Review
von Leimbacher-Mario
Liebe braucht keine Zwischentöne
Da ich erst seit einem Jahr Veggie bin, kann ich da noch mitreden: Fett ist wichtig, Geschmacksträger, saftig und unabdingbar für ein gutes Steak. "Cold War", der neueste Streich des "Ida"-Regisseurs, hat überhaupt kein Fett. Das ist mutig und ungewöhnlich, das geht für mich nicht hundertprozentig auf. Zumindest nicht beim ersten Durchlauf, bei dem man nicht wusste, was einen erwartet. Im Gedächtnis bleibt diese stilvolle, leidenschaftliche polnische Romanze dennoch und sie ist kurzweilig und gehaltvoll genug, um ihr daheim eine zweite Chance zu geben. Doch auf den ersten Blick ist Pawlikowskis knackiges Epos eher zum Niederknien als zum Reinknien. Ich hoffe das ist verständlich. Er trifft irgendwo die außerordentliche Mitte zwischen "La La Land" und "Andrei Rublev", doch das hilft natürlich auch kaum einem weiter. Man muss ihn einfach selbst sehen und wirken lassen - es kann sich absolut lohnen. Wer schon seinen Oscargewinner "Ida" mochte, wird auch hier sicher genug finden, um darin zu versinken. Pawlikowski ist einer der begabtesten Regisseure Europas, daran lässt sich nun nicht mehr rütteln.
"Cold War" verbindet den kalten Krieg mit zwei heißen Herzen: wir folgen über eineinhalb Jahrzehnte zwei polnischen Liebenden, durch die wichtigsten Stationen ihrer ruppigen Beziehung. Dabei geht es illegal über Landesgrenzen, dabei spielt Musik eine große Rolle (von klassisch bis modern) und dabei verlieren sich die beiden angeknacksten Seelenverwandten oft aus den Augen. Der Regisseur verliert dabei jedoch nie den Fokus und nie aus den Augen, was er eigentlich sagen und zeigen will. Vieles, fast alles geschieht im Off, wir erleben meist nur die Folgen und Auswirkungen. Des Krieges, von anderen Liebhabern, der Enttäuschung, des Lebens allgemein. Selten, vielleicht nie war eine epische Liebesgeschichte derart löschrig und punktiert. Man braucht definitiv Fantasie und Gewöhnung um die Lücken zu füllen. Doch es ist eine unheimlich stimulierende und herausragende Art Geschichten zu erzählen. Zudem sind beide Hauptdarsteller grandios, haben definitiv Chemie und die schwarz-weißen Bilder sind über jeden Zweifel erhaben, sind dieses Jahr kaum zu toppen. Sehenswert ist das allemal. Gewöhnungsbedürftig und plötzlich und abgehakt allerdings auch. Kino zum Mitdenken und Reinfühlen. Denn der Liebe ist die Zeit egal...
Fazit: ein elegisches Leichtgewicht - wer's nicht glaubt, muss es selbst sehen. Audiovisuell ein Highlight, erzählerisch gewagt, emotional wuchtig. Ein elegantes Melodrama, reduziert auf das Wesentliche, irgendwo zwischen Oldschool-Hollywood und neuem, europäischem Arthouse. Ein Favorit auf den Auslandsoscar, zu dem mein Herz nicht vollkommen Zugang fand. Oder nur der Filmfreakteil, nicht der echte. Künstlerisch sehr wertvoll!