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Staffel 3

Bizarre Morde, bei denen der oder die Täter dezidierte Hinweise für den Grund seines Verbrechens liefert, sind das Metier von Kommissarin Sofia Karppi (Pihla Viitala) und ihres Partners Sakari Nurmi (Lauri Tilkanen), wobei sich die langhaarige Blondine meist über dienstliche Vorgaben hinwegsetzt und nur ihrem Instinkt folgt. Der allerdings trügt sie nur selten, und so hat sie auch bald eine heiße Spur bei der neuerlich vorgefundenen Frauenleiche in einem Käfig: anhand deren Schnitten auf dem Rücken läßt sich schnell ein Symbol rekonstruieren, das einem Äskulapstab ähnelt, was dem unbekannten Täter, den das kleine dreiköpfige Team nun jagt, die Bezeichnung "Symbol-Mörder" einträgt.
Die Tote, eine Pharma-Lobbyistin, hatte sich öffentlichkeitswirksam für ein neu entwickeltes Medikament eingesetzt, das Drogenabhängigen den Ausstieg erleichtern sollte. Das Motiv für ihre Ermordung bleibt allerdings im Dunklen, genauso wie die postwendend aufgefundene zweite Leiche, ebenfalls mit dem ominösen Symbol (einem Kreis aus mehreren Äskulapstäben), diesmal säuberlich in ein Kornfeld gemäht: das Opfer war Mediziner. Der nächste Tote, der schießwütige, drogenabhängige Sohn der Klinikleiterin, ein auf einem Hausboot lebender Einzelgänger Mitte Zwanzig, passt dann mangels vorgefundenem Symbol wiederum nicht ins Schema. Doch irgendetwas scheint mit dem neuen Medikament, das sich kurz vor der Freigabe befindet, nicht in Ordnung zu sein, denn eine weitere Leiche taucht auf, diesmal wieder mit dem runden Symbol.
Die sehr fokussiert ermittelnde Karppi übersieht dabei die Nöte ihrer ihr völlig entfremdeten Tochter Henna (Mimosa Willamo), die nach dem ungeklärten Mord an einem Drogendealer (siehe Staffel 2) inzwischen aus dem Gefängnis entlassen worden ist und nolens volens gleich wieder auf die schiefe Bahn gerät, als sie, von einem Ermittler bedrängt, sich erneut Drogenschmugglern anschließen muß und dabei auch gleich Zeugin eines Mordes wird...

Auch die 3. Staffel der finnischen Nordic-Noir-Serie Deadwind setzt wieder ganz auf die intuitiv agierende Kommissarin, die  eine mysteriöse Mordserie aufzuklären hat und ihren Kollegen geistig und oft auch physisch weit voraus ist, gefährliche Alleingänge inklusive. Wem die ersten beiden Staffeln gefallen haben, der kann auch hier bedenkenlos einschalten, denn am bisherigen Erfolgsrezept hat Regisseur Rike Jokela nichts verändert: die spröde Ermittlerin, die nie Emotionen zeigt und von nichts zu bremsen ist und der ihr vom Wesen her völlig entgegengesetzt auftretende Sakari Nurmi, der sich im Rahmen der Gesetze bewegt, damit ein Bindeglied zu ihren Vorgesetzten bildet, selbst Rückschläge hinnehmen muß und auch Gefühle zeigt, bilden wieder einmal ein kongeniales Paar, das auch die härtesten Fälle zu lösen imstande ist.

Als angenehm darf der Umstand bezeichnet werden, daß diese 3. Staffel diverse Rückgriffe auf die beiden vorherigen Staffeln nimmt und in Subplots Begebenheiten und Figuren wieder aufleben läßt, deren Schicksal oder Verbleib seinerzeit nicht ganz geklärt wurde: so taucht Sakari Nurmis Ex wieder auf, eine einstmals ambitionierte Kommilitonin, mit der er sich erneut einläßt, sie dann aber rauswirft, nachdem sie mit Drogen zu tun hatte, und die ihm später mit den Worten "Dieses Arschloch ist dein Vater" einen Säugling präsentiert hatte - diese Frau wird nun schwer erkrankt aufgefunden, nachdem sie aus irgendeinem Versteck geflohen war, und natürlich fühlt sich Sakari Nurmi in gewisser Weise verantwortlich.
Karppi dagegen erhält einen mysteriösen Anruf betreffs des Todes ihres Mannes (Staffel 1), der in Deutschland überfahren wurde, als sie für einige Jahre in Hamburg lebten - der anonyme Anrufer nennt ihr die Todesfahrerin (eine polnische Diplomatin), was die umtriebige Karppi natürlich sofort zu verbotenerweise privaten Ermittlungen verleitet. Und schließlich ist da noch ihre ca. 20-jährige Tochter Henna, frisch aus dem Knast und auf der Suche nach ihrem eigenen Lebensweg, möglichst weit entfernt vom Einflußbereich ihrer ungeliebten Mutter.

Das durchweg stimmige Einbetten dieser bereits bekannten Figuren in den neuen Plot darf also als Positivum gesehen werden, an Kameraführung, Schnitt und dezentem Score gab und gibt es ohnehin nichts auszusetzen, auch ein paar kurze Bezüge zum Zeitgeist fehlen nicht (so verdankt Henna der lesbischen Zuneigung einer Drogenschmugglerin ihr Leben und Karppi läßt sich kurz über Tribal-Tattoos aus: "Das hat man doch heute nicht mehr") und so muß man schon sehr genau nach dem sprichwörtlichen Haar in der Suppe suchen - hier fällt die absolut 100%ige Treffsicherheit der im finnischen Original titelgebenden Kommissarin auf, die für meinen Geschmack ein klein wenig zu schnell auf die Lösung kommt: beispielsweise feuert sie beim nächtlichen Fund der erst zweiten Leiche eine Leuchtpistole ab, und aus der kurze Zeit hell erleuchteten Szenerie aus der Drohnenperspektive ergibt sich dann ein für den Zuschauer eindrucksvolles Bild eines riesigen Symbolkreises, in dem sich alle Beteiligten befinden - doch woher weiß sie das, da sie ja selbst nur auf dem spärlich beleuchteten Feld steht? Auch als sie später einen vom Täter befohlenen Mord unter Zeitdruck verübt, gelingt ihr das ohne ersichtliche Vorbereitungen (der "Erschossene" dieser nur für das Publikum inszenierten Szene ist natürlich kurze Zeit später wieder putzmunter) wie auch allgemein die Motive dieser Mordserie nur sehr kurz abgehandelt werden: dem Ermittler-Duo scheinen sie klar zu sein, doch als Zuseher muß man sehr aufpassen, vor allem am Schluß nicht den roten Faden zu verlieren.

Somit bleibt als Fazit nur festzuhalten, daß Deadwind Teil 3 eine weitere sehenswerte Nordic-Noir-Staffel aus dem Hause Netflix darstellt, die fast ohne personelle oder thematische Veränderungen (na gut, Sakari Nurmi hat sein gediegenes BMW-Coupé gegen einen häßlichen, protzigen Porsche eingetauscht) dort weitermacht, wo die vorherigen Staffeln aufgehört hatten, dabei erstaunlich wenig Abnutzungserscheinungen zeigt und somit folgerichtig auf weitere Fortsetzungen hoffen läßt: 7 Punkte.

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