Review
von Leimbacher-Mario
Der Tag der reitenden Leichen
Jacques Audiards erster englischsprachiger Film wurde heiß erwartet und hoch gehandelt, auf den Festivals schon mit Lob überschüttet und darf nun endlich auch hierzulande in die Kinos. In dem geduldigen Antiwestern folgen wir den namensgebenden Brüdern, zwei sehr versierte Auftragskillern im wilden Westen. Den beiden Sisters eilt ihr Ruf voraus, sie verstehen sich nicht immer ideal und in ihrem Business lauern alte Dämonen überall, Fehler sind meist tödlich und Schwäche kann man sich kaum leisten. Mit genug Whiskey lässt sich das leider nur verdrängen, nicht besiegen. Und als die beiden eines Tages einen Wissenschaftler finden sollen, der eine kostbare Formel zum Goldschürfen entwickelt haben soll, stehen die beiden bald vor einigen schweren Entscheidungen, die ihre Leben bzw. die Dauer dieser enorm beeinflussen könnten...
Audiard ist ein hervorragender Regisseur, das hat er mit „Dheepan“ oder „Un Prophet“ eindrucksvoll bewiesen, in dem er moderne europäische Klassiker und zurecht überall gelobtes Weltkino von bleibendem Wert geschaffen hat. „The Sisters Brothers“ spielt imo nicht ganz auf diesem meisterlichen Niveau, ist jedoch dennoch ein toller Western, der jeden überzeugen sollte, der nur minimal etwas mit diesem uramerikanischen Genre anfangen kann. Der Cast ist grandios, allen voran John C. Reilly, der einmal mehr beweist, dass er mit ernsten Rollen fast sogar noch besser dran ist als mit Blödelparts. Er spielt tiefgründig, hervorragend und komödiantisches Timing muss er eh nicht mehr beweisen. Das hat er im Blut. Doch eine Komödie sollte man hier eher weniger erwarten, viel mehr eine mäandernde Charakterstudie über Schuld, Angst und den Teufelskreis des Töten. Teilweise traumhaft bebildert, elegant vertont und durch die Bank edel gespielt. Große Namen, die richtig abliefern. Mit harten Schalen und weichen Kernen. Die Geschichte an sich ist kaum der Rede wert und schnell vergessen. Viel mehr bleiben die Figuren und ihre komplexen Probleme und Beziehungen hängen. Ihnen folgt man schnell und gerne. Schade, dass trotz sehr langer 120 Minuten Laufzeit einige Themen und Ideen nur angeschnitten und sogar gefühlt mittendrin fallen gelassen werden. Da war noch mehr drin. Vor allem mit etwas mehr Vorwärtsdrang und einer packenderen Geschichte. Manchmal fühlt es sich an, als ob Audiard hier etwas experimentiert und ausprobiert hat.
Fazit: ein Neo-Western mit etwas dunklem Humor, einem tollen Ensemble und viel Charakterzeichnung und -entwicklung. Manchmal etwas zäh und planlos, doch insgesamt ein stimmiges Gesamtbild über Brüder und Männer, Arbeit und Sünden, Erbe und Träume, Töten und Leben, Reiten und Atmen. Für Westernfans ein Jahreshöhepunkt, von denen es in diesem Bereich ja nicht mehr allzu viele gibt.