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Obwohl die Macher spätestens seit dem vierten Teil, „Ghost Protocol“, darum bemüht waren die vorher unabhängigen Agentenepisoden um die Geschicke von Ethan Hunt zu einem Ganzen zu verquicken, drückten immer neue Regisseure den Filmen ihren individuellen Stempel auf. Für den sechsten Teil der „Mission: Impossible“-Reihe, „Fallout“, kehrte erstmals ein Regisseur zurück, nämlich Christopher McQuarrie, der Schöpfer des Vorgängers „Rogue Nation“.
Auch inhaltlich ist „Mission: Impossible 6“ erstmals ein ziemlich direktes Sequel, was der Film schon mit dem anfänglichen (Alp-)Traum von IMF-Agent Ethan Hunt (Tom Cruise) untermauert: Darin stehen Hunt und seine Ex-Frau Julia (Michelle Monaghan) zusammen am Strand und werden getraut, doch entpuppt der Priester sich als Rogue-Nation-Chef Solomon Lane (Sean Harris), dessen Schwüre nicht mehr ganz so freundlich sind. Auch die erste Mission Hunts schließt an den Vorgänger an: Die Rogue-Nation-Agenten sind inzwischen verstreut, haben sich aber als Apostel genannte Organisation neu formiert und fallen vor allem mit antiklerikalem Terror auf, für den sie Plutonium gewinnen möchten.
Genau jenes soll Hunt von einigen Verkäufern wiederbeschaffen, doch beim Deal greift eine dritte Partei ein, sichert sich das Gefahrgut und entkommt, da Hunt die Sicherheit seiner Teamkameraden Luther Stickell (Ving Rhames) und Benji Dunn (Simon Pegg) wichtiger ist als die Ware. Das sammelt Punkte in den Augen des Publikums, aber nicht beim Vorgesetzten Alan Hunley (Alec Baldwin) und noch weniger bei CIA-Chefin Erika Sloane (Angela Bassett), die Hunt für die weitere Mission ihre rechte Hand August Walker (Henry Cavill) als Aufpasser an die Seite stellt. Damit verhandelt der Film aber ein zentrales Thema der Reihe und des Agentenfilms allgemein: Das Verhältnis von Individuum, Team und höherem (Missions-)Ziel, bei dem nicht als reine Roboter agierende Helden wie Hunt nicht nur den moralischen Sieg davontragen.

In Paris soll Ethan die Identität von Apostelchef John Lark bzw. dessen Unterhändlers annehmen und in dessen Namen das Plutonium von der Waffenhändlerin White Widow (Vanessa Kirby) kaufen. Zwar kann Ethan an dessen Stelle vor die weiße Witwe treten, jedoch ohne identitätsfälschende Maske, was die ganze Sache erschwert. Nicht zuletzt, da der Deal über eine bloße Geldübergabe hinausgeht und MI6-Agentin Ilsa Faust (Rebecca Ferguson), die sich im Vorgänger von der Gegenspielerin zur Helferin und amourösen Versuchung wandelte, mitmischt, die eigene Ziele zu verfolgen scheint…
Wenn man bei den „Mission: Impossible“-Filmen auf eines bauen kann, dann das: Dass Tom Cruise als lebender Spezialeffekt alles gibt und quasi jeden menschenmöglichen Stunt selbst aufs Parkett legt. So auch hier, wo er sich unter anderem den Fuß bei einem Dach aufs andere brach, die Szene aber tapfer zu Ende filmte, weshalb man ihn dort auch humpeln sieht. Selbst für den Fallschirmsprung über Paris, der dem Treffen mit der White Widow vorausgeht, sprang er neben dem Kameramann selbst für den Halo-Jump aus dem Flugzeug, auch wenn man sich fragen muss, ob der Aufwand dem Ergebnis gerecht wird, dem aus Handlungsgründen noch ein CGI-Gewitter und ähnliche Scherze hinzugefügt werden mussten. Jedoch steht die Reihe weiterhin für weitestgehend handgemachtes Actionkino und da, wo Kollege Computer eingreifen muss, da ist es anders kaum lösbar, etwa wenn zwei Helikopter zum Finale ineinandercrashen und durch die Gegend schlittern. In anderen Szenen, in den Hunt den Heli nur steuert, saß Cruise dann aber selbst am Steuerknüppel.
So finden sich einige Highlights unter den Actionszenen, angefangen beim Toilettenfight in der Tradition von „True Lies“ und „Casino Royale“, in der Hunt und Walker dem kampfstarken Unterhändlern Paroli bieten müssen – McQuarrie auf musikalische Untermalung, lässt allein die Sounds des Kampfes diesen rohen und stark choreographierten Schlagabtausch begleiten. Ebenfalls sensationell ist eine Jagd durch Paris, die zu Fuß, per Motorrad und per Auto bestritten wird, in der nicht nur mehrfach die Vehikel gewechselt und beim Fahren Schurken bekämpft werden, sondern die sich trotz ihrer immensen Länge nicht zieht. Andere Actioneinlagen ragen nicht ganz so heraus, wissen aber zu gefallen (etwa Hunts besagte Dachhatz, in der sich Cruise den Fuß verknackste). Nur der Showdown fällt etwas ab: Zwar ist das Ganze aufwändig gemacht, wenn eine Helikopterjagd, ein Nahkampf und zwei Bombenentschärfung inhaltlich miteinander verquickt und formal gegeneinander montiert werden, doch überreizt McQuarrie den Bogen hier etwas, so gelungenes Actionhandwerk das Ganze auch sein mag. Doch mit zunehmender Dauer ziehen sich der zum x-ten Mal wieder aufstehende Superschurke, der x-te Beinaheabsturz mit Hubschrauber und ähnliche Dinge dann doch.

Immerhin beweist McQuarrie – ähnlich wie beim direkten Vorgänger – das nötige Maß an Ironie angesichts jener Unglaublichkeiten, die schon im Titel der Reihe drinstecken. Wenn Hunt etwa den Superschurken verfolgt, dann brennt der Hubschrauber am Ende Jagd nicht nur, sondern es leuchtet quasi jede Warnleute im Cockpit. Für lockere Sprüche durch Benji ist ebenfalls gesorgt, obwohl auch er mehr Actionheldenqualitäten zeigt und insgesamt ernster als sonst daherkommt, was der Film allerdings thematisiert – Benji hat keine Lust mehr auf Innendienst, muss aber feststellen, dass nicht jeder für Hunts Einsätze geboren ist.
Bei dem Fokus auf Hunts körperliche Einsätze kommt allerdings auch die Berufskrankheit der Reihe zum Tragen: Nämlich jene, dass der Plot in erster Linie eine Folie für die Set Pieces ist. Dabei war es gerade Christopher McQuarrie der in „Mission: Impossible 5“ mit einem besseren Drehbuch und mehr Stringenz aufwartete, doch Teil 6 ist weniger straff und geschlossen, was man dem Script anmerkt: Die supergeheime Schurkenorganisation der Apostel taugt noch nicht mal zum MacGuffin, es kommen auch kaum welche von ihnen im Film vor, während die Identität von John Lark schon ziemlich früh quasi auf dem Silbertablett präsentiert wird. Wichtiger sind dem Film dann seine Actionszenen, das Location-Hopping und natürlich die Scharaden, welche die Reihe auszeichnen.

Besagte Masken- und Verwirrspiele sitzen oft, gerade eine Tauschaktion im letzten Drittel kommt unerwartet, während manches ist durchschaubar bleibt: Dass Hunt keine Unmengen von Cops töten wird, nur um seine Tarnung zu sichern, ist absehbar, da ist die Reihe dann doch zu sehr Mainstream. *SPOILER* Bei der Atombombenexplosion mag man anfangs noch daran glauben, dass sie tatsächlich passiert sein könnte, aber bei der Verhörszene wird dann immer klarer, dass auch das mal wieder eine Täuschung ist – mit Gastauftritt von Wolf Blitzer als er selbst. *SPOILER ENDE*
Kleinere emotionale Momente gelingen McQuarrie dabei auch, etwa wenn sich Hunt und Ilsa weiter annähern oder wenn Luther und Julia einen nachdenklichen Moment in einer Gefahrensituation teilen. Doch insgesamt bleibt „Mission: Impossible 6“ mehr an der Oberfläche als beispielsweise der ähnlich plotreduzierte „Mad Max: Fury Road“, der zwischen den Stunts und den Action noch mehr Sympathien für die Figuren aufbauen, seine Charaktere besser und tiefer beleuchten konnte.
An der Besetzung liegt das kaum: Rebecca Ferguson als schlagkräftiges weibliches Hunt-Pendant ist erneut ein großer Trumpf des Films, während Simon Pegg und Ving Rhames erneut tollen Support in wichtigen Nebenrollen abliefern. Ähnlich gut sind auch die Wiederkehrer Alec Baldwin, Michelle Monaghan und Sean Harris, während von den Neuzugängen vor allem Vanessa Kirby punktet. Nur Henry Cavill und Angela Bassett kommen eher semigut im Film an, wirken immer wie Außenseiter, mehr noch als Wes Bentley, der als Julias neuer Mann eigentlich eher diesen Status innehaben sollte. Das Zentrum des Films ist aber Tom Cruise, der auch abseits seines körperlichen Höchsteinsatzes mal wieder in seiner (Inzwischen-)Paraderolle aufblüht.

Es ist dann also nicht alles Gold bei „Mission: Impossible – Fallout“: 10 bis 20 Minuten weniger hätten dem Film nicht schlecht zu Gesicht gestanden, McQuarries Film bleibt etwas an der Oberfläche und der Plot ist teilweise recht deutlich eine reine Folie für die Set Pieces, aber die haben es in sich. „Mission: Impossible 6“ ist starkes, weitestgehend handgemachtes Actionkino mit Drive und Witz, gut besetzt und trotz stattlicher Lauflänge weitestgehend kurzweilig.

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