„Auch Serienkiller sind die Nachbarn von jemandem!“
François Simard und die Geschwister Anouk und Yoann-Karl Whissell alias „RKSS“ präsentierten im Jahre 2018 ihren nach dem retrofuturistischen Endzeitfilm „Turbo Kid“ im ‘80er-Stil zweiten abendfüllenden Spielfilm: den Coming-of-Age-Thriller „Summer of 84“, mit dem man dem mitinitiierten ‘80er-Genrekino-Rollback eine weitere Pretiose hinzufügte.
„Hinter dem sorgfältig gemähten Rasen und den netten Begrüßungen, in jedem Haus, sogar in dem direkt nebenan, könnte das Unfassbare geschehen, ohne dass du es merkst…“
Der 15-jährige Davey (Graham Verchere, „Flucht aus Mr. Lemoncellos Bibliothek“) stockt in seiner Kleinstadt Ipswich im US-Staate Oregon als Zeitungsausträger im Sommer des Jahres 1984 sein Taschengeld auf und befasst sich in der Freizeit gern mit urbanen Legenden und mysteriösen Phänomenen. Somit interessiert er sich auch für den „Schlächter von Cape May“, einen Serienkiller, der seit Jahren immer wieder die Umgebung unsicher macht; insbesondere hat es dieser auf Jugendliche abgesehen. Davey, mit einer feinen Beobachtungsgabe ausgestattet, entwickelt den Verdacht, dass sein alleinstehender Nachbar, der angesehene Polizist Wayne Mackey (Rich Sommer, „Glow“), die Bestie sein könnte. Damit steht er jedoch allein auf weiter Flur, wenngleich er seine Freunde Eats (Judah Lewis, „The Babysitter“), Woody (Caleb Emery, „Holden On“) und Curtis (Cory Grüter-Andrew, „This Is Your Death“) einweiht und Mr. Mackey mit ihnen zusammen beschattet. In der Tat verhält sich Mackey verdächtig – und einen auf Milchtüten als vermisst abgebildeten Jungen hat Davey erst kürzlich bei ebenjenem gesehen. Doch je intensiver die Jungs ihren Ermittlungen nachgehen, desto mehr begeben sie sich in Gefahr…
„Hinter perfekten Vorstadtfassaden passiert oft die krankeste Scheiße!“
Davey fährt BMX und führt in den Film als Voice-Over-Sprecher ein, während vom tollen, sich mal mehr, mal weniger dezent durch den Film ziehenden Synthie-Soundtrack das Titelstück erklingt. An Daveys Zimmerwand hängt ein Poster des D.O.A.-Punkalbums „Hardcore ‘81“, die Siedlung wurde auf einem Indianerfriedhof erbaut, mit seinen ebenfalls BMX-cruisenden Freunden kommuniziert er per Walkie Talkie, wenn man nicht gerade gemeinsam eine Videospielhalle aufsucht, und die Synthie-Instrumentals ziehen sich auch mal für Bananarama zurück – das ‘80er-Hommagen-Bingo verzeichnet schon früh zahlreiche Treffer. Neben typischen Inspirationsquellen wie „Stand By Me“, „Die Goonies“ oder auch „Fright Night“ erinnert „Summer of 84“ mit seiner Prämisse jedoch auch an „Meine teuflischen Nachbarn“ sowie den ‘50er-Jahre-Hitchcock-Klassiker „Das Fenster zum Hof“.
„Der Kalte Krieg hört wohl nie auf!“
Der leicht komödiantische Tonfall des Films mit seinem Dialogwitz und seiner Situationskomik, der zugunsten eines immer ernster werdenden Verlaufs sukzessive einer düsteren Atmosphäre weicht, weist zudem gewisse Parallelen zur ‘80er-Rollback-Serie „Stranger Things“ auf, wenngleich jene in ihrer Stimmung eher wellenförmig verläuft – „Summer of 84“ gleicht vielmehr einer Abwärtsspirale. Was zunächst als Spiel empfunden wird, wird zu bitterem Ernst. Auffallend ist, dass man es vermied, den Jugendlichen wenig alters-, dafür umso kinogerechtere Worte in den Mund zu legen. Stattdessen wird sich lange Zeit fröhlich über Sex und Schlüpfrigkeiten ausgetauscht, wie es Pubertierende ohne Geschlechtsverkehr nun einmal tun. Dass einer von ihnen ein Bad-Religion-T-Shirt und eine punkige Lederjacke trägt, man vom elterlichen Whisky kostet und die Gespräche auch mal um die Gremlins kreisen, beweist, dass die Clique durchaus auch andere Interessen hat. Wenn die heiße Nachbarin (Tiera Skovbye, „Miracle Season – Ihr größter Sieg“) Davey besucht, spielen indes die Hormone verrückt. Doch wenn sie – seine ehemalige Babysitterin – sich bei ihm ausspricht, weil sie die Scheidung ihrer Eltern nicht verkraftet, bekommt auch diese Sequenz eine ernste Note und wird in Erinnerung gerufen, dass es Mitte der 1980er bei Weitem noch nicht so üblich wie heute war, dass sich Elternpaare trennen.
„Ok, Magnum... Was ist dein Plan?“
Der eigentliche Inhalt jedoch ist die Verdächtigung Mr. Mackeys und dessen draus resultierende Observierung. Das ist spannend umgesetzt und wird konsequent ausschließlich aus der Perspektive der vier Jugendlichen erzählt. Erst nach ungefähr einer Stunde kommen Elternteile ins Spiel, die die Situation verschlimmern, statt den Kids hilfreich zur Seite zu stehen: In Anwesenheit Daveys Vaters (Jason Gray-Stanford, „Miracle Season – Ihr größter Sieg“) müssen sie Mackey alles erklären und sich entschuldigen. Eine peinliche Situation, die exemplarisch für die Entfremdung von der Elterngeneration steht, für Davey aber auch mit einem Glaubwürdigkeitsverlust einhergeht. Mühsam muss er seine Freunde davon überzeugen, an der Sache dranzubleiben. Neben seinem Retro-Flair, der sich auch im angenehmen, nie hektischen Erzähltempo niederschlägt, setzt „Summer of 84“ ab einem gewissen Zeitpunkt hauptsächlich aufs Anziehen der Spannungsschraube, bis er gegen Ende doch noch gewalttätig wird. Der letzte Abschnitt ändert überraschend noch einmal den Tonfall und knüpft damit an den Beginn an.
„Krisensitzung! Im Baumhaus! Jetzt!“
Ohne zu viel verraten zu wollen, sei angemerkt, dass „Summer of 84“ für den/die eine(n) oder andere(n) Zuschauer(in) etwas unter dem „Das Fenster zum Hof“-Effekt leiden könnte, sprich: es gibt lediglich einen einzigen Verdächtigen. Da es „RKSS“ meines Erachtens aber sogar besser als Hitchcock verstehen, Zweifel zu streuen, falsche wie richtige Fährten zu legen und miteinander zu vermengen sowie subtil mehrmals mit etwaigen Erwartungshaltungen zu brechen, tut dies der Dramaturgie keinen Abbruch. Die Stereotype, die die Pullover und Shirts sämtlicher Sportbekleidungshersteller tragende Clique verkörpert, sind die klassischen, doch auch dies gereicht dem Film nicht zum Nachteil, da sie mit Leben und Charakter ausgefüllt werden (wenn auch nicht in einem „Stand By Me“- oder gar „Es“-ähnlichen Ausmaße). „Summer of 84“ zählt somit zu den angenehmen Vertretern der ‘80er-Kino-Aufarbeitung und -Ehrerbietung, dürfte stark vom „Stranger Things“-Erfolg profitiert haben und ist für ein jüngeres Publikum gleichsam geeignet wie für ein älteres: Während dem einen die 1980er nähergebracht werden, erfreut sich das andere an einer verlorengeglaubten Herangehensweise, einen Genrefilm zu gestalten, und wärmt es sich an den nostalgischen Schwingungen.
Zumindest bis zum Ende. Dieses sensibilisiert nachhaltig für den hinter allen Fassaden lauernden Wahnsinn und markiert das Ende der Kind- bzw. juvenilen Unbeschwertheit – und ist damit längst nicht mehr ‘80er-spezifisch. Gut so.