Für den 14. Luzerner „Tatort“ um das Ermittlungsduo Reto Flückinger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) verpflichtete man den Schweizer Dani Levy für Drehbuch und Regie, der 2013 bereits den vierten Luzerner Fall „Schmutziger Donnerstag“ inszeniert hatte. Die Erstausstrahlung erfolgte am 05.08.2018 und konfrontierte den Zuschauer mit einem in mehrerer Hinsicht experimentellen Beitrag zur TV-Krimireihe.
Für eine Benefiz-Veranstaltung im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum in Gedenken an den Holocaust hat der ebenso vermögende wie alte Unternehmer Walter Loving (Hans Hollmann, „Das Leben ist zu lang“) ein argentinisch-jüdisches Orchester engagiert. Loving hatte zu Zeiten der NS-Diktatur Juden das Leben gerettet, sieht sich jedoch auch massiven Vorwürfen ausgesetzt, da er anscheinend nicht ganz uneigennützig vorgegangen war… Vorm Veranstaltungsort demonstrieren aufgebrachte Menschen gegen Loving und auch im Inneren des Gebäudes braut sich etwas zusammen. Und tatsächlich: Klarinettenspieler Vincent Goldstein (Patrick Elias, „Inglourious Basterds“) wird Opfer eines Giftanschlags, was die aus ihrer Freizeit herbeieilenden Ermittler auf den Plan ruft. Lovings Sohn Franky (Andri Schenardi, „Lovely Louise“) samt Lebensgefährtin Jelena (Uygar Tamer, „Ein Quantum Trost“), Pianistin und Schwester des Anschlagsopfers Miriam Goldstein (Teresa Harder, „Einer wie Bruno“) sowie Lovings Ex-Frau Alice (Sibylle Canonica, „Nach fünf im Urwald“) scheinen in der aufgeheizten Atmosphäre besondere Rollen zu spielen, die sich nicht auf den ersten Blick offenbaren. Haben sie etwas mit dem Anschlag zu tun? Und was hat man für den umstrittenen Gastgeber womöglich noch vorbereitet? In Freizeitkleidung und mit Familienanhang sehen sich Flückinger und Ritschard zu ermitteln gezwungen…
Der arrogante Franky fungiert nicht nur als einfache Figur, sondern auch als Erzähler, der die Distanz zum Fernsehpublikum aufbricht, wenn er direkt zu ihm spricht. Für Franky ist als einzige Figur die Kamera existent, er weiß als einziger um sie. Er interagiert mit ihr, kommentiert Drehbuch und Produktion und lässt sich über vermeintliche TV-Regeln aus. So bestreitet er den Prolog in unmittelbarer Kommunikation zum Publikum und tritt entsprechend auch in diversen Überleitungen auf, beispielsweise um Schnitte zu vermeiden – was er dann auch offen zugibt. Das ist nämlich die zweite bedeutende Besonderheit dieses „Tatorts“: Er wurde komplett ohne sichtbare Schnitte inszeniert, die wenigen unvermeidlichen wurden gut kaschiert.
Das bedeutet natürlich eine große Herausforderung für Kamera, Regie und Ensemble – und diese muss als geglückt bezeichnet werden: Mehr schlecht als recht improvisiert oder gar dahingeschludert wirkt hier nichts. Die Kamerafahrten verleihen den Bildern eine unheimliche Dynamik, die zum turbulenten Treiben passt, die Handlung gerät dadurch aber auch sehr dialogintensiv und ein bisschen spannungsarm; worauf die Geschichte hinauswill, entspinnt sich in all dem Trubel nur langsam. Das ist schade, denn die Fragen nach Moral und Moneten drohen in den gestalterischen Experimenten und den unübersichtlich miteinander verwobenen Figurenkonstellationen unterzugehen. Sogar die Ermittler, die in im Freizeitdress und ohne ihre Dienstmarken für Situationskomik sorgen, hatten schon einmal mit Franky und seinem Vater zu tun, wie mehr als einmal angedeutet wird.
Die Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen darüber hinaus eine seltsame Form der Rückblende und viel klassische Musik sowie Einblicke in eine verschrobene Oberschicht geboten, in denen bisweilen reichlich dick aufgetragen wird. Im Finale wird dies sogar noch zu potenzieren versucht, als befände man sich in einer griechischen Tragödie. Seinen originellen und kreativen Ansätzen zum Trotz – oder ihnen geschuldet? – wirkt „Die Musik stirbt zuletzt“ zu gewollt und gekünstelt, um noch mitzureißen, nachdem man sich an der Kameraarbeit sattgesehen hat. Frankys sarkastische Kommentare auf der Meta-Ebene bleiben jedoch bis zum Ende unterhaltsam, schließlich findet er auch die richtigen Schlussworte: „Ende gut, alles gut – ein bisschen kürzer als andere Tatorte, aber immer noch okay.“