Review
von Leimbacher-Mario
Land der tausend Sünden
Salem - Buchstaben, die für Hexen und deren Verfolgung stehen, wie nichts anderes auf der Welt. Und genau dort spielt „Assassination Nation“. Und es geht natürlich um eine Hexenjagd. Jedoch in ultramoderner Form, wie man sie in dieser Radikalität noch nicht gesehen hat... Die Einwohner und graue, aggressive Masse dieses Städtchens machen vier Schülerinnen für den weitreichenden Hack von intimen Infos und Skandalen verantwortlich - und schon geht sie los der hyperbrutale Hunt aufs „schwache Geschlecht“. Rache, Scheinheiligkeit, Hysterie. „The Purge“ trifft auf „Spring Breakers“, Tarantino trifft auf Sukeban, Frauenbewegung trifft auf Provokation, Schocker trifft auf „Hackers“. Mit dem Ergebnis: „Assassination Nation“ rockt die Hütte und ist einer meiner Lieblingsfilme aus dem letzten Jahr, den ich im Kino leider verpasst habe und der leider völlig untergegangen bzw. zum Teil auch falsch verstanden wurde. Super schade. Aber besser polarisieren und verstören als langweilen. Sehen, sollten ihn dennoch viel mehr Leute. Jetzt.
„Assassination Nation“ hat was zu sagen. Sehr viel, sehr Wichtiges sogar. Manchmal sprudelt es etwas hyperaktiv und weit gestreut aus ihm heraus, doch langweilig oder zu abstrakt wird es nie. Die vier Mädels in ihren roten Roben könnten eine Art Ikonen unserer Kinozeit und Popkultur werden - doch die relative achselzuckende Reaktion des Publikums im letzten Jahr lässt mich die aktuelle Alles-Egal-Mentalität und vollkommene Abgestumpftheit dieser Welt fast mehr fürchten als deren reaktionäres, zerstörerisches Verhalten. „Assassination Nation“ ist ein Ball voller Energie mit Kamerarbeit, knackigen Farben und einem Style, der in Sachen Coolness und Präzision rein gar nichts in den letzten Jahren fürchten muss. Vom pumpenden Soundtrack bis zu den flackernden Collagen, von etlichen Filmreferenzen bis hin zum beißend-satirischen Ton - das Ding ist fast zu geil für diese Welt und kann in vielfacher Hinsicht überfordern. Was meiner Meinung nach den Wiederspielwert nur noch erhöht. Dagegen sieht die komplette „Purge“-Reihe aus wie Brei und kann nichtmal ansatzweise mithalten. Künstlerisch ist das wertvoll, sozialkritisch könnte das kaum mehr auf den Topf hauen und die vier Ladies sind wirklich zum Niederknien. Etwas schade ist, dass man zumindest zwei der vier nur super oberflächlich kennenlernt und der Film hintenraus etwas gehetzt und unfokussiert wirken kann. Ansonsten ist das ein filmgewordener Fickfinger, der die Probleme und Ansichten und Risiken der aktuellen Generation und Zeit nicht nur trifft sondern auch kennt. In und auswendig. Mit allen Vor- wie Nachteilen. Eine Kampfansage.
Fazit: einer der coolsten, rauschigsten Filme des Jahrzehnts und ärgerlich untergegangen. Ein stylischer Genremix, der nur eine Richtung kennt - nach vorne. Ins Herz einer scheinheiligen, gestörten Nation (und indirekt auch Welt) am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ein gefährlicher Alptraum. Schmerzhaft am Zeitgeist. Ein feministischer Fressepolierer. Relevant und unberechenbar. Kommender Kult. Hoffentlich. Von vielen gehasst, von wenigen verstanden.