Nach gängigen Gesichtspunkten benötigt ein klassisch angelegter Western eine raue, wortkarge Hauptfigur so zwischen John Wayne und Clint Eastwood, die Erscheinung eines heldenhaften Gesetzeshüters und einen finalen Ritt gen Sonnenuntergang.
Auf der Grundlage des Romans von Patrick DeWitt schwimmt der französische Regisseur Jacques Audiard fast gänzlich gegen den Strom.
Oregon 1851: Die Brüder und Auftragskiller Eli (John C. Reilly) und Charlie (Joaquin Phoenix) erhalten die Order, den Erfinder Hermann (Riz Ahmed) aufzuspüren und zu eliminieren. Jener hat eine Methode des erleichterten Goldschürfens entwickelt, die auch Agent John (Jake Gyllenhaal) interessiert…
Auf den ersten Blick scheinen die ungleichen Brüder zwei übliche einsame Wölfe abzugeben, die nach erledigter Arbeit kaum eine Mine verziehen. Doch der Schein trügt: Während Charlie regelmäßig dem übermäßigen Genuss von Alkohol nachgeht und jenen am nächsten Morgen ebenso regelmäßig erbricht, befindet sich Eli in Umbruchsstimmung. Er hat genug vom Job des Killers, er sehnt sich nach einer Familie, einer bodenständigen Tätigkeit und ist es leid, seinem jüngeren, impulsiven Bruder ständig aus der Patsche zu helfen.
Folgerichtig findet sich mit Eli rasch ein Sympathieträger, der viel Melancholie ins Spiel bringt.
Aber auch den Figuren von Hermann und Jake wird Raum eingeräumt, was zuweilen ein wenig den Erzählfluss ausbremst. Die beiden Figuren sind einfach nicht interessant genug, um sich zwischenzeitlich von den wesentlich unterhaltsameren Brüdern abzuwenden, so dass die ohnehin schon gemächlich vorgetragene Geschichte mit einigen Längen im Mittelteil daherkommt.
Überdies sollte man nicht allzu viel Action erwarten. Es kommt zwar zu der einen oder anderen Schießerei, doch es gibt weder Kloppereien, noch Verfolgungen zu Pferde oder gar aufwendig inszenierte Großaufgebote. Eine Szene bei der Ankunft in San Francisco offenbart immerhin Detailverliebtheit bei der Ausstattung in Sachen Kulisse, Kostüme und Requisiten, doch anderweitig mangelt es an ausgiebigen Landschaftsaufnahmen, zumal die Kamera überwiegend an den Figuren klebt, anstatt ihr Umfeld ausgiebiger zu bebildern.
Dabei gehen Drehorte in Rumänien und Spanien problemlos als Nordamerika durch.
Ein paar schwarzhumorige Einschübe sorgen indes für kleine Schmunzler und es findet sich auch ein wenig Situationskomik, etwa, als Eli erstmals Bekanntschaft mit einer Zahnbürste macht oder sich später über ein neuartiges Wasserkloset freut. John C. Reilly performt diesbezüglich grandios und spielt seine ebenfalls stark aufspielenden Kollegen locker an die Wand. Aber auch der abwechslungsreich arrangierte Score von Alexandre Desplat hebt sich überaus positiv hervor.
Ein Spätwestern, der nur selten wie einer daherkommt, - Regisseur Audiard verlässt sich auf die Entwicklung seiner sauber herausgearbeiteten Figuren und vernachlässigt dabei häufig ein Vorantreiben der eigentlichen Geschichte, die nur selten Spannung aufkommen lässt.
Innerhalb des Genres durchaus erfrischend, doch hinsichtlich des gemäßigten Tempos bei 122 Minuten Laufzeit auch ein wenig ermüdend.
6,5 von 10