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Die irischstämmige Clare (Aisling Franciosi) ist eine ehemalige Strafgefangene der britischen Krone, die im Australien des frühen 19. Jahrhunderts einen schweren Stand hat: Zwar konnte sie sich dank der Fürsprache des Offiziers Hawkins (Sam Claflin) eine bescheidene Existenz in Freiheit aufbauen, doch mit Mann und Säugling darf sie den einsamen Ort nicht verlassen - das hierfür notwendige Empfehlungsschreiben verweigert ihr Hawkins. Als dieser, selbst auf eine bessere Position im Norden hoffend, von seinem Vorgesetzten diesbezüglich eine Abfuhr erhält, läßt er seinen Frust an der wehrlosen Magd aus und vergewaltigt sie. Im Beisein von zwei Untergebenen erschießt er nicht nur ihren darob erbosten Ehemann, sondern läßt auch den schreienden Säugling erschlagen, bevor er Hals über Kopf mit einigen Männern Richtung Norden verschwindet. Clare, die die Tortur überlebt, aber alles andere Wichtige im Leben verloren hat, beschließt den Männern zu folgen, um sich zu rächen. Ein Aborigine (Baykali Ganambarr) als Fährtenleser Billy begleitet die zu allem entschlossenen Clare...

Mit wenig erbaulichen Szenen aus dem freudlosen Leben in der australischen Wildnis Tasmaniens beginnt Regisseurin und Drehbuchautorin Jennifer Kent ihren Rachefilm, der sich jedoch mehr und mehr zu einer Annäherung des ungleichen Verfolger-Duos entwickelt, bei dem die beiden doch so unterschiedlichen Charaktäre begreifen, daß sie aufeinander angewiesen sind. Billy wird anfangs nur als Spurensucher engagiert und läuft zu Fuß neben der reitenden Clare, die ihre Motive zunächst nicht preisgibt - erst als einer der verletzten Täter auftaucht, begreift Billy, in welch gefährliche Situation er hier geraten ist. Doch auch er hat eine üble Vorgeschichte und so bleibt er letztendlich bei Clare, die durch ihn auch Sitten und Gebräuche der Aborigines kennenlernt.

Während bei den beiden Verfolgern allmählich die Konturen des seinerzeit (vor allem bei den Weißen) von Rassismus geprägten Weltbildes aufzuweichen beginnen, ist die Gegenseite klar als bösartig und hassenswert umrissen: Im Gegensatz zu seinem gepflegten Äußeren ist Hawkins nämlich ein wahrer Teufel in Menschengestalt, der um seiner Karriere willen nicht nur über Leichen von ex-Sträflingen geht, sondern auch seine Untergebenen quält und nach Belieben opfert, ganz abgesehen davon, daß er die dunkelhäutigen Ureinwohner als Freiwild betrachtet.

The Nightingale verliert zwar den Rachegedanken nicht aus dem Auge, stellt aber eher auf ein gegenseitiges Kennenlernen der beiden Kulturen ab: der Abbau von Vorurteilen und die (für uns heute selbstverständliche) Erkenntnis, daß die Hautfarbe nichts über den Charakter eines Menschen aussagt. Wenn dies die Hauptaussage der Regisseurin war - und einige Anmerkungen im Abspann lassen darauf schließen - dann ist ihr das gelungen, denn der Aborigine Ganambarr entwickelt sich klar zum Sympathieträger des Films. Was nicht ganz passt, ist die dafür gewählte Epoche, denn die Dialoge sind viel zu offen und direkt, stellenweise auch flapsig und passen damit viel eher in die Gegenwart (oder jüngere Vergangenheit) als in die Kolonialzeit vor 200 Jahren. Nichts auszusetzen gibt es dagegen am Setting, auch wenn manche Wege viel zu breit und sauber angelegt sind um als Trampelpfade durch die damalige Wildnis durchzugehen.

Die weibliche Handschrift des Drehbuchs äußert sich übrigens nicht nur in der Gewalterfahrung der Hauptdarstellerin in einer von Männern dominierten Welt, sondern auch in Kleinigkeiten wie z.B. der Zubereitung einer Heilpaste durch Billy, mit der Clare ihre ständig Muttermilch absondernden Brüste behandeln kann. Während die Haupt-Charaktäre also viel Zeit zur Entfaltung bekommen und auch in Grenzsituationen gezeigt werden, darf man auf dem Weg durch den Urwald auch einige ambivalente Figuren kennenlernen, wie beispielweise einen kleinen Jungen, der zu den die Soldaten begleitenden Strafgefangenen gehört und dessen kindlicher Mut von Hawkins übel mißbraucht wird. Auch die Aristokratin in der Kutsche, die die vermeintliche Hure Clare gegen den Willen ihres Kutschers ein Stück mitnimmt, gehört dazu - solche und andere Zwischentöne machen den Film, der dankenswerterweise nicht in einer kitschigen Romanze endet, über das eigentliche Thema (Rache der Unterdrückten / starke Frauenfigur) - hinaus sehenswert. 7 Punkte.

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