten Art der Bedrohung. Doch Robys Inszenierung gelingen einige einprägsame Bilder, etwa der Blick über die Dächer und oberen Etagen von Paris, während alles darunter in gespenstischer Stille liegt. Jedes Herabsteigen und zufällige Abrutschen in die weiße Suppe würde den Tod bedeuten, ein unbehagliches Grauen macht sich breit, wenn man merkt, dass Nebel noch weiter steigt, wenn auch bedeutend langsamer als zuvor. Ebenfalls stark ist es dann, wenn man mitbekommt, wie andere Figuren mit der Situation umgehen: Ausgerechnet ein Polizist erweist sich als eine Art gewaltbereiter Prepper, auf den Mathieu einmal trifft; einen größeren Der-Mensch-ist-des-Menschen-Wolf-Vorfall erleben Anna und Mathieu nur aus der Ferne, was diesen nicht weniger unheimlich macht.

So hat „A Breath Away“ seine Momente und Spannungspassagen, die definitiv im Gedächtnis bleiben, zu mehr als solider Genreware fehlt es dann allerdings ein wenig. Etwas zu formelhaft kommt der Survivalthrill daher, die Perspektivbeschränkung auf die Lage der Hauptfiguren ist konsequent, lässt das Publikum nach einem Mehr an Erklärungen hungern, die dem Ganzen manchmal ganz gut zu Gesicht ständen.

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