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Als eine Art Gegenentwurf zum 2006 erlebten Sommermärchen in Deutschland, als „Die Welt zu Gast bei Freunden“ war, steht das Wintermärchen von Regisseur und Co-Autor Jan Bonny, welches unverkennbar an die Konstellation der NSU erinnert. Die in radikale Bilder umgesetzte Milieustudie verlangt dem Betrachter eine gewisse Portion Masochismus ab.

Irgendwo in Köln leben Tommi (Thomas Schubert) und Becky (Ricarda Seifried) in einer kaum eingerichteten Butze im Untergrund. Als Maik (Jean-Luc Bubert) das Trio komplettiert, nimmt der Terror gegenüber ausländischen Mitbürgern seinen Lauf. Querelen innerhalb der Gruppe führen schließlich zum Desaster…

Als die beiden Schießübungen im Wald veranstalten, um sich kurz darauf aus dem Auto heraus potenzielle Opfer auszusuchen, wird allmählich ausformuliert, es mit einer wenig organisierten, rechtsradikalen Terrorzelle zu tun zu haben. Ebenso schnell wird deutlich, dass die beiden keine andere Perspektive haben, als sich gegenseitig zu zerfleischen, ihre Triebe beim animalischen Sex auszuleben und sich zwischenzeitlich anschreien. Einen Hintergrund über etwaige Motivationen erhalten die beiden nicht.

Auch nicht Maik, der ohne Kontext oder Intro plötzlich in der Behausung aufkreuzt. Klar ist hier eine Dreiecksbeziehung vorprogrammiert, denn die Loser haben nur sich selbst, was eben nicht wirklich viel ist. Was rund 124 Minuten dargeboten wird, ist abstoßend, ekelhaft und gleichermaßen ermüdend, denn der Kosmos des Trios bleibt doch arg überschaubar und abgesehen von einigen impulsiv ausgeführten Morden ereignet sich nicht viel. Außer Schreien, poppen, Alkohol und Feiern, nochmals poppen und der schmerzliche Besuch bei einer Mutter der drei.

Erschwert wird der Eindruck eines Hölletrips durch die kontrastarmen Bilder und dem Ausbleiben einer Filmmusik. Die Handkamera ist meistens nah bei den Figuren, sie wackelt allerdings auf unerträgliche Weise, sobald ein wenig Bewegung im Spiel ist. Sex, Gewalt und Frust im stetigen Wechsel, ohne auch nur den Schimmer einer Hoffnung sind auf Dauer zermürbend, auch wenn das soziologische Wirrwarr sexuelle Ausrichtungen relativ wahllos durcheinander bringt. Spätestens nach einer halben Stunde will man keine Männerärsche mehr sehen und verspürt den Wunsch nach Desinfektionsmitteln.

Die drei Mimen verdienen wahrlich großen Respekt für ihre schonungslos offenen Darstellungen und teil intensiven Verkörperungen dreier gescheiterter Existenzen. Man nimmt ihnen die jeweiligen Stimmungen zwischen Depression, euphorischen Phasen und der Suche nach neuen Orientierungen zu jeder Zeit ab.

Dennoch steht am Ende ein überaus zweifelhaftes Filmvergnügen. Die kaputte Welt dreier Kaputter gestaltet sich unangenehm, bedrückend und dreckig. Zumal von vornherein keine Empathie möglich ist und allenfalls in kleinen Nuancen so etwas wie Verständnis in Einzelmomenten aufgebracht werden kann. Hat man die Sichtung durchgestanden, reicht es auch bis zum Lebensende.
5 von 10

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