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Angriff eines Klon-Kriegers

Man kann sich den sich aktuell zu wahren Bergen auftürmenden Retro-Wellen natürlich mit brachialer Gewalt entgegen werfen, oder auch ganz schnell das Weite suchen. Aufhalten wird sie keine der beiden Optionen. Warum sich also nicht gleich ein x-beliebiges Brett schnappen und mitsurfen? Ein solches, wenn auch recht grob zusammen gezimmertes, ist die Billig-Produktion „Death Kiss". Aber das dürfte den Jüngern der guten alten Cannon-Filmschmiede besten vertraut und damit grundsympathisch sein. Für die - und zwar nur für die - wurde dieses Actionbrett nämlich in die Retro-Strömung geworfen.

Der Titel spielt dabei natürlich auf eine Nobelmarke der fleißgen B-Action-Fabrik an, die es immerhin auf 5 schmucke Modelle gebracht hat. Dass die „Death Wish"-Pentalogie heute immer noch Kultstatus genießt, liegt zweifellos zuvorderst am stoischsten Vigilanten der Filmgeschichte. Die Bierruhe, mit der Kratergesicht Charles Bronson der selbst auferlegten Emotions-Askese nachkam, zwang selbst One-Expression-Rivalen wie Clint Eastwood zur bedingungslosen Kapitulation.  

Bei den „Death-Kiss"-Machern wusste man offensichtlich ganz genau um dieses Pfund und damit die eigene potentielle Hypothek und wartete mit einer gleichermaßen verblüffenden wie simplen Lösung auf: einem waschechten Bronson-Lookalike. Und was für einem.
Der ungarischstämmige Robert "Bronzi" Kovacs sieht dem großen Vorbild nicht einfach nur ähnlich, er wirkt wie eine Wiedergeburt der Action-Ikone. Von der Physignomie, über Körpersprache, Bewegungsabläufe bis hin zur Mimik, meint man den leibhaftigen Bronson vor sich zu haben. Das hätte kein ausgewiesener Klon-Experte besser hinkriegen können. Gekoppelt mit dem brutal-simplen Vigilantenszenario wähnt man sich in „Death Wish 6", ein wahrlich surreales Erlebnis. (Womit er Eli Roths lahmem Neuaufguss („Death Wish") schon mal etwas voraus hat.)

Und C-Regisseur Rene Perez tut wirklich alles, um uns der schönen Illusion nicht zu berauben. Also serviert er uns den schießfreudigen Rächer als mürrischen Einzelgänger, der seine zwei Worte schon vor dem Frühstück verbraucht zu haben scheint. Perez beherrscht auch das kleine Mythen-Einmaleins und gibt so gut wie gar nichts über Namen („Mr. K"), Vergangenheit oder Zukunfstpläne seines Helden preis. Nicht dass man allzu sehr daran interessiert gewesen wäre, schließlich wollen wir ihn vornehmlich bei der Arbeit sehen. Ein Wunsch, der glücklicherweise ohne viel Federlesens erfüllt wird - und zwar umfassend.
Denn Mr. K ist auf einer Mission und die ist nur sehr bedingt von christlichen Werten geprägt. Mit seiner Nächstenliebe geht er äußerst sparsam um, im Endeffekt kommen nur die alleinerziehende Mutter Ana (Eva Hamilton) und ihr im Rollstuhl sitzendes Töchterchen in den raren Genuss. Für den Rest hat er vor allem die altestamentarische Message "Auge um Auge" vorgesehen, und das durchaus nachdrücklich und vor allem endgültig. „Death Kiss" schwimmt damit voll im Kielwasser der Bronson-Reihe und das ähnlich gemächlich.

Das Tempo ist im Vergleich zu heutigen Produktionen nämlich auffallend reduziert, es gibt weder schnelle Schnitte noch andere visuelle Mätzchen (bis auf ein paar dann auch entsprechend anachronistisch anmutende Ego-Shoooter-Perspektiven). Jetzt kann man natürlich frotzeln, dass Perez weder Rüstzeug noch entsprechende Fähigkeiten mitbringt und liegt damit vermutlich sogar goldrichtig. Andererseits waren auch Bronsons Rachefeldzüge kein Actiongewitter der Marken „Commando", „Rambo" oder „Die hard". Hier wurde die durchaus drastische Gewalt auf die gemütliche Art vollzogen. So gesehen macht „Death Kiss" alles richtig, zumal er ebenfalls beton unzimperlich zu Werke geht, wer fragt da schon nach den Hintergründen. Jedenfalls sorgt die Ämterkumulation - Perez ist sein eigener Komponist, Autor, Cutter und Produzent - für einen durchweg homogenen Gesamteindruck. Und nein, der nächste John Carpenter wird er dennoch ziemlich sicher nicht werden.

Wie in den Originalen wird die Gesellschaftskritik dem Zuschauer per Holzhammer und den bösen Buben via Blei nahe gebracht. Das ist bei entsprechender Neigung durchaus charmant, zumal die Rahmenhandlung um einen schmierigen Radiomoderator (Daniel Baldwin passt hier wunderbar) launig den roten Zynismus-Faden der Originale weiter spinnt. Schön schmierig ist auch der Hauptschurke Tyrell (immerhin Kindergarten-Cop Bad Guy Richard Tyson), so dass man Ks Vigilantenzug gern den umfassenden Erfolg wünscht.
Letzlich steht und fällt hier aber vieles mit Bronzi und der empfiehlt sich wärmstens für weitere DTV-Tiefausleger. Das wäre zudem definitiv eine nette Abwechslung zu den müden Furchen-Gesichtern von Dolph und Jean-Claude, oder den aufreizend lustlosen Autritten von Steven und Bruce. Zumal der gute Bronzi auch in den Dialogszenen keine Fremdschäm-Attacken auslöst. Also nichts wie ran, denn der gute Charles war auf seine alten Action-Tage ja besonders fleißig gewesen. 

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