Review

Von den reinen Eckdaten her eher uninteressanter kleiner Film, der 'passenderweise' auch genau zu einer Zeit erschien, als diverse andere vielversprechende Projekte um Donnie Yen entweder noch und dies aber auch schon länger im Gespräch und noch nicht wirklich druckreif, oder ganz in der Versenkung und abgeblasen auf wohl für immer und ewig sind. Yen, der mit zunehmenden Alter sicherlich auch andere Rollen als die des ewig körperlich agilen Kämpfers spielen will und auch in den letzten Jahren sich immer wieder mit geringer Abweichung des Bekannten und Üblichen außerhalb der bisherigen Komfortzone umgeschaut hat, galt und gilt auch weiterhin als Erfolgs-Schauspieler sowohl in China (und HK) selber als auch als international problemlos verkäuflich, womit er momentan auch oftmals allein auf weiter Flur und zumindest herausragend in der Führungsposition steht. Big Brother selber wurde anders als bspw. die lange im Gespräch und Vorankündigung befindlichen Dragon City, Sleeping Dogs und Ip Man 4 und der etwa 4 Jahren auf Veröffentlichung wartende Iceman 2 wie aus dem Nichts und ohne Vorwissen (und Einspruchsmöglichkeit) des Publikums bereits mit einem ersten und dann auch rasch mit weiteren Trailern auf schnelle Distribution fixiert; wobei der Zuspruch schon vorher und auch an den Kinokassen mit knapp über 20 Mio. USD überschaubar, angesichts des Sujets allerdings als resolut zu werten und die Kritiken dennoch und wohl als Überraschung hinsichtlich weniger Erwartungen reichlich positiv gehalten sind:

Der ehemalige Kriegsveteran Henry Chen Xia [ Donnie Yen ] fängt ohne richtige Lehrerausbildung, aber umso motivierter und unter Aufsicht des Rektors Patrick Lin [ Dominic Lam ] an seiner früher auch als Schüler besuchten Tak Chi Secondary School an, wo er eine Klasse und dies voll mit Problemfällen der Heranwachsenden übernimmt. Besonders die Guan-Zwillinge [ Bruce Tong und Chris Tong ] machen ihm Ärger, werden sie doch privat auch durch ihren alkoholkranken Vater [ Felix Lok ] vernachlässigt und rutscht einer der beiden ins kriminelle Milieu des schmierigen Kane Luo [ Yu Kang ] ab. Zusätzlich bekommt die Schule Druck von oben, will Chief Huang [ Alfred Cheung ] endlich Ergebnisse seitens der Lernenden sehen, oder die Mittel und damit auch die Einrichtung kürzen bis gänzlich eliminieren.

Was sich anfangs wie als chinesische Antwort auf Schülerklamotten à la Fack Ju Göthe und seine auch global gezeigte Trilogie liest und teilweise vom Marketing, vor allem dem grellen Poster und den ebenso knalligen Farben her auch so aussieht, hat durch den Produzenten Wong Jing dabei auch nur scheinbar seine eigene Agenda und auch die eigene Herkunftsgeschicht'. Wong hat bereits vermehrt das Schulmilieu aus seiner Warte aus gezeichnet, wurden so die entsprechenden Actionkomödien Truant Hero (1992), Young Policemen in Love (1995) und My School Mate, the Barbarian (2001) von ihm und dort aus Warte der Lernenden und hier nun von der Lehrerseite aus initiiert. Zudem steht bei Wong immer der Unterhaltungsaspekt und damit der Kommerz im Vordergrund, so dass trotz der Option des Lobens und Wohlwollens des chinesischen Schul- und Bildungssystems und entsprechender Propagandaaktivitäten und anderer moralinsaurer Drohungen dieses eben nicht vollzogen wird, und auch hier das Gesamtpaket eines aus Humor, etwas Drama bis hin zur Selbstfindung und Mixed Martial Arts Aktion und sogar einem filmischen Kriegseinsatz mit Schnellschusswaffen und Explosionen, und weniger aus Anspruchsdenken und Ansprachen selber ist. (Die Actionszenen, darunter die stuntintensive Zerstörung einer Umkleidekabine, in denen die Kämpfer schmerzhaft in ihre Spinde gekickt werden und durch die Garderobiere gehebelt, sowie das destruktive All Out - Finale im Klassenzimmer mit reichlich Holzbruch sind offensichtlich nicht für die Handlung, aber für den Verkauf umso mehr wichtig, und erfüllen als Showeinlagen auch bravourös ihren Zweck.)

Anders als dort wird das Ganze hier allerdings schon etwas von der emotionalen und der gehobenen Seite aus aufgezogen, ist von Beginn an schon klar, dass auch die Schüler und ihr Umfeld privat und eben in der Schule eine entscheidende Rolle spielen und nicht bloß der Happy Go Lucky - Lehrer im Mittelpunkt des Geschehens steht. Der ausführende Regisseur Kam Ka-wai, der sich nach dem soliden Triadendrama Colour of the Game (2017) als neuer Mündel von Wong zu bewähren und zu beweisen scheint, geht gleich von Beginn an auf verschiedene Perspektiven und Rückblenden ein, alle umliegend um den neuen 'Erzieher' an der Schule und auf die insgesamt eher schwierige Gesamtsituation mit teils vernachlässigenden Elternhaushalt, anderen sozialen Mankos und eben auch dem Status der Schule als (noch) recht zweitrangiger Zeitvertreib und notwendiges Übel und gleichzeitig den bürokratischen Repressalien samt Erfolgsdruck auf den Schulleiter. Eine Mischung aus durchaus flotten, nicht übereifrigen, aber schnellen Inszenierens mit vielerlei Ereignissen auf mehreren Ebenen, dass die Bedeutsamkeit dahinter so etwas abschwächt und auf ein unterhaltendes Milieu mit wichtigen, aber nicht zu schweren und dafür plausiblen und ehrenhaften Aussagen hebt. [Weitere verhältnismäßig aktuelle Filme über das Thema sind Checkley Sins Our Days in 6E, 2016, und Jevons Aus Distinction, 2018.]

Die Schulzeit dabei als etwas, was 'normalerweise' jeder erlebt und jeder für sich abgeschlossen hat; für manche ein rotes Tuch und etwas, was man nicht unbedingt nochmal haben möchte und was auch nicht gerade das beliebteste Thema für einen Filmabend darstellt, für andere wiederum die beste Zeit von früher, an die sich gern erinnert wird und vieles noch so einfacher und vor allem sicherer war als danach und von überschaubaren und machbaren Regeln und Pflichten bestimmt. Big Brother bedient dabei beide Seiten, werden hier die gängigen Rituale und natürlich auch die Klischees der jeweiligen Phasen geboten; möglichst auf direkten und mit kräftigen Farben unterstützten Wege. Das macht der Film auch soweit gut, findet teils auch erstaunlich aufwändige Einzelbilder (Gang über die Chinesische Mauer, eine Fahrt durch die Mongolei usw.), lässt sich nur ein wenig zu sehr in die Karten schauen, d.h. die Tricks dahinter sind recht offensichtlich, und der Soundtrack mit seinen dünnen englischen Melodien zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ist sogar recht nervig, da naiv manipulativ und auch recht 'amerikanisiert'.

Womit man wirkt und was auch angenehm zu schauen ist, ist die Wahl von HK als Schauplatz und auch das Bewegen darin, wird in die Öffentlichkeit gegangen und sich in die Gesellschaft Anderer und zu ihnen in die Wohnungen gesetzt. Auch darstellerisch von den jungen unbekannten Leuten solide wiedergegeben, vom Hauptdarsteller vielleicht etwas zu euphemistisch, dafür von anderen Nebenakteuren wie v.a. Felix Lok oder Joe Chen sehr überzeugend gespielt. Dass man im Film selber ein Nebenplot mit ordentlich bedrohlichen Triadengangstern und einem Haufen bösartiger Kombattanten als Gegner für den ehemaligen Elitesoldaten mit seinen Tackling- und Bodentechniken einsetzt, freut natürlich das Herz der Actionfans, zumal die (zwei) Kampfszenen im Flash Point und Special ID Stil auch tatsächlich vergleichsweise ausdauernd und knorke im besten Sinne sind.

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