Review

Tagsüber arbeitet Gerhard Gundermann (Alexander Scheer) als Baggerfahrer im Braunkohleabbau in Ostdeutschland, abends tritt er seit den Siebziger Jahren mit seiner Band oder solo als Liedermacher auf. Seine oft systemkritische Musik überdauert Wende und Mauerfall, doch Mitte der Neunziger Jahre wird bekannt, dass Gundi von 1976-84 als IM für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hat…
Regisseur Andreas Dresen (geb. 1963 in Gera „Sommer vorm Balkon“ 2005, „Als wir träumten“ 2015) stellt das Outing als Stasispitzel an den Beginn seiner beeindruckenden, filmischen Geschichtsaufbereitung, wenn Gundermann einem Kollegen (Milan Peschel) in einer schlussendlich witzigen Szene gesteht, dass er ihn jahrelang bespitzelt habe und dieser erwidert, er sei ebenfalls IM gewesen und habe das gleiche getan. Dresen stellt den Sänger und Songschreiber nicht immer sympathisch dar, dafür aber als ambivalente Persönlichkeit, schwankend zwischen Systemkritik und Überzeugung von selbigem. „Weil die Ideale des Kommunismus auch meine ganz persönlichen sind. Wenn es diese Weltanschauung nicht schon gäbe, hätte ich da auch selbst darauf kommen können“. Trotzdem wird der aufbrausende Genosse erst aus der Partei und danach als Stasi-Mitarbeiter entlassen. Nach der Wende schlussfolgert er, „Ich gehöre zu den Verlierern. Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt, aber es hat nicht gewonnen.“. Regie, Kamera und Schnitt sind, wie immer bei Andreas Dresden und Team, ohne Fehl und Tadel, aus seiner prominent besetzten Darstellerriege (Axel Prahl, Bjarne Mädel, Peter Sodann) ragen mit ergreifendem Spiel Anna Unterberger („Die Toten von Salzburg“ TV 2018) als Gundermanns Jugendliebe und spätere Ehefrau und Alexander Scheer („Gladbeck“ TV 2018) in der Hauptrolle heraus. Vor allem aber zeigt „Gundermann“ ein so realistisches und differenziertes Bild der Verquickung von Alltag und Überwachungsstaat in der DDR, wie es selbst dem Oscar prämierten „Das Leben der Anderen“ (2006) nicht gelingt. Nicht zuletzt setzt Dresdens Drama den hart arbeitenden Menschen im ostdeutschen Braunkohleabbau ein Denkmal. (9/10)

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