Review

Auch ein Job, der bis Ende der 90er kaum denkbar gewesen wäre: Camgirl. So ist es für junge attraktive Damen möglich, per WWW Fantasien zu erfüllen oder anzuheizen, hier und da mal eine Stunde vor der Kamera zu posieren und dabei nahezu komplett anonym zu bleiben.
Ist dieser Umstand jedoch nicht gewährleistet, kann der Betroffenen recht schnell der Boden unter den Füßen entzogen werden, wie der Thriller von Daniel Goldhaber untermauert.

Alice (Madeline Brewer) arbeitet unter dem Pseudonym Lola als Camgirl und ist darauf bedacht, an ihrem Ranking zu arbeiten. Als sie eines Tages aufwacht, sieht sie eine Doppelgängerin, die ihre Identität aufgeschnappt hat und soeben live performt. Ihr eigener Zugang wurde gelöscht und so wird es für Alice umso problematischer, dem Mysterium auf die Spur zu kommen…

Ein Restrisiko bleibt wahrscheinlich immer, denn im Grunde reicht ein ehemaliger Mitschüler aus, der sich vielleicht an Wilma Kraschinsky aus der Grundschule erinnert, die ein paar Jahre später als Pornostar Katie Sunrise unterwegs ist. Im Fall von Alice scheint die Angelegenheit insofern prekär, als dass ihr Ebenbild wie eine exakte Kopie ihrer selbst erscheint.

Einen logischen Haken hat die Sache allerdings, denn sobald Alice einem Zeugen eine Live-Show zeigt, weiß dieser, dass etwas nicht stimmt, wodurch beispielsweise ein spezialisierter Anwalt rasch Ergebnisse erzielen könnte.
Immerhin versucht Alice nahe liegendes, was zwar nicht übermäßig spannend, allerdings einigermaßen unterhaltsam ausfällt, zumal die junge Dame weitgehend rational an das Problem herantritt.

Anbei erhält man kleine Einblicke in die Welt der Camgirls, was zuweilen ein wenig befremdlich anmutet. Es sei denn, ein Steak mit der Hand zu essen, in nicht sonderlich reizvoller Unterwäsche zu hüpfen oder Fake-Selbstmorde zu initiieren bringt tatsächlich Clicks. Bezeichnenderweise wird wenig nackte Haut gezeigt, die Ausleuchtung ist bewusst schummrig gehalten und insofern ist der Stoff beinahe ein wenig prüde, wenn nicht gar realitätsfern verpackt.

Leider werden angerissene Unterthemen wie eiserne Verehrer, Konkurrenzdenken und Mobbing oder ein Privatleben außerhalb des Kameraumfelds oft nicht ausgearbeitet oder nur oberflächlich gestreift. Immerhin hält der Stoff in Sachen Identitätsklau und Kontrollverlust bei Laune, was das leicht surreal anmutende Finale mit kurzen Gewalteinlagen untermauert. Von einer eindeutigen Erklärung oder einer schlüssigen Pointe sollte man jedoch nicht ausgehen.

Madeline Brewer macht sich recht gut als aufstrebendes Kamerakind und vermag den Stoff über weite Teile im Alleingang zu stemmen. Die Nebendarsteller liefern tauglich, nur der Score geht weitgehend unter. Inszenatorisch setzt man auf Monitorperspektiven und viele Ikons, so dass es mit viel Bling und Klingeling auf Dauer etwas anstrengend wird.
Das Rätsel um den Identitätsklau sorgt für einigermaßen Kurzweil, jedoch zu keiner Zeit für Dramatik und Hochspannung, insofern nur sehr bedingt zu empfehlen.
5,5 von 10

Details
Ähnliche Filme