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Eine Karriere als Webcam-Girl gehört zu jenen Graubereichen des Internets, in denen zeigefreudige junge Damen in relativ kurzer Zeit einigermaßen problemlos Geld verdienen können - so auch die etwa 20-jährige Alice, die ihr Zimmer mit rosa Plüsch dekoriert hat und täglich mehrere Stunden vor der PC-Kamera agiert. Während eine Vermarktungsgesellschaft sie und dutzende andere Camgirls live ins Internet überträgt, bieten die fast ausschließlich männlichen Zuschauer via Live-Chat mit einer künstlichen Währung ("Token") auf die nächste Aktion, die die Mädels ausführen sollen. Bei diesem Geschäftsmodell gibt es auch ein Ranking der erfolgreichsten Cam-Girls, und die unter dem Künstlernamen Lola-Lola auftretende Alice entwickelt hierbei extremen Ehrgeiz - sie schafft es auch tatsächlich, in die Top-50 zu gelangen, wofür sie ein paar einst von ihr selbst aufgestellte Regeln bricht. Am nächsten Morgen jedoch muß sie feststellen, daß sie gehackt worden ist: Das Login klappt nicht mehr und auch die Hotline der Vermarktungsplattform hilft ihr nicht weiter. Fassungslos muß sie mitansehen, wie eine Doppelgängerin auf ihrem Kanal aktiv ist, die ihr nicht nur optisch absolut gleicht, sondern auch mit ihrem Habitus, Redewendungen etc. ihre Stamm-Chatter übernommen hat und im Ranking weiter steigt...

Es ist nicht das erste Mal, daß das scheinbar mühelose Business eines Webcam-Girls filmisch thematisiert wird, allerdings setzt der junge US-Regisseur Daniel Goldhaber in seinem etwas einfallslos mit Cam betitelten Langfilmdebut neben den zu erwartenden schlüpfrigen Szenen hauptsächlich auf Elemente des Psycho-Thrillers, die eine zeitlang auch gut funktionieren, verpatzt dann aber vollkommen die (durchaus vorhandene) Schlußpointe. Während man eine gute halbe Stunde lang das eher pubertär-harmlose Gehabe der sich über jeden Rang nach oben kindlich freuenden Alice mitverfolgen kann, dabei von den in sehr schneller Folge eintreffenden Chatnachrichten und ihrem Bling-Bling schon leicht genervt ist und sich fragt, wie ein derart durchschnittlich aussehendes Mädel mit dem Sex-Appeal eines Ziegelsteins (die harmlosen, nie expliziten "Sex(?)-Szenen" mit Popoklopfen oder ein paar Allerwelts-Brüstchen sind freilich der US-Altersfreigabe geschuldet) überhaupt eine Fangemeinde aufbauen konnte, dreht sich die Filmhandlung ab dem Zeitpunkt des mißlungenen Logins komplett.

Denn unerwartbarerweise fängt die ausgebootete Alice dann an, rational zu denken, ja fast schon zu ermitteln, geht sämtliche Möglichkeiten durch und verfolgt auch Querverweise wie einen gemeinsamen Auftritt zweier Camgirls, deren Adresse sie herausbekommen will. Hierzu verabredet sie sich ausnahmsweise auch mit einem Stammgast, doch nachdem dieser entdeckt, daß das Mädel, das ihm gerade gegenübersitzt, auch im live-Kanal zu sehen ist, wird dieser mißtrauisch. Daneben muß Alice, die ihrer alleinerziehenden Mutter ihre freizügigen Aktivitäten noch nicht gebeichtet hat, nicht nur mit der Tatsache, unerwünscht gedoubled zu werden klarkommen, sondern hat auch mit Verwechslungen zu kämpfen: als sie bei der Geburtstagsparty ihres etwa 16-jährigen Bruders dessen Freunde beim eindeutigen Glotzen auf ihre Handies überrascht, tut sie dies noch lächelnd mit den Worten "Jungs, ich verrate euch nicht" ab - richtig peinlich wird es dann aber, als sich vor den versammelten Gästen herausstellt, daß die Burschen gerade Alice´ Doppelgängerin beim Kamera-Sex zuschauten, die sie freilich für die Schwester ihres Gastgebers halten...

So überzeugend die Folgen dieses Identitätsdiebstahls geschildert werden und so spannend sich auch die eine oder andere heiße Fährte gestaltet, so enttäuschend ist dann das Ende geraten, in dem es dem Drehbuch schlichtweg an Phantasie fehlt, das Rätsel um die Doppelgängerin aufzulösen - der etwas konstruiert wirkende Trick, mit dem Alice am Ende zumindest einen Teilsieg erreicht, offenbart leider keinen (bzw. kaum einen) Hinweis auf des Rätsels Lösung. Die Geschichte endet einfach ohne die vielen Fäden in irgendeiner Weise zusammenzuführen. Das kostet den eher langweilig beginnenden, dann aber bis kurz vor Schluß teilweise packenden Film einige "Tokens": 6 Punkte.


Nachbetrachtung mit Spoiler:
Das Rätsel um die Doppelgängerin wurde in manchen kurzen Anspielungen im Film bereits vorweggenommen: tatsächlich ist es der Vermarktungsgesellschaft gelungen, mittels einer künstlichen Intelligenz eine virtuelle Doppelgängerin zu erschaffen, die eine exakte Kopie der erfolgreichen(!) lebendigen Camgirls darstellt. Somit können sie die Gewinne aus dem Kauf der "Tokens" alleine einstreifen ohne mit den echten Mädels teilen zu müssen; weiters sind die virtuellen Klone rund um die Uhr einsetzbar. Alice war nicht die Erste und wird auch nicht die Einzige bleiben, darauf weisen das von ihr entdeckte Schicksal eines bereits früher verstorbenen Camgirls (das immer noch live arbeitet) wie auch die Aussage von Stammchatter Tinker hin, der aufgrund seiner Erfahrung angibt, ein Gefühl dafür zu haben, wer bald ersetzt wird. Auch die allerletzte Szene, in der sich Alice mit neuem Outfit und gefälschtem Ausweis problemlos neu anmeldet bei derselben Gesellschaft, sprechen dafür. Die stringentesten Beweise jedoch liefert das virtuelle Double selbst, indem es erstens ihre echte Kontrahentin gar nicht erkennt und zweitens tatsächlich so "blöd" ist, dem Ansuchen der Stammchatter nachzugeben, ihr Passwort herzugeben.
Bedauerlicherweise verabsäumt das Drehbuch, mit wenigstens ein oder zwei Szenen über beispielsweise die Programmierer dieser künstlichen Intelligenz (die Darstellung der dahinter stehenden Engine wäre für das schmale Budget sicher zu teuer und für das Zielpublikum wohl zu "technisch" ausgefallen) einzugehen, was einer besseren Verständlichkeit des Films dienlich gewesen wäre, auch hätte man die "Moral" von der ganzen Geschichte, nämlich daß die menschliche der künstlichen Intelligenz immer noch überlegen ist, deutlich besser hervorheben können. Schade, daß das dem Stoff innewohnende Potential somit zum Teil verschenkt wurde...

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