WENN EIN MENSCH LANGSAM VERSCHWINDET
Hin und wieder gibt es doch noch gute Fernsehproduktionen in Deutschland. Mein Vater ist kein großer Film und auch kein großartiger, aber ein starker Film und eben eine sehenswerte Produktion im Auftrag des WDR.
Die Geschichte ist ebenso einfach, wie ergreifend und geradezu als Tabu selten thematisiert: Götz George spielt den Busfahrer und Frührentner Richard, der an Alzheimer erkrankt und gemäß dieser bislang unaufhaltbaren Krankheit zunehmend an Demenz leidet. Am Ende steht bei Alzheimer stets der völlige Verlust der Selbstständigkeit und der eigenen Persönlichkeit. Und so ist es wohl kein Spoiler, zu sagen, dass auch dieser Film nicht fröhlich endet und Richard letztlich verschwindet.
Was den Film auszeichnet sind vor allem drei Dinge: die einsichts- und verständnisreiche Aufarbeitung des Themas, die Darsteller und die Erzählweise. Zurecht wird der Film gerne als lehrreiches Medium bezüglich Alzheimer genannt, denn was hier dargestellt wird, zeugt von einem profunden Wissen um die Erkrankung, das veränderte Seelenleben der Patienten und vor allem auch den Belastungen, denen die nahen Verwandten ausgesetzt sind. So richtet sich der Film auch sinnvoller Weise vornehmlich an letztere und fokussiert seine Geschichte nicht in der Psyche des Erkrankten, sondern im Sozialgefüge seiner nächsten Umwelt. Richards Sohn Jochen, gespielt von Klaus J. Behrendt, weigert sich zunächst, den Vorschlag seiner Frau Anja (Ulrike Krumbiegel) umzustetzen und den eher verhassten Vater ins gerade neu gebaute Eigenheim aufzunehmen. Als offensichtlich ist, dass Richard alleine nicht mehr zurecht kommt, wird er in dem Zimmer seines Enkels Oliver einquartiert. Den weiteren Lauf der Ereignisse, und das heißt eine zunehmende Gestaltung des Familienlebens und der Organisation des Hauses in Rücksicht auf Richards stagnierenden Zustand, erleben die Ehepartner unterschiedlich, bis es irgendwann nicht mehr die Schwiegertochter ist, die Richard bis zum Ende zur Seite stehen wird, sondern der Sohn, der seine sorgenvolle Liebe zum Vater neu entdeckt. Die Ehe zerbricht daran, die Aufmerksamkeit, derer ein Alzheimerpatient bedarf, ist zu absolut.
Das Fortschreiten der Krankheit wird ganz nebenbei aber detailreich erzählt. Es beginnt mit den im Kühlschrank abgelegten Zeitungen (und auch Richards diesbezüglicher Erklärungsversuch, so blieben die Nachrichten frisch, ist nicht bloß ein Scherz, sondern eine für Demenzerkrankungen ganz typische Haltung der Betroffenen, mit der sie die eigene Unsicherheit zu überspielen versuchen), geht über die Orientierungslosigkeit und die Missinterpretation der Außenwelt („Du hast mein Geld gestohlen.") und dem Verlust sozial geregelter Interaktion (bezüglich des Alters seines Gegenübers sagt Richard: „Das hätte ich jetzt nicht gedacht, Sie sehen viel älter aus.") bis zu Verfolgungswahn und Angstzuständen in einer aus den Fugen geratenen Welt, die der Erkrankte nicht verstehen kann. Der Umgang mit Richard kann nur darauf ausgelegt sein, ihm Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, und dementsprechend ändern sich die Gepflogenheiten in dem Familienhaus. Fenster werden abgedunkelt, Türen verschlossen (was sich wiederum als wenig hilfreich erweist), Spiegel verhangen. Das Leben mit einem Demenzkranken hat keine Lösung, es gibt nur einen Verlauf der Geschichte des Verschwindens. Und der Film endet denn auch konsequent mit einem Bild des Verschwindens: der Sohn lässt den Vater frei, der hinaus in die dunkle Nacht wandert, überblendet mit den Lichtern des Straßenverkehrs. Dies ist nicht der Moment des Todes, aber des Sterbens. Richard verschwindet am Ende des Films, ist nicht mehr da, Jochen hat ihn losgelassen und bleibt zurück.
Götz Georges Richard verstummt zunehmend, doch was bleibt sind die Blicke und Gesten. So sehr sich Richards Charakter auch auf der Außenfläche verändert: das innere Unverständnis, die bisweilen erscheinende Traurigkeit, Angst und Sehnsucht sind in Georges Augen zu sehen. So unklar es einem Beobachter bezüglich realer Demenzkranker ergehen mag, wollte er entscheiden, ob da ein Bewusstsein vorhanden ist, oder nicht, so gebrochen werden auch viele Kleinigkeiten dargestellt. Da sitzt Richard völlig abwesend neben seinem Sohn auf dem Sofa und streichelt dessen Hand auf seinem Knie: ein Bild der Zutraulichkeit. Als der Sohn die Hand jedoch bereits fortgezogen hat, streichelt Richard ebenso zutraulich und abwesend die leere Stelle auf seinem Bein weiter. Manche Situation schwebt zwischen Witz (der wie jeder Witz durch krassen Kontrast entsteht, hier derjenige zwischen Richards Verhalten und der Situation, in der er sich verhält) und Erschütterung. Und auch das bekommt der Film übrigens hin: nicht in einem Betroffenheitssumpf zu versinken, sondern das Leben so darzustellen, wie es nunmal ist: schön und grässlich zugleich, lustig und traurig.
Auch Behrendt (seit 1992 bekannt als Tatort-Kommissar Max Ballauf) ist die innere Zerrissenheit anzusehen, sein Jochen ringt ständig mit der Frage nach der richtigen Entscheidung. Neben Traurigkeit und Aggressionen bleibt aber auch hier Raum für leisen Humor. Aus diesen drei Komponenten, Traurigkeit, Aggression und Humor, entsteht im Laufe der Geschichte Jochens Zuneigung zum eigenen Vater, wie er sie sich zunächst überhaupt nicht hätte vorstellen können. Am Ende hat Jochen genügend Gelassenheit, um nicht selbst zerstört zu werden, während um ihn herum die Welt zusammenbricht. Wo der kranke Vater in ein Nirgendwo übergeht, das ihn vor den unerträglichen Spannungen zwischen Innen und Außen bewahrt, erlernt der Sohn angesichts der nie durch aggressive Handlungen lösbaren Situationen innere Ruhe. Seine Frau hingegen kapituliert, tritt die Flucht an und verlässt die Familie. Neben ihrer Mutter ist es vor allem Jochens und Anjas Sohn, der keinerlei Verständnis und Respekt für den alten, ekligen Spinner aufbringen kann. Als Opa ins Pflegeheim abgeschoben ist, feiert der Enkel die erneute Übernahme seines Zimmers mit krachender Musik (im Kontrast zu Opas italienischen Opern) und mit einem Kumpel wild in den übriggebliebenen Windeln tanzend.
Und schließlich ist es auch die Erzählweise, die diesen Film so sehenswert macht. Was auch immer die Figuren sagen oder tun, es bleibt dem Zuschauer überlassen, was er davon hält. Der Film verurteilt seine Figuren nicht, lobt sie auch nicht. Er zeigt wie sie handeln, manifestiert so, was sie denken und bleibt ansonsten still. Die Außenaufnahmen sind überwiegend von chaotischem Straßenleben und regnerischem Wetter unangenehm geprägt. Die Außenwelt verändert sich für einen Demenzkranken zur Bedrohung und so ist auch das wiederkehrende Bild des über die Ufer getretenen Flusses im Film eine Bezugnahme auf die aus den Fugen geratene Welt: sowohl des Erkrankten als auch der Angehörigen. Nichts verläuft mehr gemäß des alten Flussbettes, alles ist Verunsicherung.
Dabei ist auch die Generationenkonstruktion der Filmgeschichte wichtig: Jochen, selbst Vater, erlebt wie sein eigene Vater kindähnliche Verhaltensweisen an den Tag legt. Es wäre zwar ein schrecklicher Trugschluss, sähe man alte und gerade demente Menschen als Kinder und ginge entsprechend mit ihnen um, was leider häufig geschieht. Auch Richard äußert verzweifelt, solange er das kann, er sei doch kein Kind mehr. Dennoch ist die Art der Bedürftigkeit und Abhängigkeit von anderen Menschen mit der Situation eines kleinen Kindes vergleichbar. So gesehen werden Kinder zu Männern und Männer zu Kindern, wie es Anja einmal äußert. Die Gedanken an die ungewisse eigene Zukunft zeigen sich im Verhältnis Jochens zu seinem Sohn Oliver, der schlichtweg bestreitet, seinem Vater jemals den Arsch abwischen zu wollen. Wie definitiv diese Aussage ist, bleibt offen, denn kurz danach hilft Oliver seinem völlig betrunkenen Vater die Treppe hinauf ins Bett.
Mein Vater nimmt sich eines Themas an, dem man sich üblicherweise lieber nicht aussetzt. Und im Zentrum steht stets die Frage, ob ein ständiger Aufenthalt im Pflegeheim nicht sinnvoller wäre, als die schwer zu bewältigende Aufgabe der privaten Pflege zu Hause. Altwerden ist in Deutschland immernoch ein Tabuthema und allein von daher ist ein solcher Film wichtig und sehenswert. Umso mehr wenn er gelungen ist wie dieser.