Cristalliano Bonaldo
„Diamantino“ hat eine der wildesten und kreativsten Stories, die ich je gesehen habe. Das kann man kaum toppen. Und dennoch kommen Charaktere und Themen bei all der Verrücktheit nicht zu kurz. Es ist keine Weirdness nur der Weirdness wegen. Portugal liefert hiermit irgendwo zwischen Kunst- und Bahnhofskino ab, dreht frei und sprengt Grenzen. Es geht um einen Weltfussballer namens Diamantino, der ganz zufällig ein gutes Stück an einen gewissen CR7 erinnert, dessen Vater kurz vor seinem verschossenen Elfmeter im WM-Finale an einem Herzinfarkt stirbt, wonach der sonst eher einfach gestrickte Fußballstar in eine tiefe Sinnkrise fällt und ein afrikanisches Flüchtlingskind adoptiert. Doch weiß der grenzdebil-naive, aber eigentlich gutherzige Wunderkicker nicht, dass dieses Kind eigentlich eine lesbische Frau und Steuerfahnderin ist. Außerdem tyrannisieren ihn seine ekelhaften Zwillingsschwestern und eine radikale Organisation versucht ihn zu klonen, um Portugal wieder „gross zu machen“ und einen EU-Austritt zu forcieren. Und das sind nur ein paar der Eisspitzen, die aus diesem weiten und weirden Meer herausragen…
Verspielt & verliebt
Eigentlich wollte ich „Diamantino“ schon zu/vor seinem Release damals auf dem Kölner Filmfestival sehen, doch ich wurde aufgehalten. Ein Versäumnis, dem ich bis heute hinterhergetrauert habe. Nun konnte ich den surreal-philosophischen Mix endlich nachholen - und bin begeistert. Eine totale Empfehlung, wenn man auf Abgefahrenes und Abseitiges steht. Ganz eigener Humor, ganz viele Einfälle, ganz und gar kein Blatt vor'm Mund. Er überschlägt sich etwas in seinen Kniffen und absurden Knospen. Ganz formuliert er jedes seiner vielen Topics nicht aus. Manche schneidert er sogar nur frech an. Doch die Mischung macht’s hier. Erstaunlich ist auch, dass hier Crist… äh Diamantino ganz und gar nicht zur reinen Lachnummer stilisiert wird, sondern Herz und Schmerz gekonnt rüberbringt. Das hatte ich so nicht erwartet. Von plüschigen Hundewelpen in Fussballkathedralen über Panama-Offshore-Konten-Apps bis zu süßen, kleinen Brüsten am Männerkörper - „Diamantino“ kennt kaum Geschlechter-, Genre- oder Geschmacksgrenzen. Und das ist gut so. Plus der Song, der u.a. über den Credits läuft, ist ein Banger.
Fazit: Satire, Surrealismus, Schocker, Starkicker, Staatsfeind… „Diamantino“ ist boxensprengendes, mutiges Bizarro-Kino mit Arthouse-, Genre- und Genialitätsmomenten. Komplett eigenständig und speziell. Mit Kanten und Unperfektionen. Ich lieb's.