Review

Na? Eingeprägt, welche Frisur der zweite Geiger von rechts in der Eröffnungsszene mit dem Orchester hatte? Nein, wie auch? Die Augen konnten nur auf den halbnackten Dirigenten gerichtet gewesen sein, der da als roter Hering in der roten Unterhose seinen Stab schwang, bis die Cops anrückten.

Wenn die Wahrnehmung in der unmittelbaren Situation schon so selektiv funktioniert, was mag dann wohl in der Erinnerung alles verdreht sein? In „Au Poste!“, direkt übersetzt „Auf dem Revier“, geht Quentin Dupieux dieser Frage mittels eingefahrener Krimi-Standards in Form von Verhörmethoden und zugehörigen Flashbacks nach, die er anschließend mal wieder herzhaft ins Surreale verbiegt. Und wenn unsereins bei der spröden Titeleindeutschung „Die Wache“ an eine miefige Polizeiserie aus der TV-Landschaft der späten 90er denken muss, dann sind wir irgendwo sogar exakt in der Erwartungshaltung, in der uns der Film haben will, damit er uns anschließend gnadenlos überrumpeln kann.

Miefig und spröde wird es nämlich zunächst auch im Büro des Ermittlers, dessen Charme stilecht beige-in-beige im eigenen Safte schmort. Dupieux zeigt eine diebische Freude darin, die gängigen Krimi-Klischees in eine Art Vorstufe zu Spoof Comedy der Marke „Die Nackte Kanone“ zu zerren… nur eben so ganz ohne Action und Bewegung, weil die Herrschaften an ihren Stühlen kleben.

Weder ist es das erste Mal, dass sich Dupieux über die Arbeitsmethoden der Polizei lustig macht, noch zerknüllt er zum ersten Mal den vermeintlich objektiven Abzug einer wie auch immer definierten Realität, doch „Au Poste!“ merkt man trotz einiger selbstreferenzieller Kreisel, die auch mal im Nichts verlaufen dürfen, immer noch eine Inspiration an, als hätte Dupieux zu dem Thema noch nicht alles gesagt. Es ist gerade nach „Realité“ ein vergleichsweise kleiner Film, ein Kammerspiel im wahrsten Sinne des Wortes. Umso größer ist der Effekt, wenn sich der Geltungsraum mit fortschreitender Handlung durch die Rückblenden ausdehnt und alles möglich wird, was die Assoziation hergibt. Die trockenen visuellen Pointen, die innerhalb des engen Büros als Konsequenz aus eng gespieltem Wort(tisch)tennis präsentiert werden, spiegeln sich schließlich in den Erinnerungen des Befragten, die ihrerseits prall gefüllt sind mit deduktiven Ableitungen eines Sherlock Holmes auf Pilzen.

Fortan entwickelt der Film zwischen seinen beiden zeitlichen Ebenen einen dialektischen Charakter, sind diese doch stets nur einen kurzen Schnitt voneinander entfernt. Neu Erlebtes wird mitunter auch in die Erinnerung importiert und die Erinnerung wiederum in die bewusst erlebte Realität, so dass man von einer Art invertiertem Freddy-Krueger-Universum sprechen könnte, das sich nicht länger mit Träumen, sondern lieber mit Zeitreisen beschäftigt. Wo der Surrealismus auf dem Revier noch von den entrückten Dialogen bestimmt wird, die sich um die endgültige Auflösung winden, da sind es zu Tatzeit und -Ort die berühmten Details, die nicht zusammenpassen. Wenn Uhren verrückt spielen und die Frau Nachbarin immer wieder in der gleichen Position durch den Türspalt schielt, wird sogar die Oberfläche der Matrix für einen kurzen Moment sichtbar.

Die doppelte bis dreifache Auflösung hinterlässt zu guter Letzt ein Gefühl der Beklemmung, das letztlich ein Resultat des erschöpfenden Katz-und-Mausspiels zwischen Befrager und Befragtem ist, mitsamt des Ausgangs, der bis zur letzten Einstellung offen bleibt. Das mulmige Gefühl am Ende dient zugleich auch als Nachweis dafür, dass es dem Regisseur zu beweisen gelungen ist, was er mit all den doppelten Böden nachweisen wollte: Ordnung ist ein Trugschluss.

Details
Ähnliche Filme