Review
von Leimbacher-Mario
Frauen auf sich allein gestellt
Egal ob auf Netflix oder in ausgewählten Kinovorstellungen - "Roma" muss jeder Cineast dieses Jahr sehen. Er gehört auf jede ernstzunehmende Bestenliste. Ein Wahnsinnswerk. Er ist es wert, sich in ihm zu verlieren und voll auf ihn zu konzentrieren. Ich hätte ihn gerne auf Blu-ray - doch das wird aus bekannten Gründen wohl erstmal unmöglich. Unübersehbar ein Meisterregisseur auf dem Zenit seiner Schaffenskraft. Episch in seiner technischen Ausführung, emotional und persönlich in seiner Geschichte. Selten hat mich ein derart langsamer Film mehr gefesselt und involviert. Erzählt wird in gnadenlos schönen Schwarz-Weiß-Bildern von einer Hausangestellten im Mexiko des Jahres 1970. Über ca. ein Jahr folgen wir Cleo bei ihrer Arbeit, ihrem Privatleben, durch eine schwere Zeit. Und keine Sekunde, keine Aufnahme, kein Blick davon ist vertan, überflüssig, unnötig. Auf Cuaron ist Verlass. Ein Denkmal für starke Frauen. Für die Ewigkeit.
"Roma" gehört zu meinen Lieblingen des Kinojahres, kein Zweifel. Etwas schade, dass ihn viele zuhause gucken müssen, mich eingeschlossen, da Konzentration und Wow-Effekt im Kino unübertroffen bleiben, doch einen sehr guten Film entstellt ja bekanntlich nichts. Wer jedoch die Möglichkeit hat, eine der limitierten Vorstellungen zu besuchen, der sollte diese Chance nutzen. Besseres wird man 2018 im Kino kaum zu sehen bekommen. Spätestens jetzt muss Netflix auch bei der kommenden Oscarverleihung eine Hauptrolle einnehmen. "Roma" ist derart gutaussehend, dass man manchmal von den Bildern, der Kamerarbeit, der Ausstattung und der Schärfe abgelenkt und erschlagen werden kann. Doch die Bindung zu unserer Heldin ist stark genug, um unsere Aufmerksamkeit schnell wieder einzufangen. Es gibt zwei Szenen im letzten Drittel, da wird mir jetzt schon wieder mulmig und heiß, wenn ich nur an sie denke. Solche Momente sind rar gesät. Nicht nur in einem Kinojahr, sondern im Leben eines Filmfans. Die Hauptdarstellerin spielt sich mit großartigem Understatement die Seele aus dem Leib, man hat von Anfang an das Gefühl, hier einen Klassiker des Kinos zu sehen. Das geht in die Richtung solcher Größen wie Antonioni, De Sica und Visconti. Nur mit heutigen, beeindruckenden Mitteln. Man merkt, dass Cuaron sehr viele Erinnerungen und persönliche Emotionen in "Roma" gepackt hat und sogar verarbeitet. Nur die Kinder können nerven, doch so sind Kinder nunmal. Und Männer kommen nicht allzu gut weg. Doch auch die können bekanntlich durchaus wie dargestellt sein. Am Ende steht die Frau alleine da. Und vielleicht doch mit einer Familie.
Fazit: ein meisterhafter Film - intim, groß, kraftvoll. Schön, dass solche Filme noch gemacht werden, dass einer noch die Fähigkeiten dazu hat. Cuaron schafft es schon wieder! Bravo! Und sicher stellen sich jetzt einige mit geschlossenen Augen auf ein Bein und heben die Arme... ;)