"Angewidert stand der Teufel da und spürte wie gräßlich Güte ist."
Basierend auf dem gleichnamigen Comic von James O´Barr erschuf Regisseur Alex Proyas eine zu jeder Minute fesselnde Gothic-Mär, in der es um Rache und unerfüllte Liebe geht.
Am Tag vor ihrer Heirat werden der Rockmusiker Eric Draven (Brandon Lee) und seine Verlobte Shelly Webster (Sofia Shinas) von einer skrupellosen Gang ermordet. Polizeibeamter Albrecht (Ernie Hudson) stößt bei seinen Ermittlungen auf erheblichen Widerstand sowie das Schweigen der Nachbarn und kümmert sich fortan um die einsame Sarah (Rochelle Davis), die bei dem Pärchen eine Ersatzfamilie fand.
Ein Jahr später kehrt Eric von den Toten wieder. Geleitet von einer Krähe erfährt er die Umstände seines Todes und dem seiner Verlobten. Geführt durch Rachegelüste arbeitet er sich durch den Untergrund und tötet seine einstigen Peiniger ohne zu wissen, dass der Auftragsmord von weit höherer Stelle kam.
"The Crow" erlangte nicht zuletzt deswegen traurige Berühmtheit, weil während des Drehs der Todesszene von Eric Draven der Hauptdarsteller Brandon Lee auch in der Realität durch eine unglückliche Verknüpfung von Fahrlässigkeiten und Zufall vom Darsteller Michael Massee erschossen wurde. Diese Szene wurde im weiteren Verlauf neu geschrieben und verändert mit einem Körperdouble nachgedreht.
Danach war es lange unklar, ob der Film überhaupt in die Kinos gelangen würde. Neben den Untersuchungen des Unfalls und eines Rechtsstreits der Versicherungen mussten für einige wenige Szenen, die noch nicht abgedreht waren, entweder ein Double oder digitale Tricks mit Ausschuss-Material von Brandon Lee verwendet werden, was in der damaligen Zeit und dem recht niedrigen Budget der Produktion geradezu revolutionär und teuer war. "The Crow" ist somit nicht nur düsterer Rachethriller sondern gleichfalls ein letzter Tribut an den verstorbenen Hauptdarsteller.
Die Geschichte an sich klingt einfallslos und geradlinig. Die gnadenlose Rachestory bietet aber an vielen Punkten Einsichten in den Bereich psychologischer Figurenbetrachtung und Beziehungen. So hilft der von den Toten zurückgekehrte Eric beispielsweise Sarah und führt ihre drogenabhängige Mutter heraus aus der Abhängigkeit. "The Crow" nutzt dabei Symbole der Kirche, das Kreuz, die Nennung von Jesus oder Gott bis schließlich dem Showdown in einem Haus Gottes selbst, ohne sie mit Klischees zu überfrachten.
Auch die Gegenspieler haben ein gewisses Maß an Profil und sind nicht völligst farblos, wobei die Gut- / Böse-Zeichnung eindeutig ausfällt. Dies erleichtert allerdings die Motivation der Hauptfigur und bringt zusätzlich noch einen gewissen Charme der bösen Buben mit sich.
Erstaunlicherweise schafft es der Regisseur die einfache Aussage über tiefen Glauben an Gerechtigkeit sowie wahre Liebe, und die im Grunde monotone Plotline spannend und abwechslungsreich zu gestalten. Dies ist nicht nur der mystischen und temporeich erzählten Story zu verdanken sondern insbesondere der unglaublich dichten Atmosphäre.
Optisch ist "The Crow" fast durch die gesamte Laufzeit in dunkle oder aggressive Farbtöne getaucht. Dadurch, dass die Handlung meist nachts stattfindet, dominiert ein dunkles, tristes schwarz. Die häufig auftretenden Feuer erhellen dies eintönige Bild und bieten das gegensätzlich helle gelb bis rot. Die Kombination dieser unverwechselbaren visuellen Präsentation könnte man als poetisches Klagelied bezeichnen. Die tatsächliche musikalische Untermalung fällt allerdings wesentlich rockiger aus.
Der exzellente Soundtrack allein ist bereits Grund genug den den Film zu sichten, soweit man auf Songs der härteren Gangart steht. Namhafte Interpreten aus Wave, Metal und Punk haben sich verewigt, so tragen Nine Inch Nails, Pantera, The Cure, und Rage against the Machine zur einmaligen Atmosphäre des Films mit bei.
Obwohl sich "The Crow" am ehesten im Bereich des Mystery-Thrills mit Elementen aus Drama und Horror ansiedeln lässt, kommt auch die Action nicht zu kurz. Diese Sequenzen sind zwar nicht sonderlich zahlreich, dafür allerdings durch flotte Kamerafahrten, spektakuläre Explosionen und wilden Schusswaffengebrauch überaus fulminant inszeniert.
Die größtenteils schwermütige Aufmachung wird des öfteren von Sarkasmus geprägten Sprüchen aufgelockert, die im Kopf bleiben.
Von schauspielerischer Seite ist die Rache-Mär Top besetzt. Ernie Hudson ("Congo", "Ghostbusters 1 & 2") und Rochelle Davis bieten supportende Funktionen mit sehr dankbaren Figuren, er als freundlicher Polizeibeamter von nebenan, sie als starkes Girlie.
Auf der Seite der Gegenspieler bietet Michael Wincott ("Robin Hood - König der Diebe", "Alien - Die Wiedergeburt") einen durchweg charismatischen Anführer einer Organistation des Verbrechens. Mit seinen langen Haaren, den kantigen Gesichtszügen und einem Outfit, das von der Titelseite eines Edel-Metaller-Magazins stammen könnte bietet er die einzig wahrnehmbare Gefahr für den Helden der Geschichte. Bai Ling ("The Gene Generation", "Dumplings - Delikate Versuchung") erfährt auf gleicher Seite die Funktion des visuellen Reizes.
Für Brandon Lee, der Sohn des ebenfalls durchs Filmgeschäft verstorbenen Bruce Lee, der bis dahin nur in zweit- bis drittklassigen Actionstreifen eine tragende Rolle bekam, hätte "The Crow" wohl den Durchbruch in der Filmbranche bedeutet. Hier bewies Lee erstmalig schauspielerisches Talent und verleiht dem Charakter Eric Draven eine nicht für möglich gehaltene Intensität. Seine Bewegung, sein Blick, seine tragende Stimme, alles zerfließt zu einer gemeinsamen Philosophie. Und trotz seiner Rache bleibt er in den Augen des Betrachters immer ein gefallener Engel auf der Suche nach der Erfüllung seiner Liebe. Besser kann die Magie des Kinos nicht wirken.
Wenn es um mystische Filme mit Rachethematik geht, führt kein Weg an "The Crow" vorbei. Dieser besticht durch eine dichte, düstere Atmosphäre, charismatische Figuren sowie einer hervorragenden Besetzung. Obwohl weder das Thema noch das 10-kleine-Negerlein-Prinzip neu sind, bleibt der Spannungsbogen durch die temporeiche Inszenierung die gesamte Laufzeit über oben. Schräge Sprüche und furiose Actionszenen runden das beinah biblische Epos ab und machen es zu einem must see Mystery-Drama.
10 / 10