Review

Ach, der Helge. Entweder man mag ihn oder man haßt ihn, ein Mittelding gibt es nicht. Ich zählte immer schon zu ersterer Fraktion. Helge Schneider ist ein Unikum, ein Phänomen, dessen einzigartiger Blödelstil sich nur schwer in Worte fassen läßt, man muß ihn erleben: Wo er auch auftaucht, ob Talkshow oder „Wetten, daß...?“, bereits eine winzigkleine alberne Bemerkung am Rande kann den ganzen Saal zum Toben bringen - eine Bemerkung, die, würde sie von jedem anderen geäußert werden, dem Zuhörer nicht einmal ein müdes Lächeln abringt, aber durch Schneiders ganz spezielle unverwechselbare Art Lachanfälle en masse provoziert. Ein Vollblutkomiker, seit gut zwei Jahrzehnten im Geschäft und noch immer einer der besten, den wir in Deutschland haben. Gut nachzuprüfen in Ottos „7 Zwerge - Männer allein im Wald“ - eine weitgehend witzlose Angelegenheit, bis auf Helges glanzvoller Zwei-Minuten-Auftritt.

Neben seiner Vorliebe, unschuldige Menschen mit debilen Liedchen („Katzeklo, Katzeklo, ja, das macht die Katze froh...“) an den Rande des Wahnsinns zu treiben, hat er in seinem Leben in dem einen oder anderen Film mitgewirkt, so z.B. in einigen experimentellen Frühwerken eines Christoph Schlingensief, dem Enfant terrible der deutschen Filmbranche schlechthin. Zum Entsetzen zahlreicher Kritiker versuchte er sich jedoch nicht nur als Schauspieler, sondern schrieb im Laufe seiner Karriere durchaus auch so manches Drehbuch und - als wäre das allein nicht schon schlimm genug - führte obendrein selbst Regie. Herausgekommen ist dabei u.a. „Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem“ - objektiv betrachtet in der Tat eine Unverschämtheit von einem „Film“, ein Totalfiasko ungeahnten Ausmaßes, eine Vollkatastrophe allererster Kajüte, die den unvorbereiteten Zuschauer flehen lassen dürfte, von den Männern in den weißen Kitteln bitte möglichst schnell in eine Zwangsjacke gesteckt und in eine weiche Gummizelle geworfen zu werden, denn das, was sich in „Texas“ abspielt, bekommt man wahrlich nicht alle Tage zu sehen und kann das Humorempfinden nachhaltig schädigen.

Der Inhalt? Nun, damit kommen wir schon zum Problem der Sache. Es gibt nämlich keinen. Klar, da läuft uns ständig ein fieser Bandit namens Doc Snyder (natürlich Helge) durchs Bild, grinst blöde und richtet nebenbei allerlei Schabernack an, aber etwas, das man als stringente Handlung oder roten Faden bezeichnen könnte, weiß sich gut zu verstecken, sehr gut sogar. Stattdessen entwickelt sich schon früh „Was zur Hölle soll das?“ zur am häufigsten gestellten Frage, gepaart mit ungläubigem Staunen, was sich in weit aufgerissenen Augen, offenstehendem Mund und penetrantem Kopfschütteln äußert, weil sich im Übermaß herzlich sinn- und verstandfreie Szenen ohne direkten Bezug zueinander und noch infantilere Einfälle munter stapeln, irgendwo angesiedelt zwischen Genie und Wahnsinn, wie es die Jungs von Monty Python so gut drauf hatten. Ich kann alle diejenigen völlig verstehen, die diesen Film keine zehn Minuten ertragen und es vorziehen, schreiend auf- und davonzulaufen - für alle anderen (mich eingeschlossen) gilt: Lachen bis zum Abwinken! Dieses „Texas“ ist eine wahre Wundertüte vor dem Herren und man weiß nie, was als nächstes kommt... Hier steckt wirklich alles drin - und mit „alles“ meine ich ALLES, inklusive (un?)bewußt mies agierender oder chargierender Akteure, die ihre Drehbuchzeilen nur mühsam über die Lippen bringen, Akteure, die sich wegen ihrer hochgradig schwachsinnigen Dialoge manchmal nicht zusammenreißen können und mittendrin lauthals losprusten, ohne daß man die Szene ein zweites Mal gedreht hätte. Eine Methode, die Ed Wood bereits exzellent beherrschte, nur daß daraus unbeabsichtigte Komik resultierte, hier ist sie Absicht.

Der kreativen Idiotie sind keine Grenzen gesetzt, also hätten wir zusätzlich zu einem nicht existenten Plot einen fülligen Mann mit schlecht sitzender Perücke - überraschenderweise in diesem Film Doc Snyders harte Mama, obwohl maximal zehn Jahre älter als er und ungefähr zwanzig Jahre jünger (!) als „ihr“ anderer Sohn -, unerwartete und ach so hochwertige Gesangseinlagen mit bemerkenswerten Texten wie „Doc Snyder wird mit ‘y’ geschrieben... mit ‘y’...“ und „Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter...“ oder einfach mal ein Helge-E-Gitarrensolo (im Wilden Westen, wohlgemerkt!) für zwischendurch, leider ohne Gesang, dafür gut drei Minuten lang. Dazu kommt ein selten überflüssiger Voice-over, der fast immer das erzählt, was wir eh grad sehen. Nach der Hälfte des „Films“ taucht aus heiterem Himmel Detektiv und Nick-Knatterton-Verschnitt 00-Schneider (auch Helge) auf (man merkt schon: Anachronismen, wohin man blickt), schleicht nutzlos durch die Westernstadt, labert wie alle anderen Protagonisten dummes Zeug, wird bei seinen „Recherchen“ einmal sogar von einem Räuber attackiert, den er jedoch in hochdramatischer Zeitlupe niederstrecken kann. Und unter Zeitlupe sei in diesem Fall bitte zu verstehen, daß sich Schneider und sein Schauspielkollege lediglich enorm verlangsamt bewegen, während die Kamera in Normalgeschwindigkeit weiterläuft, was im Bild tausendmal lustiger ausschaut, als es sich in Schriftform liest. Weitere Teilnehmer in diesem Zirkus sind u.a. der Nasenmann, zwar eine erstaunlich trübe Tasse, aber nichtsdestotrotz Doc Snyders großer Widersacher, mit dem er sich zum Schluß das wohl unspektakulärste Duell liefert, das die Welt je gesehen hat, und der Liebe Gott (!), der uns allen beibringt, wodurch Erdbeben in Wirklichkeit hervorgerufen werden. Pah, Schüler - vergeßt alles, was eure Geographielehrer euch gelehrt haben! (Die Nachbeben können übrigens ebenfalls sehr gefährlich sein und äußern sich in epileptischen Zuckungen...)

Dies alles sind jetzt bloß beliebig herausgegriffene Beispiele (ich hab’ noch nicht mal die ganz großen Highlights aufgelistet), die nur ansatzweise die Bandbreite des Quatschklamauks wiedergeben, der bis zum Rand vollgepackte „Film“ an sich hat noch viel mehr Schwachmatigkeiten und Anti-Humor zu bieten, als man vorher glauben mag. Zwingend logisch ist dabei, daß er auf seiner 85-minütigen Fahrt durch die Abgründe der deutschen Komödie alle sich ihm in den Weg stellenden Klischees einfach stehen läßt (auch wenn er einmal - ein einziges Mal! - bedrohlich gen Fäkalschlucht schlingert), allein schon deshalb, da er über keinerlei Handlungsentwicklung verfügt, keiner Dramaturgie folgt, stattdessen auf eine Art Nummernrevue setzt und jene mit eigenwilligem und garantiert abwegigem Witz würzt, daß des Betrachters Lachmuskeln schmerzen. Unvorhersehbarer geht es nicht, mit jeder Szene wird man aufs Neue überrascht.

Vorwerfen tue ich den Machern allerdings, daß sie - bei aller Liebe für den schneideresken Aufbau des „Films“ - es hin und wieder, höchstwahrscheinlich beabsichtigt, mit ihren sinnentleerten Szenen übertreiben und sie z.T. bis ins Unendliche langziehen (es werden durchaus manchmal allein 30 Sekunden damit totgeschlagen, daß eine Figur durch die Gegend spaziert, ehe sie irgendwas Sinnvolles, besser: Sinnloses, tut, bzw. genau umgekehrt), weshalb „Texas“ vor allem zu Beginn eine ziemliche Geduldsprobe ist. So abgefahren es auch sein mag zu beobachten, wie sich ein junger Mann aus dem Nichts aus der Dunkelheit schält, sich Doc Snyder - warum auch immer??? - in dessen Hängematte nähert und ihm mühevoll eine mitgenommene E-Gitarre über den Körper stülpt (weil er seinen überdimensionalen Hut nicht abnehmen möchte), woraufhin der minutenlang entfesselt auf dem Musikgerät zu spielen beginnt - es ödet auf die Dauer an und rechtfertigte während des Ansehens in Ansätzen meine Befürchtung, Helge Schneider könne selbst der größte Fan schwerlich länger als eine halbe Stunde am Stück aushalten. Glücklicherweise hilft der verrückte Rest über derartige Längen weitestgehend locker hinweg.

Eine dilettantisch-schräg-geniale (Anti-)Komödie, die ihresgleichen sucht und die man eigentlich mit keinem anderen Film vergleichen kann (sofern man Schneiders übrigen Kunstwerke wie „Praxis Dr. Hasenbein“ [„Fitze, Fitze, Fatze, Fitze, Fitze, Fatz...“] nicht hinzuzählt, die sich ja stilmäßig ähneln), doch zumindest mir immer wieder eine Menge Freude beschert. Für Helge-Freunde ein Muß, für alle anderen ein einziger Alptraum und Anschlag auf den gesunden Menschenverstand. 6/10.

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