Review
von Leimbacher-Mario
Südstaaten-Lastfreundlichkeit
Was passiert wenn Soap auf Gothic Grusel trifft? In etwa sowas wie „Scalpel“, ein weitestgehend unbekannter amerikanischer 70s-Schocker irgendwo zwischen „Frankenstein“ und dem „Denver Clan“. Schön, dass Arrow den ausgegraben und restauriert hat! Nicht, dass es sich hier um ein vergessenes Meisterwerk handelt, ganz und gar nicht, aber er hat es nicht verdient verschollen zu gehen/bleiben. Erzählt wird in erdig-gelblichen Farben von einem begnadeten Chirurgen, der vom Erbe seines verstorbenen Schwiegervaters keinen Cent sehen soll. Als ihm dann allerdings eine Stripperin mit völlig kaputt geschlagenem Gesicht vors Auto läuft, sieht er die Chance gekommen seine Fähigkeiten einzusetzen und ihr das Gesicht seiner entlaufenen Tochter zu verpassen - da diese als Alleinerbin eingesetzt wurde...
„Scalpel“ hat diesen schwitzigen, sepiagefärbten Südstaaten-Vibe und definitiv Stil. Man sollte meiner Meinung nach definitiv zum Original-Color Grading greifen statt dem zu clean und hell abgestimmten neuen Arrow-Farbscan. Manchmal ist das Ganze ein wenig melodramatisch und cheesy, mit den verschwimmenden Rückblenden und traumgleichen Weichzeichnern, aber definitiv nicht 08/15. Außerdem konnten mich die Darsteller überzeugen, vor allem die junge Judith Chapman in ihrer schwierigen Doppelrolle. Durchzogen von Inzucht und Verlangen, Trauma und Habgier können ebenfalls ein paar der Themen nachhaltig Unbehagen auslösen und währenddessen verblüffen. Als hauptsächliche und leider kaum verzeihliche Schwäche sehe ich die Geschichte an sich, deren Wendungen abzusehen sind, bei der Höhepunkte rar gesät wurden und wo sich echte Spannung geschweige denn Action oder Gefühle nur selten breit machen. Der Style und die Face Swap-Grundidee waren ihrer Zeit allerdings voraus, hatten Eier und hätten einen besseren Film verdient gehabt.
Fazit: der perfekte Sothern Gothic-Geheimtipp für einen heißen Sommerabend?! Als ob „Dallas“ „Eyes Without a Face“ einen dicken Schmatzer aufdrückt. Etwas arm an echten Höhepunkten, aber durchaus ein bizarrer Underdog. Okay.