Zwei Monate nach dem tragischen Unfalltod ihre Mannes Jussi kehrt Kommissarin Sofia Karppi (Pihla Viitala) wieder in den Dienst zurück, wo gleich eine neue Aufgabe auf sie wartet: In einem Industriegebiet nahe dem Meer wird eine Frauenleiche entdeckt. Die Identität der Toten ist zwar schnell geklärt, doch die Umstände (in einem weißen Kleid mit Blumen auf der Brust sauber in Folie eingewickelt beerdigt) geben Rätsel auf. Am Fundort plant die einheimische Firma Tempo eine Wohnsiedlung zu errichten, die mit einer neuen, äußerst innovativen Form von Windenergie betrieben werden soll - ein allerdings nicht ganz unumstrittenes Projekt, dessen Genehmigung durch den Stadtrat noch aussteht.
Im Zuge ihrer Recherchen stößt Karppi auf Verbindungen der Toten zu jener Firma - Anna Bergdahl (Pamela Tola), die eine zeitlang als Sozialarbeiterin in Helsinki gearbeitet hatte, war dort als Beraterin tätig. Doch wer könnte ein Interesse am Tod der allgemein sehr geschätzten, gesellschaftspolitisch aktiven Anna gehabt haben? Der hinterbliebene Ehemann Usko Bergdahl (Jani Volanen), ein Taxifahrer mit zwei jungen Töchtern scheidet als Tatverdächtiger zunächst aus, ein ehemaliger Klient Annas, ein Junkie, der sie bedroht haben soll, ebenso. Durchleuchtet wird auch der schwerreiche Alex Hoikkala (Tommi Korpela), der die Firma Tempo mit seiner Schwester Julia leitet, doch auch jener scheint ein Alibi für die Tatnacht zu haben.
Die engagierte Karppi, als Alleinerzieherin auch mit ihren eigenen beiden Kindern zeitlich belastet, bekommt wegen Mitarbeitermangels ihres Polizeireviers vom Dienststellenleiter nur einen Akademieabsolventen zugeteilt: Sakari Nurmi (Lauri Tilkanen), ein vor Selbstbewußtsein nur so strotzender Jungspund, der sich allerdings erst an die Umstände seiner neuen Dienststelle gewöhnen muß. Dann jedoch ergänzen sich die beiden ungleichen Ermittler einigermaßen erfolgreich und können über diverse Umwege (vom ländlichen Heimatdorf der Toten bis hin zur Lübecker Bucht) den Mordfall schlußendlich aufklären.
Hinter dem (leider absolut nichtssagenden) Allerwelts-Titel Deadwind verbirgt sich eine weitere skandinavische Thriller-Serie mit einer starken Frauenrolle als Hauptfigur: ähnlich der bekannten Kommissarin Lund muß sich hier eine toughe Ermittlerin, diesmal im finnischen Helsinki, in einer weitgehend von Männern dominierten Welt durchsetzen - doch im Gegensatz zu ihrem dänischen Pendant Lund (oder auch der grandiosen Saga Norén aus Die Brücke) ist Karppi eine absolut geerdete Persönlichkeit, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Kein Wunder, daß sich der Zuschauer am ehesten mit der spröden Mittdreißigerin mit der langen, dunkelblonden Mähne anfreunden kann. Gewöhnungsbedürftiger ist da schon ihr neuer Kollege Sakari Nurmi, der zunächst recht arrogant auftritt und sich erst im Laufe der einzelnen Folgen "anpasst", dabei aber stets unnahbar und verschlossen bleibt. Sein fahrbarer Untersatz, ein ebenso elegantes wie protziges Sportcoupé der BMW-8er-Reihe aus den 1990er Jahren, in dem die beiden Fahnder permanent unterwegs sind, wird dabei fast schon zum Markenzeichen der Serie.
In 12 Folgen zu je etwa 45 Minuten ermittelt das Duo im Umfeld der Toten, wobei ihr Berufsleben durch zahlreiche persönliche Episoden aufgelockert wird: Karppis 17-jährige Tochter Henna aus erster Ehe z.B. ist in Hamburg aufgewachsen und möchte - im Gegensatz zu ihrer Mutter - dorthin zurück, der 6-jährige Sohn Emil, der mit seiner Frisur wie ein Mädchen aussieht, vermisst dagegen seinen verstorbenen Vater, den er seiner vielbeschäftigten Mutter bei weitem vorzieht (und ihr dies auch mehrfach offen sagt); Junggeselle Sakari Nurmi dagegen, vom Sektor Finanzkriminalität neu zur Mordkommission gekommen, der stets in derselben italienischen Kneipe seinen Kaffee schlürft, läßt sich auf eine Beziehung mit einer früheren Bekannten ein, die - von ihm jedoch unbemerkt - heimlich mit Drogen dealt und diese auch selbst konsumiert.
Vertieft wird daneben die Figur des Millionärs Alex Hoikkala (und seiner Familie), eines idealistischen Großindustriellen, der felsenfest von seiner Idee neuartiger Windenergie-Turbinen überzeugt ist: doch neben den Zweifeln seiner geschäftsführenden Schwester Julia (und den Eskapaden seines als Taugenichts mitgefütterten Bruder Roope) muß Alex sich auch gegen Übernahmeangebote des deutschen Mitbewerbers Weltkraft behaupten, mit dessen Prokuristen, dem Finnen Ossi Rannikko, ihn ein eher ambivalentes Verhältnis verbindet.
Zu den im Laufe dieser ersten Staffel angeschnittenen Themen gehören neben Greenwashing, Umweltkriminalität, feindlicher Übernahme und Korruption auch Seitensprünge, sexueller Mißbrauch von Schutzbefohlenen und Stalking.
Obwohl auch in dieser Serie - genretypisch - viele Ermittlungen erfolglos verlaufen, viele Spuren ins Nichts führen, die wenigen Morde nicht sonderlich spektakulär ablaufen und auf explizite Gewaltszenen ohnehin verzichtet wird, kann man sich der latenten Grundspannung, die Deadwind von Anfang an zugrunde liegt, selten entziehen, womit sich auch dieser Skandinavien-Thriller zum binge-watchen eignet. Die im finnischen Original nach seiner Hauptdarstellerin schlicht Karppi benannte Nordic Noir-Serie überzeugt durch fein ausgedachte Psychogramme seiner Proponenten und ist daher nicht nur für Krimi-Freunde durchaus einen Blick wert: 7,8 Punkte für diese erste Staffel, der später (ab 2020) noch zwei weitere folgen sollten.