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Unantastbar ist das Klang- und Farbenspiel eines Dario Argento in seiner Blütezeit. Diese eine Wahrheit muss im Raum gestanden haben, als sich Luca Guadagnino dazu verpflichtete, die Regiearbeiten bei der Neuauflage von "Suspiria" zu übernehmen. Die bisherige Themenauswahl und der Stil des Italieners ließen das befürchtete zweite Bad in einem Kessel Buntem ohnehin in weite Ferne rücken. Man durfte hoffen, dass gerade er um die Möglichkeit wusste, zum Kern eines geschätzten Kunstwerks auch über Alternativwege vordringen zu können. Und dass dieser Weg, dem Original zu huldigen, im Endeffekt deutlich mehr Früchte tragen würde als eine bloße Kopie mit dezenter Signatur des Kopisten, um die Illusion von Individualität zu erzeugen.

Obgleich man nun wiederum glauben könnte, Guadagnino flüchte vor seinem eigenen Bezugsobjekt, indem er alles möglichst anders mache, geschieht in den ausgeblichenen Sepiafarben des RAF-Berlins, im wehklagenden Score von Thom Yorke und in der kindlichen Typografie des Titels Gegenteiliges: Aus einem selbst errichteten Wirkungsfeld heraus wird ein Parallelpfad erschaffen, der sich, auch wenn er entscheidende Aspekte und wichtige Szenen des Originals unter Umständen ignoriert, im Endeffekt niemals allzu weit von diesem entfernt.

Diese Erschaffung eines Parallelismus wiederum gelingt Guadagnino mit dem Auge und dem Ohr eines Meisters. Trockene, wild zwischen Körperlichkeit (Spiegelraum-Szene) und Körperlosigkeit (die völlig effektlose Art und Weise, wie sich eine Person gegen Ende einfach in Luft auflöst) rotierende Spezialeffekte setzen den physikalischen Rahmen, vor dem ein filterloser Realismus zu wirken beginnt, der gelegentlich ohne jedwede Übergangsschwelle ins Übernatürliche kippt. Auch wenn man bei Schnitt und Dramaturgie eine Tendenz unterstellen kann, das Antiklimatische regelrecht herauszufordern, auch wenn der finale Akt aufzeigt, dass hier wahrlich kein Horror-Experte den Dirigentenstab führt und diesbezügliche Versuche zur gewöhnungsbedürftigen Outsiderkunst ausarten, so ist "Suspiria" doch ein wunderschöner, ästhetischer, nach einer betont synthetischen Definition sogar sinnlicher Film geworden, in der jede einzelne Sequenz mit reinster Semantik verwoben ist. Einfach alles scheint hier etwas zu bedeuten: Der Schnee, der auf die Straßen Berlins fällt, die Bomben, die im Hintergrund explodieren. Der Ausdruck im Tanz, zwischen Boden und Luft. Das Seufzen, das sich aus der Rückblende mit der kranken Mutter in den Bahnhof überträgt. Die rein weibliche Hauptbesetzung. Das Gekicher der Hexen in dem kleinen Raum mit dem entblößten Mann, die Schritte, die in die Eingeweide der Akademie führen.Es wird plötzlich eine unentdeckte Quelle an Potenzial angezapft, die seit Jahrzehnten in der Genre-Arbeit Argentos schlummerte. Unter diesem Aspekt betrachtet ist Guadagninos Werk womöglich die ideale Entsprechung dessen, was ein Remake leisten kann und sollte.

Wenn es jedoch darum geht, wie gut dieser Film für sich selbst steht, ist eine Neubewertung erforderlich, die erwartungsgemäß zu hohen Diskrepanzen in der Bewertung führen kann. Während die eine Gruppe sieht, wie sich die Nachwehen des Nationalsozialismus als dunkler Schatten über die gesamte Handlung legen, endet der Schatten für die andere Gruppe bereits nach dem Prolog und fristet ein isoliertes Dasein. Für manchen Beobachter gehört Guadagnino wie ein Ari Aster, Robert Eggers oder Jordan Peele zu jener illustren Gruppe von Horrorfilm-Avantgardisten, die das Genre aus seiner Autonomie führen und es wieder zum Teil gesellschaftlicher Kultur machen wollen, ein anderer wiederum sieht das Werk eines kühlen Designers, dem die Form so wichtig ist, dass eine angemessene Umsetzung des Inhalts in Frage gestellt wird.

Im Grunde ist das eine weitere Parallele zum Original, welches immer wieder als Beispiel herangezogen wird, wenn der Begriff „Style Over Substance“ diskutiert wird. Während man jedoch dazu neigt, Argento seine Nachlässigkeit beim Thema inhaltlicher Kohärenz nachzusehen (denn dafür leuchtet es ja schön bunt), wird Guadagnino für eine ähnliche Zielsetzung mit anderer Methodik härter angegangen. Seine Suche nach einem Sinn bleibt aber nicht ohne Ziel; die matriarchalen Strukturen, die er ähnlich wie zum Beispiel Nicolas Pesce in „The Eyes Of My Mother“ mit einer Art Vererbungslehre verknüpft, führen direkt in eine reichhaltige Vision, die jeden Diskurs wert ist.

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