kurz angerissen*
Schon dass der Maulwurf-Cliffhanger wieder aufgegriffen und die Originalstory somit nahtlos fortgesetzt wird, zeigt ein erfrischendes Desinteresse an der rasanten Entwicklung des Superheldenfilms in den 14 Jahren seit "Die Unglaublichen". Es wird ohnehin bereits genug über die neuesten Messlatten Marvels gesprochen, da ist es schön, dass sich mal wieder jemand völlig unbeeindruckt von dem Kräftemessen zeigt und seinen Blick lieber in die Vergangenheit richtet.
Es ist aber nicht so, dass Brad Bird sich mit einer einfachen Kopie seines Erfolgs von 2004 begnügt. Agententhriller-Fanfaren lässt Komponist Michael Giacchino zwar immer noch erklingen, ansonsten hat sich das Bond-Flair des ersten Teils aber ein Stück weit verabschiedet. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass ein greifbarer Gegenspieler diesmal fehlt - und mit ihm die größenwahnsinnigen Festungen, die es zu infiltrieren gilt. Es ist eher die Stadt, die sich zum Hauptkontrahenten der Familie Parr aufbäumt. Als die Politik dem Superheldentum Grenzen aufzuerlegen beginnt, begibt man sich in die Sphären von "Watchmen", indem man das übernatürliche Element "Superkraft" in den reglementierten Alltag einbindet. Folglich werden die Schneisen der Zerstörung thematisiert, die nicht nur Bösewichte, sondern auch Helden hinterlassen. Prompt tritt der Staat als eine Art unsichtbarer Superroboter in Erscheinung und zieht alle Antipathien auf sich. Natürlich gibt es auch wieder einen herkömmlichen Feind in Form eines Hypnose-Spezialisten, der auch über das TV-Signal Gedanken beeinflussen kann (Medienkritik inklusive). Dieser tritt aber eher als Katalysator einer größeren Problematik in Erscheinung.
Für das Drehbuch ist das eventuell etwas zu viel Input, möchte es die Handlung doch eigentlich so einfach wie möglich halten. Dadurch gelingt es Bird leider nicht immer, die Spannung zu halten. Er muss sich mit raffiniert geschriebenen Actionsequenzen aus der Affäre schlagen (Elastigirls Motorradverfolgungsjagd ist zugegeben ein Hi-Tech-Highlight unter den Computeranimationsfilmen), doch die Aufmerksamkeitskurve erleidet immer wieder Hänger, weil viele Nebenfiguren relativ uninteressant geschrieben sind. Dass sich die Familie hingegen seit damals kaum weiterentwickelt hat, gehört zum Konzept: Die in Sachen Animationsqualität selbstverständlich stark optimierte Umgebung wirkt sich nicht auf das expressionistische Figurendesign mit seinen kantig-runden Gesichtsformen, Wespentaillen und Pappaufsteller-Silhouetten aus. Das immerhin nutzt Bird für ein gelungenes Spiel mit den Rollenbildern, wenn er Elastigirl in den Kampf ziehen lässt, während Mr. Incredible in einem Apartment mit 50er-Futurismus-Design die Kinder hütet (was natürlich zu reichlich Slapstick mit Publikumsliebling Jack-Jack führt).
Der Retro-Anstrich steht der Fortsetzung also umringt von hochmodernen State-of-Art-Superheldenfilmen fast noch besser als das Original, das allerdings in Sachen Story und Ausführung mindestens eine ganze Klasse besser ist. Zumindest da macht die deutlich bessere Animation den Kohl auch nicht mehr fett.
(6.5/10)
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