Review
von Leimbacher-Mario
Auch Netflix kann's schwul
Momentan bekommen viele Genres, allen voran der Liebesfilm und Highschool-Komödie, einen schwulen Anstrich verpasst. Und das ist unglaublich erfrischend und war längst überflüssig, selbst wenn es das schwule Kino natürlich schon immer gab, nur eben viel nischiger und eher im Arthouse-Bereich. Ich habe in den letzten Monaten gefühlt mehr schwule Filme gesehen als in den kompletten fünf Jahren davor. Für die (Tisch-)Tennis-Cracks: Es ist in etwa so, als ob man live dabei ist, wie das Mainstream-Kino, nach jahrelangem Vorhandspiel, endlich auch die Rückhand für sich entdeckt und damit gehörig punktet, überrascht, entzückt. "Alex Strangelove" macht im Grunde nicht viel anders als die Klassiker ala "16 Candles", die er (zum Teil sogar namentlich) zitiert - nur eben aus einem bisher sträflich vernachlässigten und leider in manchen Bereichen sogar verpönten Blickwinkel. Wir folgen einem Teenager mit ziemlich perfekter Freundin, mit der er kurz vor seinem ersten Mal steht. Komisch nur, dass er sich plötzlich von einem neuen männlichen Freund angezogen fühlt, was seinen Spielplan, nicht nur für sein Sexleben, ziemlich durcheinander wirft...
Der kleine Netflix-Hit ist das perfekte Double Feature zu "Love, Simon", ohne komplett an diesen heranzukommen. "Alex Strangelove" will nie mehr sein als er ist und wirkt immer sehr wie Heimkino, Fernsehen, Netflix. Seine starke Konkurrenz dieses Jahr ist in allen Bereichen mehr im Kino verwurzelt und ambitionierter, vielschichtiger, hübscher. Dennoch: mich hat Alexs Coming Out überragend unterhalten. Ein wirklich liebenswerter, kleiner, feiner Film. Witzig, am Zeitgeist, längst überfällig und irgendwie dennoch erfrischend oldschool und 80er. Ohne zu sehr und aufdringlich die Retroschiene zu fahren. Zudem werden Klischees meist links liegen gelassen und die Balance aus Feel-Good-Zuckerwatte und Teenage-Angst, aus Party-Obszönität und Highschool-Realität passt. Der Hauptdarsteller macht seine Sache super, erinnert manchmal an einen jungen, unbedarften Andrew Garfield, seine Sidekicks bekommen ebenfalls ein paar coole Momente spendiert. Als i-Tüpfelchen gibt es einen klasse Soundtrack. Insgesamt ist die Zeit dieses Jahr auf Netflix selten schneller verflogen. Und auch wenn man meint, es wäre schon längst keine Erwähnung mehr wert, keine Besonderheit oder kein Fortschritt mehr: Thema und Herangehensweise sind noch immer extrem wichtig und alles andere als "normal". Dieses Jahr tut alles in seiner Macht stehende, um das zu ändern. Gut so. Weiter so. Gerne auch mit anderen, bisher ebenfalls stiefmütterlich behandelten Themen als Schwulsein.
Fazit: wie damals bei John Hughes nur mit einem modernen, frischen Twist. "Alex Strangelove" ist nicht komisch und bekommt von mir viel Liebe. Selbst wenn er nicht ganz an die Gay-Toptitel des in dieser Kategorie extrem starken Jahrgangs heranreicht. Etwas oberflächlich und simpel, aber dennoch unglaublich süß, ehrlich und unterhaltsam.