„Die virtuelle Realität ist der Schlüssel zur Entwicklung des menschlichen Bewusstseins!“
Da die Produzenten von „New Line Cinema“ die Filmrechte an Stephen Kings Kurzgeschichte „Der Rasenmäher-Mann“ besaßen, reicherten sie das ursprünglich unter dem Titel „Cyber God“ verfasste Drehbuch von Brett Leonard und Gimel Everett mit einigen wenigen Bezügen zu Kings Geschichte an und vermarkteten den 1992 unter der Regie Leonards („Dead Pit“) in US-amerikanisch-britisch-japanischer Koproduktion entstandenen Film als „Stephen King’s Lawnmower Man“, wogegen King mehrmals und letztlich erfolgreich klagte. Die Produzenten leisteten auch der Reputation des Films damit einen Bärendienst, denn das Publikum verglich den Beitrag zum Science-Fiction-Genre fortan mit Kings Geschichte und musste zwangsläufig enttäuscht werden. Seither wird der Film sehr gemischt aufgenommen, oftmals wird harsche Kritik laut. Dabei gibt die Handlung eigentlich einiges her:
Dr. Angelo (Pierce Brosnan, „GoldenEye“) experimentiert im Auftrag des US-Militärs an einem Schimpansen mit Drogen zur Leistungssteigerung, um einen neuartigen Soldatentypus zu erschaffen. Doch das Versuchstier flieht eines Tages und läuft direkt in die Hände des geistig zurückgebliebenen Jobe (Jeff Fahey, „Psycho III“). Dr. Angelos Auftragsgeber erschießen das Tier, doch Angelo lernt den einfältigen Jobe, der sich bislang quasi ausschließlich für seinen Job als Rasenmäher interessierte, näher kennen und führt seine Experimente zunächst spielerisch und ohne militärische Ausprägung sowie ohne Regierungsaufsicht an ihm fort. Nach einiger Zeit stellen sich tatsächlich faszinierende Erfolge ein, was Angelos ehemalige Arbeitgeber wieder auf den Plan ruft. Noch immer besessen von der Idee, eine perfekte Killermaschine zu schaffen, jubeln sie Jobe eine Substanz unter, die nicht nur seine Intelligenz, sondern auch seine Aggressivität steigert. Jobe, mittlerweile zu Telepathie und Telekinese fähig, gerät außer Kontrolle und wird zu einer ernstzunehmenden Gefahr, der kaum noch etwas entgegenzusetzen ist...
„Willst du mitten in der Nacht Rasenmähen?“
In einer Zeit, in der sich die Bevölkerung mittels Personalcomputern immer mehr technisierte, ein stärkeres Bewusstsein für technische Möglichkeiten entwickelte und der Faszination von leistungsstarken, computergenerierten virtuellen Welten erlag, wollte „Der Rasenmäher-Mann“ eigentlich ganz etwas anderes sein als die Verfilmung einer grotesken Kurzgeschichte eines Horrorautors aus dem Jahre 1970, nämlich ein modernistischer, visuell neue Maßstäbe setzender Science-Fiction-Thriller und wurde u.a. beworben als „Deutschlands (?!) erster Virtual-Reality-Film“. Tatsächlich ist „Virtual Reality“ als Modebegriff Thema des Films, jedoch in weitaus geringerem Maße, als man demnach annehmen konnte – sicherlich ein weiterer Grund für die missverständliche Resonanz des Publikums. Anstelle eines Cyber-Thrillers der Marke „Tron für Erwachsene“ handelt es sich nämlich um einen über weite Strecken herkömmlich erzählten und umgesetzten phantastischen Film, der eine grauenhafte Gefahr in eine verschlafene US-amerikanische Kleinstadt trägt. Der aufgeschlossene und von einer irreführenden Erwartungshaltung weitestmöglich befreite Zuschauer wird Zeuge, wie Pierce Brosnan rückblickend betrachtet in anerkennungswürdiger Weise gegen sein Bond- und Sunnyboy-Image anzuspielen scheint, das er damals natürlich noch gar nicht hatte, und ein wandlungsfähiger Jeff Fahey vom Einfaltspinsel zu Super-Jobe wird, zumindest im überlangen Director’s Cut durchaus ruhig und feinfühlig innerhalb einer Handlung konstruiert, die deutliche Kritik an Autoritäten, Militär, Gewalt und der Wissensfeindlichkeit und Geldgier der Kirche übt.
So richtig wird die Spezialeffekt-Kiste im Zusammenspiel mit Gewalt eigentlich erst nach fast 100 Minuten (Director’s Cut...) geöffnet, in Form einer leider eher misslungenen Illusion eines brennenden Priesters. In dieser Hinsicht an Fahrt gewinnt „Der Rasenmäher-Mann“, wenn der Allmachtsphantasien erlegene Jobe seine Gegenspieler per Telepathie/-kinese beseitigt oder in Pixel auflöst. Und dann wäre da natürlich die beschworene „Virtual Reality“, die durch eine Vorrichtung in Dr. Angelos Labor betretbar ist (und die auch schon wesentlich früher in die Handlung integriert wurde) und auf deren Ebene die Auseinandersetzungen irgendwann verlagert werden. In der Tat leisteten hier moderne Computer viel Arbeit für die Erschaffung dieser rauschartigen virtuellen Realität, die in kunterbunten Farben Zeit, Raum und Physik außer Kraft setzt und damit Bilder präsentiert, wie sie sich Computer- und Videospieler für die Objekte ihrer Begierde erhofften, da sie in ihrer Flüssigkeit die zukünftigen Möglichkeiten von Computeranimationen aufzeigten. Andererseits schlugen in den zwei Jahren zuvor bereits hochbudgetierte Filme wie „Total Recall – Die totale Erinnerung“ und „Terminator 2“ in weitaus subtilerer, weniger selbstzweckhafter Art genau diese Richtung ein, in deren Fahrwasser „Der Rasenmäher-Mann“ bestimmt gern rezipiert werden wollte. Dazu hat es dann auch mit dem offenen Ende und der eigenartigen Pointe nicht ganz gereicht, denn dafür fehlte es einfach an den ganz großen Bildern, an einer atemberaubenden, entschiedener auf den Punkt kommenden Dramaturgie und einer eindeutigeren, konsequenteren Science-Fiction-Stimmung sowie bestimmt auch mehr Action, ohne die die visuelle Technikdemonstration ein wenig verloren wirkt und Gefahr läuft, rein für sich betrachtet im Zuge des rasenden Fortschritts in diesem Bereich schnell überholt zu wirken.
Mit dem mittlerweile großen zeitlichen Abstand empfinde ich „Der Rasenmäher-Mann“ jedoch als interessantes Stück Zeitgeschichte, das verglichen mit o.g. Beispielen auf meines Erachtens nicht unangenehme Weise weitaus weniger durchdesignt erscheint (ja, ich mache gerade aus der Not eine Tugend) und mit seinen sympathisch wirkenden Hauptdarstellern eine passable Alternative für Schwarzenegger-Skeptiker darstellen kann.