Anno 2016 war „Deadpool“ der etwas andere Superheldenfilm, respektlos-rasant, erzählerisch unkonventionell, etwas gaga und eine Wohltat. Doch solche Experimente gelingen oft nur einmal, wie das Scheitern von Sequels wie „Crank 2“ oder „Charlie’s Angels 2“ schmerzlich vor Augen führte.
„Deadpool 2“ steigt gleich wieder wie gewohnt ins „Deadpool“-Universum ein. Wade Wilson (Ryan Reynolds) sabbelt fröhlich aus dem Off, vergleicht seinen Film mit „Logan“, der ebenfalls ein R-Rating hatte und ihn dann noch in mancher Hinsicht übertrumpfte, weshalb Deadpool klarstellt: In diesem Film wird er sterben, damit er nachziehen kann. Danach sprengt sich der Held in die Luft bzw. lauter Einzelteile, da er einen schweren Verlust zu verkraften hat. Die Vorgeschichte dazu wird ebenfalls noch nachgereicht, mit reichlich Action und Splatter, als Bonus gibt es einen an James Bond angelegten Vorspann zu Celine Dions „Ashes“, in dem anstelle adretter Girls allerdings Deadpool höchstselbst das Tanzen übernimmt und die Credit-Einblendungen gewohnt respektlos sind (die Drehbuchautoren sind hier „The Real Villains“, Regisseur David Leitch „One of the Guys Who Killed the Dog in „John Wick““). Achja, während der Rückblenden landet Deadpool natürlich wieder im Taxi von Dopinder (Karan Soni), womit sich Fans des Erstlings schnell heimisch fühlen.
Nachdem ein in Selbstmitleid versinkender Deadpool, der das Selbst-in-die-Luft-Jagen aufgrund seiner Heilungskräfte überlebte, in der gewohnten X-Men-Villa allerlei Schabernack treibt (u.a. mit dem Rollstuhl von Prof. X), muss ein zumindest rudimentärer Plot anlaufen, ähnlich wie beim Vorgänger. Nach der bewährten Origin-Story-plus-Rache-Story des Erstlings geht es hier um Deadpools erste Schritte als X-Men-Trainee, die ihn mit dem Jungmutanten Firefist (Julian Dennison) zusammenbringen, dessen Fähigkeiten bei dem Namen selbsterklärend sind. Da Deadpool einen Einsatz, bei dem man Firefist eigentlich beruhigen soll, gewohnt unkonventionell löst, landen sowohl er als auch Firefist in einem Knast für Mutanten, was in eine überraschend düstere Phase überleitet: Nicht nur herrschen dort die strengen Gefängnisregeln, mutantenfähigenkeitenunterdrückende Halsbänder sorgen dafür, dass Wade wieder mit Krebs dahinsiecht und seinem Selbstmordziel gefährlich nahe kommt.
Erst ein Angriff des zeitreisenden Söldners Cable (Josh Brolin), der hinter Firefist her ist, weckt Deadpools Lebengeister wieder. Er kann sich vom Halsband befreien, Cable vorerst zurückschlagen und aus dem Knast fliehen, doch sicher ist Firefist vor dem mächtigen Widersacher damit nicht. Aus diesem Grund stellt Deadpool sein eigenes Team zusammen: Die X-Force…
Bei „Deadpool 2“ ist der Novitätenbonus des Vorgängers aufgebraucht und Leitchs Sequel versucht einerseits noch selbstreferentieller zu sein, andrerseits aber auch düsterer und ernsthafter. Doch der Spagat funktioniert erstaunlich gut. Gerade die Story mag wie beim Vorgänger nur aufgemotzter Comicstandard sein, spielt aber sehr gelungen und teilweise überraschend tiefgründig mit dem (eigentlich X-Men-typischen) Thema um das Gute im (vermeintlich) Bösen und umgekehrt. So ist über weite Strecken nicht klar, ob Cable und Firefist nun Schurken oder Helden sind, wer der Antagonist des Films ist und ob man sich ändern kann. Es geht darum, dass Menschen Produkte ihrer Erziehung und ihrer Erfahrungen sind, es geht um Verluste und um erbrachte Opfer und manchmal bewegt das sogar, allem Dauerbombardement durch Oberflächenreize zum Trotz.
Denn davon gibt es genug. Gerade den Actionszenen sieht man die Handschrift von „John Wick“- und „Atomic Blonde“-Macher David Leitch an, der da ein besseres Händchen hat als Miller beim Erstling, auch wenn das CGI beim Überfall auf den Mutantentransport in der Filmmitte manchmal suboptimal daherkommt. Dafür gibt es reichlich schick inszeniertes Hauen, Stechen und Schießen, teilweise sehr aufwändig choreographiert wie in jener Montage zu Beginn, in der Deadpool gleich mehrere Syndikate aushebt und sich irgendwann durch eine Wäscherei ballert, prügelt und schlitzt (sogar mit einer Kettensäge), was alles im Hintergrund passiert, während der Syndikatschef flieht. In Sachen Härte und Splatter steht man dem Erstling in Nichts nach, übertrifft diesen eher noch, und wenn sich mal Kontrahenten aus dem Rechenknecht beharken, dann kommentiert Deadpool das mit einem lockeren „Big CGI fight coming up“.
Tatsächlich fährt „Deadpool 2“ die Menge an In-Jokes, Popkulturreferenzen und Selbstthematisierungen noch weiter hoch. Da setzt der Held die Einspielergebnisse die Einspielergebnisse des Vorgängers in Relation zu „Passion of Christ“, vergleicht den bionischen Arm Cables mit dem des Winter Soldier und dessen Düsternis mit dem Comickonkurrenten DC, spielt darauf an, dass Josh Brolin auch Thanos im MCU verkörpert, zieht Parallelen zwischen Songs aus „Yentl“ und „Frozen“ usw. Die X-Force nennt er aus Gründen der Genderneutralität so, bezeichnet die X-Men als überholte Metapher für Rassismus aus den 1960ern und haut selbstironische Seitenhiebe wie „That’s just lazy writing“ über seinen eigenen Film heraus. „Deadpool 2“ spricht wie sein Vorgänger den popkulturell versierten Zuschauer an, auch über den Film hinaus – man denke an die beispiellosen Marketingkampagnen für beide Filme oder das Darreichen von 2D-Brillen für „Deadpool 2“-Vorstellungen, als Seitenhieb auf den 3D-Boom im Blockbuster- und Superheldenkino.
Insofern bietet auch „Deadpool 2“ die gewohnte Mischung aus Popkulturreferenzen (in noch höherer Schlagzahl als beim Vorgänger), Schwanzwitzen, Selbstparodie, Muschiwitzen, splattrigen Einlagen, Witzen über sonstige Dinge unterhalb der Gürtellinie und Actionszenen. Für Cameos schauen nicht nur die Original-X-Men superkurz vorbei, auch die X-Force bietet mit Terry Crews als Bedlam und Bill Skarsgård als Zeitgeist bekannte Gesichter, während die kurze Enthüllung des Vanisher noch einen Knallercameo parat hat, ebenso wie jene von Matt Damon und Alan Tudyk als Rednecks. Bei allen Witzeleien werden jedoch auch die neuen Figuren gut integriert: Cable wirkt trotz aller Tragik und Düsternis nicht deplatziert im schrillen „Deadpool“-Kosmos, während die Mutantin Domino (Zazie Beetz), deren Superkraft darin besteht Glück zu haben, eine tolle Ergänzung ist und für urkomische Kettenreaktionen sorgt.
Natürlich wird das alles mit der humoristisch eher groben Kelle dargereicht und manchmal ist „Deadpool 2“ so auf das Brechen von Konventionen angelegt, dass es fast schon wieder vorhersehbar wird (Stichwort: Fallschirmsprung der X-Force). Mancher düstere Subplot, gerade um den Missbrauch im Erziehungsheim, geht etwas unter im Gewitzel, die Tragikeinlage im Knast steht dem Film eher weniger gut zu Gesicht und der Plot ist eh nur Folie für die überbordende Kreativität der Macher – aber die hat es erneut in sich. Gerade Ryan Reynolds, der hier auch als Produzent und Co-Autor tätig ist, erweist sich treibende Kraft hinter dem Film und spart nicht mit Seitenhieben auf sich selbst, vor allem in der Mid-Credit-Sequenz.
Auch als Hauptdarsteller ist er wieder mit Elan dabei, egal ob Deadpool mit nachwachsendem Unterkörper nach Verlust seiner Beine „Basic Instinct“ spielt oder Reynolds auch die zweifelnden, tragischen Momente des Merc with a Mouth in den Film einzubringen weiß. Dem Dauergequassel wird mit Josh Brolin ein charismatischer Ruhepol entgegengesetzt, während Zazie Beetz eine famose Ergänzung ist. Julian Dennison spielt quasi seine Rolle als „Hunt for the Wilderpeople“ nochmal, macht das aber gut, Leslie Uggams, T.J. Miller und Morena Baccarin lassen ihre Rollen aus dem Vorgänger aufleben, haben aber eher wenig Screentime. Noch weniger Auftritte hat Brianna Hildebrand, deren Negasonic Teenage Warhead aufgrund einer neuen Frisur nun nicht mehr mit Sinead O’Connor verglichen wird – sondern mit Justin Bieber. Nur hätte man gern mehr von ihr gesehen, denn sie liefert einen besseren Cameo ab.
Wie schon beim Erstling ist der Plot von „Deadpool 2“ eigentlich Superheldenstandard, der einfach mit so vielen Sidegags und so viel Eye Candy vollgestopft ist, dass es keinem mehr auffällt – nur dann, wenn „Deadpool 2“ mal den Fuß vom Gas nimmt und das Dauerfeuer aus In-Jokes, splattriger Action und Verweisen pausiert, wie in der Gefängnisphase, dann hängt der Film. Aber solche Probleme hatte auch der Vorgänger, weshalb David Leitchs Sequel auf Augenhöhe daherkommt – als Ausnahmeerscheinungen im Superheldengenre sind die „Deadpool“-Filme schon eine töfte Sache.