Review

GODZILLA-ANIME No. 2

GODZILLA: EINE STADT AM RANDE DER SCHLACHT

(GODZILLA: KESSEN KIDÔ ZÔSHOKU TOSHI)

Hiroyuki Seshita und Kôbun Shizuno, Japan 2018

Vorsicht – das folgende Review enthält SPOILER!

Zweite Runde ... Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht (im Original annähernd gleichbedeutend Godzilla: Kessen kidô zôshoku toshi) bildet den Mittelteil der von den Tōhō-Studios und Polygon Pictures produzierten Godzilla-Anime-Trilogie, die mit Godzilla: Planet der Monster einen milde verunglückten Start hingelegt hatte. Aber noch gab es Hoffnung.

Wir erinnern uns: Gegen den 300-Meter-Godzilla, der sich zum Ende des Vorgängers effektvoll aus dem Boden der um 20.000 Jahre gealterten Erde erhoben hatte, konnten unsere Protagonisten nicht die Spur ausrichten – selbst Oberheld Haruo Sakaki fand sich nach einer nur sehr kurzen Auseinandersetzung mit dem Giganten schwer verletzt in den Trümmern seines Mechas wieder, um kurz darauf das Bewusstsein zu verlieren.

Doch er hat Glück: Er wird von einer seltsamen kleinen Eingeborenen gefunden und gesund gepflegt. Nach seinem Wiedererwachen im Wald trifft er auf weitere Mitglieder der von den Menschen, Exif und Bilusaludo zur Erde entsandten Truppenteile, aber sie alle sehen sich bald von den geheimnisvollen Eingeborenen, zu denen auch Haruos Retterin gehört, eingekreist und unter freundlicher Androhung von Waffengewalt in deren Behausung gebeten.

Bei den Eingeborenen handelt es sich um die „Houtua“ – in einem weiträumigen Höhlensystem lebende Menschen (oder überwiegend Menschen, denn ein winziger Insektenanteil soll auch noch in ihnen stecken – echt jetzt), die auf der Erde überlebt und sich an die unfreundlichen Bedingungen auf ihrer Oberfläche angepasst haben. Wie sich herausstellt, hat Haruos junge Retterin noch eine Zwillingsschwester, und die beiden offenbar mit speziellen telepathischen Begabungen ausgestatteten Mädchen dienen im Folgenden als Dolmetscherinnen, die für eine ausreichende Verständigung zwischen „Ureinwohnern“ und Neuankömmlingen sorgen.

In den Höhlen der Houtua treffen Haruo und die Seinen auch noch weitere Überlebende des vorangegangenen Kampfes, darunter die Bilusaludo (Achtung, festhalten!) Mulu-Elu Galu-Gu und Rilu-Elu Belu-be (Halu-Elu Dolu-do, ein weiterer wichtiger Bilusaludo, befindet sich noch an Bord des über der Erde schwebenden Mutterschiffs – ehrlich, genau so heißen die). Unsere Menschen, Exif und Bilusaludo machen sich derweil bald darauf wieder auf den Weg, um draußen die Lage zu erkunden und über neue Strategien zur Vernichtung des Giga-Godzillas nachzudenken (was angesichts der momentanen Situation etwas vermessen erscheint). Begleitet werden sie dabei von den Zwillingsmädchen, die übrigens auch Namen haben: Maina und Miana. Und sie machen sich nützlich – bei einem Monsterwurm- und Drachenüberfall retten die beiden einigen unserer Helden durch ihren sicheren Umgang mit Pfeil und Bogen das Leben.

Daraufhin stellen Haruo und seine Leute fest, dass die Spitzen von Mainas und Mianas Pfeilen aus „Nanometall“ bestehen – dem Werkstoff, der einst zum Bau von „Mechagodzilla“ verwendet wurde. (Mechagodzilla? Welcher Mechagodzilla? Natürlich sind mechanische Nachbauten des Großen Grünen als Co-Protagonisten in mehreren Godzilla-Filmen nicht nur dem Fachpublikum bestens bekannt – hier aber, also auch im Vorgänger Godzilla: Planet der Monster, hat man bislang keine Schraube einer solchen Kampfmaschine gesehen, weshalb die Selbstverständlichkeit, mit der plötzlich von ihr gesprochen wird, ziemlich verwirrend ist.) Dieses Nanometall also, befinden Haruo und die Bilusaludo Mulu-Elu Galu-Gu und Rilu-Elu Belu-be, könnte sich als probates Mittel zur Vernichtung des Giga-Godzillas erweisen, und so bitten sie die Zwillingsmädchen, die Gruppe zu jenem Ort zu führen, an dem das Wundermaterial zu finden ist. (Vielleicht sollte man Maina und Miana doch besser als junge Zwillingsfrauen bezeichnen, denn eine gewisse Reife lassen sie schon erkennen – was sie wirklich sind, ist natürlich jedem Kaijū-Eiga-Freund von Anfang an klar: eine Neuinterpretation der immer leicht kontrovers beurteilten Mini-Feen beziehungsweise Shobijin oder Cosmos, die in enger Beziehung zur Riesenmotte Mothra stehen und so in zahlreichen Godzilla-Filmen aufkreuzen.)

Gesagt, geführt – und schon bald haben unsere Protagonisten mehr Nanometall, als sie zu träumen wagten, denn sie stoßen auf eine ganze Stadt aus diesem Material – und wir wissen, woher der Film seinen Titel hat. Von nun an wird es jedoch vollkommen abgedreht: Das einst wohl von den Bilusaludo ins Spiel gebrachte Nanometall führt ein Eigenleben und hat die Stadt gewissermaßen aus sich selbst gebaut. Oder so ähnlich. Alles Weitere zu diesem Thema Gesagte ausreichend zu verstehen weigert sich ein normales Gehirn beharrlich, weshalb ich in dieser Sache auch gar nicht weiter ins durchgeknallte Detail gehen möchte. Viel wichtiger ist ohnehin der neue Plan, den Haruo und die Bilusaludo Mulu-Elu Galu-Gu und Rilu-Elu Belu-be als Nanometall-Vertraute jetzt im Inneren der Mechagodzilla-Verwertungs-Stadt schmieden, um den verhassten Giga-Godzilla zu beseitigen (was irgendwie, ähm ... immer noch ein wenig vermessen anmutet). 

Ich fasse einmal zusammen, was ich davon verstanden habe: Man will den Giga-Godzilla (von nun an wieder nur Godzilla) mit mobilen Waffen, den sogenannten „Vultures“ (hoch effektive Bilusaludo-Flug-Mechas, die einfach noch irgendwo herumstehen) provozieren, um ihn wie seinen Vorgänger in eine Falle, diesmal ein flott wieder in Betrieb genommenes bilusaludisches Befestigungssystem, zu locken. Dazu soll er auf einen Umweg gelenkt werden, der über unterirdische nanometallische Adern führt, wobei man sich gegen seinen Hitzestrahl mit einem noch zu installierenden Hitzepanzer schützen und „nanometallische Partikel versprühen“ möchte, um eine „Pufferzone der Wärmeenergie“ zu schaffen. Sobald Godzilla in der Falle angelangt ist, soll diese mit flüssigem Nanometall gefüllt werden, nach dessen Verfestigung der Riese feststecken müsste – woraufhin es Zeit für einen massiven Waffeneinsatz wird: Das Heldenteam will zunächst mit großen Geschützen „auf einen Punkt“ des Feindes schießen, sich dann „synchronisieren“, um „von beiden Seiten“ seine Rückenflossen zu zerstören und ihn anschließend, wenn sein Schutzschild zusammenbricht, von hinten mit einer „EMP-Harpune erledigen“, welche durch elektrische Impulse „Godzillas elektromagnetische Wellen verzerrt“ und ihn somit zum Explodieren bringt. Ja, das leuchtet sofort ein ... klappt aber trotzdem nicht: Eine Weile lang läuft die Sache wie geschmiert, doch am Ende weigert sich das Monster ganz unverfroren, wie gewünscht zu explodieren. Dumm. Und nun wird es richtig ungemütlich für unsere Helden – und immer unübersichtlicher für uns Zuschauer.

Godzilla heizt erst einmal alles mit seinem Hitzestrahl auf, Teile der Stadt beginnen bereits zu schmelzen, und dann geben sich die Bilusaludo Mulu-Elu Galu-Gu und Rilu-Elu Belu-be auch noch als Antagonisten zu erkennen: Sie wollen vorsätzlich und ganz gezielt mit dem Nanometall (das übrigens, wie wir inzwischen wissen, böse ist!) verschmelzen, um selbst zu einem neuen, übermächtigen Mechagodzilla-Monster heranzuwachsen. Alle anderen sollen gewissermaßen in einem Abwasch auch gleich mit ihnen verschmolzen und vermonstert werden, aber Haruo, Held bleibt Held, widersetzt sich mit ganzer Kraft der schon beginnenden Vereinigung mit dem fiesen Bilusaludo-Nanometall, während alles rings um ihn und seine verbliebenen Getreuen herum schon fleißig dabei ist, in einem wahrhaft apokalyptischen Explosions- und Flammen-Exzess unterzugehen ...

Ja, diese Schlussminuten sind wirklich von beispielhafter Wucht. Indes: Es sind eben nur die Schlussminuten, welche die von den Kaijū-Eiga-Freunden erhoffte Monsteraction bieten. Abseits derer lebt Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht vorrangig und über eine sehr lange Zeit hinweg von wertarmen Dialogen, was sicher ganz wesentlich dazu beigetragen hat, dass der Film einen noch schlechteren Ruf als sein ohnehin schon nicht gerade mit ungebremster Euphorie aufgenommener Vorgänger. Mir aber hat er unter dem Strich eindeutig besser gefallen als Godzilla: Planet der Monster. Warum hat er das? Nun, zunächst erhält man hier die Gelegenheit, einige Figuren etwas besser kennenzulernen – wobei die Betonung ganz stark auf „etwas“ liegt und diese Annäherung nicht wirklich einem gelungenen Skript, sondern eher der vielen Zeit geschuldet ist, die man mit ihnen verbringt. (Allzu nahe möchte man diesen Figuren freilich auch gar nicht kommen, denn wann immer sich das Skript ein Stück weit an sie heranwagt, wie bei der beginnenden Liebesbeziehung zwischen Haruo und der sterbenslangweiligen Yuko Tani, droht finsterstes Ungemach). Hier kommen nun auch die im Vorgänger nahezu völlig ignorierten Bilusaludo zu ihrem Recht, und dies sogar in ungeahnter Ausführlichkeit und zunehmend handlungsbestimmend. Eine Überraschung, immerhin.

Sehr gut gefallen haben mir ferner die Erbinnen der Shobijin beziehungsweise Cosmos, sprich die begeisternd sachkundig mit Pfeil und Bogen hantierenden Mädels oder jungen Frauen Maina und Miana – sie sind die Ersten, deren Charakterdesign wenigstens ein Stück weit von den ansonsten hier genutzten Allerwelts-Schablonen abweicht, und auch generell haben sie etwas durchaus Faszinierendes an sich. Vielleicht sind sie sogar die Vorbotinnen eines Mothra-Auftritts – man weiß ja nie. Aufseiten der streng religiösen Exif braut sich darüber hinaus auch noch einiges zusammen, und zu alledem hat sich in diesem zweiten Teil der nervende Superheld Haruo ein wenig beruhigt und kommt nun etwas nachdenklicher und zurückhaltender daher, was der Veranstaltung zumindest in meinem Empfinden wirklich gut bekommt. Genervt, und zwar ganz fürchterlich, hat mich lediglich die nach wie vor regelrecht durchsichtige Yuko Tani, wobei ich eigentlich gar nicht sagen kann, dass sie mir irgendetwas getan hat und warum ich auf ihre Belanglosigkeit so heftig reagiere.

Auf inhaltliche Aspekte der vorliegenden Arbeit von Kōbun Shizuno und Hiroyuki Seshita habe ich indes nicht heftig, sondern staunend und zunehmend ungläubig reagiert: Die Geschichte vom Nanometall des einst dahingeschiedenen Mechagodzillas, das auf eine gewisse Weise lebendig ist, eigenständig handelt, eine Stadt aus sich selbst baut und schließlich mit humanoiden Wesen verschmelzen möchte, ist mit haarsträubend nicht mehr ausreichend beschrieben – das ist schon die hohe Schule des Irrsinns. Wer damit leben können will, muss ein paar Schalter im Gehirn auf Schonbetrieb umlegen. (Erstaunlicherweise stammt diese ebenso wilde wie abstruse Geschichte aus der Feder von Gen Urobuchi, der mit der zwar hoch komplexen, aber immer klar strukturierten Serie Psycho Pass ein veritables Anime-Highlight ersonnen hat.) Etwas Trash-Erfahrung schadet darüber hinaus auch nicht: Wenn man die „Fach“-Dialoge zum abenteuerlichen Treiben hört, fühlt man sich als Freund von Science-Fiction der Marke Asylum und Konsorten ein weiteres Mal wie zu Hause. Und nicht zuletzt verschiebt sich hier das Verhältnis von reiner Emotionalität und aufdringlichem Pathos sehr deutlich zu Ersterem – schade, dass man mit den Figuren trotz aller Verbesserungen noch immer nicht allzu viel anfangen kann. Ein gutes Beispiel dafür ist wieder die armselige Yuko Tani, die in der Schluss-Szene des Streifens recht poetisch ihren Geist aufgibt – ein Moment, der sehr wirkungsvoll hätte sein können, aber im hölzern-stereotypen personellen Milieu des Films weitgehend verpufft (im Übrigen könnte ich schwören, dass wir wieder einmal angeschmiert werden und Yuko Tani im dritten Teil quicklebendig wiedersehen).

Im optischen Bereich hat sich erwartungsgemäß wenig getan. Ich hatte den Eindruck, dass Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht etwas frischer und klarer daherkommt als der erste Film der Trilogie, ansonsten aber bleibt alles beim Alten – vom TV-Bildformat bis hin zur schwankenden Qualität technischer Aspekte. Noch augenfälliger als im Vorgänger ist dabei vor allem die Diskrepanz zwischen dem 3D-Godzilla und seinen zweidimensional animierten humanoiden Widersachern. Ebenfalls eine Spur besser als im ersten Teil der Trilogie ist in meinen Ohren schließlich der Score von Takayuki Hattori, obwohl er sich im Wesentlichen der bereits bekannten Mittel und Motive bedient. Vielleicht spielt der Wiedererkennungsfaktor eine Rolle – auf jeden Fall fielen mir einige Passagen, ob ruhig oder sogar eher rockig, sehr angenehm auf. Der Abspanntitel „The Sky Falls“ stammt wieder von Xai, ist aber weniger gelungen als der von Godzilla: Planet der Monster.

Das lässt sich verkraften, denn insgesamt bin ich mit dem zweiten Teil der Godzilla-Anime-Trilogie durchaus zufrieden. Ich hatte nach dem Vorgänger Bedenken geäußert, was den vorliegenden Streifen betrifft, aber sie wurden zu erfreulich großen Teilen zerstreut. Diese Einschätzung widerspiegelt natürlich nur meinen ganz persönlichen Blickwinkel, denn ein Meisterwerk oder auch nur eine wirklich gute Arbeit haben wir mit Godzilla: Eine Stadt am Rande der Schlacht noch lange nicht vor uns – auch dieser Film ist seinem überfrachteten Plot erzählerisch nicht gewachsen und krankt an der fehlenden Ausarbeitung seines Personals, das Titelmonster macht sich entschieden zu rar, Logik, Sinn und Verstand schauen ebenfalls nur selten einmal vorbei und am Ende wird man vermutlich wieder einmal angelogen. Sei’s drum – nun muss der dritte Teil entscheiden, welchen Wert Godzillas Ausflug ins Anime-Genre unter dem Strich hat.

(04/23)

Mit Wohlwollen 7 von 10 Punkten aus persönlicher Sicht, ansonsten eher 5 als 6 von 10.




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