Review
von Leimbacher-Mario
Grab der Glühwürmchen
„Capernaum“ liegt wie ein Ziegelstein im Magen. Der deutsche Untertitel „Stadt der Hoffnung“ kann fast nur ironisch gemeint sein, habe ich doch schon lange keinen hoffnungsloseren Film mehr gesehen als dieses Kriegsdrama. Ein erzwungenes Lächeln ganz zum Schluss, das war‘s. Die Stimmung im Kinosaal und bei den Zuschauern war dermaßen gedrückt, mitgenommen, bewegt und düster, dass jede Szene mit auch nur etwas Situationskomik und etwas heiterer Tragik wesentlich lauter belacht wurde, als sie es eigentlich verdient hätte. Es wurde gierig nach jedem Strohhalm der Freude und der Normalität gegriffen. Und wenn man „Capernaum“ gesehen hat, weiß man sofort warum. Irgendwo zwischen „Fahrraddiebe“ und „Die letzten Glühwürmchen“, immerhin beides Weltkino-Royalty, erzählt diese tragische Geschichte von einem ungefähr 12-jährigen Libanesen, der seine Eltern verklagt, weil diese ihn zur Welt gebracht haben. In eine Welt ohne Sinn, Ordnung oder Hoffnung. Geschweige denn Liebe, Frieden oder Zusammenhalt. Wie es zu dieser ungewöhnlichen Ausgangssituation kam, zeigt dieser Film, der ausschließlich mit Laiendarstellern arbeitet und teilweise derart echt und real daherkommt, dass er Dokus fast näher als Spielfilmen zu stehen scheint...
„Capernaum“ konkurriert mit „Shoplifters“ und „Roma“ nächstes Wochenende um den Oscar als bester fremdsprachiger Film - und das völlig zu recht. Er geht vielleicht sogar als „würdigster Sieger“ in dieses Recht offene Rennen. Nadine Labaki sind zwei Stunden Film gelungen, zusammengeschnitten aus über 10 Stunden (!) Material, die man nur schwer aus den Knochen bekommt. Der Libanon sah selten so karg, so labyrinthisch, so elend und gleichzeitig so hübsch aus. Hinzu kommt ein sehr emotionaler Score, der sich nie zu lang in den Vordergrund drängt, trotz seiner Power. Technisch ist das stark. Doch der Kern des Erlebnisses „Capernaum“ liegt woanders. Zum einen in seinen kraftvollen Darstellern, die zwar nur mehr oder weniger „sich selbst“ spielen müssen, die das aber dennoch unfassbar toll machen. Besser als es trainierte Darsteller wohl je könnten. Vor allem der kleine Zain hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Eine nuancierte Leistung eines Kinderdarstellers muss man mir erst noch zeigen. Das werde ich nicht vergessen. Er sollte unbedingt weiter schauspielern! „Capernaum“ ist fast zu traurig und zu ausweglos und zu hilflos und zu hart, um zu weinen. Das ist schon etwas deprimierend und ernüchternd, schockierend, gemein. Doch genau so direkt und erbarmungslos sollten einen Filme viel öfters in den Schwitzkasten nehmen, an die Gurgel gehen. Das Gegenteil von easy watching. Und dennoch (oder gerade deswegen) unheimlich wichtig. Mit essenziellen, nie einseitig beantworteten Fragen zum Wert des Lebens, zur Verantwortung Kinder zu machen und zur Kraft des Überlebens. Eine Großtat und eher Monument als Film.
Fazit: Chaos im Herzen, Leere im Kopf, Schwere im Magen - „Capernaum“ ist der brutalste, niederschmetterndste Neorealismus, den man sich zur aktuellen Flüchtlingskrise und Kriegssituation im nahen Osten vorstellen kann. Eindringlich & unvergesslich. Intim & vollkommen einnehmend. Nicht nur realistisch sondern echt.
P.S.: Und der Kakerlaken-Man mitsamt seiner höchst tristen Kirmes geht mir ebenfalls nicht aus dem Kopf!