An einem verregneten Abend holt Jon seinen besten Freund David mit dem Auto von der Arbeit ab - dessen Freundin bittet ihn, noch eine Portion Eis mitzubringen, die man um diese Uhrzeit am besten bei der 24-Stunden-Tankstelle am Weg nach Hause bekommt. Während sie die Tanke ansteuern, zieht der bestens gelaunte David seinen Freund Jon ins Vertrauen: Er will seine Freundin mit einem Paris-Wochenende überraschen und ihr dabei endlich einen Heiratsantrag machen - die Ringe hierzu hat er bereits besorgt. An der Tanke springt er schnell raus und will das Eis holen, Jon wartet im Wagen. Kaum ist er drin, rast ein schwarzer Sportwagen vor die Eingangstür, ein Maskierter steigt aus, schießt offenbar gezielt in den Verkaufsraum, steigt wieder ein und weg sind sie. Der entsetzte Jon eilt herbei und findet seinen besten Freund in einer großen Blutlache... Zur falschen Zeit am falschen Ort oder steckt doch mehr dahinter? Dieser Frage geht der spanische Thriller Die Warnung nach.
In ruhigem Erzähltempo baut Regisseur Daniel Calparsoro langsam ein Bild der Geschehnisse an jenem Abend auf und läßt dabei in einer Parallelhandlung Jahre später andere Protagonisten erneut rund um die Tankstelle agieren. Geschickt werden beide Handlungsstränge im Laufe der Films miteinander verknüpft, wobei beim Zuschauer die Vermutung entsteht, daß sich manche Dinge periodisch wiederholen. Oder ist dies alles nur eine Illusion?
Die Warnung lebt vom intensiven Spiel von Jon (Raúl Arévalo): Der zurückhaltende Bartträger, eher ein introvertierter Einzelgänger ist ein preisgekrönter Mathematiker, der sich vieles im Leben aus dem Zusammenwirken von Zahlen erklärt. Er will es einfach nicht wahrhaben, daß sein bester Freund einfach so, zur falschen Zeit am falschen Ort erschossen worden sein soll. Zwar ist anhand der Überwachungskamera schnell klar, daß es sich um eine Abrechnung unter Gangstern gehandelt hat (die Schüsse galten einem anderen, bewaffneten und flüchtigen Mann im Verkaufsraum), aber das genügt Jon nicht. Er forscht nach und findet heraus, daß es an dieser Tankstelle Jahre früher am selben Datum schon einmal eine Schießerei gegeben hat. Verzweifelt versucht er, einen Zusammenhang zu konstruieren: Auch damals waren es dieselbe Anzahl an Beteiligten, und sie alle hatten ein bestimmtes Alter: Der(selbe) Pächter, der Attentäter, das Opfer, ein kleiner Junge als Zeuge etc. Jon, der psychisch ein wenig angeschlagen und auf Tabletten angewiesen ist, verbeißt sich immer mehr in die Theorie, daß die Schüsse auf seinen besten Freund eben doch kein Zufall waren. Er sucht damalige Zeugen auf und erfährt, daß es zuvor noch einen Schußwechsel gegeben hat, zum selben Datum, am 12. Juni, jedoch zu einer Zeit, als dort noch ein Gasthof statt der Tankstelle stand. Als er auch noch herausfindet, daß schon 1913 an dieser Stelle zu jenem Datum ebenfalls tödliche Schüsse gefallen sind, ist er nicht mehr davon abzubringen, daß alles einer mathematischen Gesetzmäßigkeit gehorcht...
Jons beharrliche Recherchen, stets dezent ins Bild gesetzt, halten eine konstante Spannung am köcheln und lassen den Zuschauer in einer Mischung aus mathematischer Logik, Aberglauben und Zufall zu jeder Zeit mitfiebern. Auch der andere Handlungsstrang eines knapp 10jährigen Jungen, der bei seiner alleinerziehenden Mutter lebt und in der Schule gemobbt wird, bietet aufgrund der soliden darstellerischen Leistung einen interessanten Ausschnitt eines Mikrokosmos innerhalb des Makrokosmos mathematischer Gesetzmäßigkeiten. Und alles steuert auf den magischen 12. Juni zu...
Die Warnung bietet solide Unterhaltung durch die stets ambivalente Dargestellung der Geschehnisse - dem Zuseher wird das konsequente Bewerten des Gezeigten durch das Stilmittel wechselnder Zeitsprünge allerdings zusätzlich noch erschwert. Der Schluß und damit die Auflösung (auf die ich - um nicht zu spoilern - nicht näher eingehen will) hat mir allerdings weniger gefallen. Dennoch, das vollkommen natürliche Handeln aller Beteiligten sowie ein Drehbuch, das auf künstliche Dramaturgie und aufgesetzte Dialoge verzichtet, lassen diesen spanischen Mystery-thriller streckenweise zu einem packenden Sehvergnügen werden. 6 Punkte.