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Geiler Gay-Giallo gesteht gierig große Gefühle


„Knife+Heart“ ist sehr schwul. Und sehr französisch. Und sehr Giallo. Und sehr stylisch. Der junge Regisseur Yann González geht hier in die Vollen und macht einen echten Giallo im Jahr 2019 - keine Satire, keine Hommage, keine Parodie, nein, einen echten Beitrag zum Subgenre. Klasse! Und das mit umgekehrten sexuellen Vorzeichen als vor 40 Jahren in Italien und in mega sexy, sinnlich, markant. Und sehr blutig. Doch eins nach dem Anderen. Worum geht’s? Um einen maskierten Killer mit schwarzen Lederhandschuhen (was denn sonst?!), der ca. im Frankreich der späten 70er die Angestellten einer Regisseurin und Produzentin schwuler Pornofilme perfide niedermetzelt, wodurch die sich dadurch auf Täterjagd und Selbstfindung begibt, da ihr sowohl eine brutale Trennung von ihrer langjährigen Freundin sowie das Älterwerden zu Schaffen machen...

Eine ganz spezielle Schönheit. Und damit meine ich nicht nur Vanessa Paradis in Topform, sondern das komplette Werk. Poesie trifft Porno, der kleine Tod trifft den wahren Tod, Wixvorlage küsst Selbstironie. Ich weiß nicht ob Argento und Bava verstört oder gerührt wären/sind. Die Farben knallen prächtig; der Score ist lässig, pumpend, modern; der ganze Vibe ist äußerst kostbar, hochwertig, sensibel, intelligent. In der späten Mitte hat die Suche nach dem Maskenmann zwar ein paar Hänger und schaltet einen Gang zurück, doch insgesamt ist das nahezu pausenlos betörend und ein feuchter Traum für jeden Fan der brutalen Krimis aus Bella Italia von damals. Slasherfans kommen auf ihre Kosten, das Gay Cinema zeigt wundervoll seine Möglichkeiten und Schattierungen, Kinonerds fühlen sich mit modernen Mitteln (und auf wundervollen 35mm!) in eine schmierige, intensive Zeit zurückversetzt. Das ist keine Masturbation auf seine eigene Geilheit („Strange Color of Your Bodys Tears“ *hust*) sondern ein ernstzunehmendes Original, dass den Giallo vielleicht nicht reanimiert, ihm aber zumindest eine neue, zukunftssichere und selbstbewusste Richtung weist.

Fazit: ein schwuler, französischer Giallo. Das klingt nicht nur bizarr und fantastisch, das ist es auch. Weit mehr als nur eine Hommage, sondern a Real Deal, der ganz genau weiß, was er tut und wie er dem angestaubten Italo-Subgenre in gelb einen neuen, schwulen und coolen Anstrich verpasst, ohne seine Vorbilder und Ziehväter zu verraten. Dieser Stich in Herzen und Hintern lässt jeden Giallofan jückisch werden - egal ob man auf Männlein, Weiblein oder beides steht. Gutem Kino interessiert die sexuelle Gesinnung nicht. 

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