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Endlich: Ein Regisseur, der Murakami gewachsen ist

Der junge Mann Lee Jong-su (Ah-in Yoo) wandert ziellos durch eine Strasse, da wird er plötzlich von einer hübschen Frau namens Shin Hae-mi (Jong-seo Jun) angesprochen. Sie erinnert sich an ihn aus Kindheitstagen. Die beiden gehen was trinken, aus dem losen Wiedersehen entwickelt sich eine kurze Affäre. Hae-mi bittet Jong-su, ihre Katze »Boiler« zu füttern, während sie durch Afrika reist. Pflichtbewusst kommt Jong-su dieser Bitte nach. Er träumt von einer Beziehung mit der quirligen Schönheit und masturbiert regelmässig in ihrem Apartment. Als Hae-mi von ihrer Reise zurückkommt, hat sie den Schönling Ben (Steven Yeun) im Schlepptau – ein aalglatter und reicher Typ, der in Jong-sun sofort Eifersucht weckt. Ben scheint etwas hinter seiner freundlichen Fassade zu verbergen. Jong-sun setzt alles daran, sein Geheimnis zu ergründen. Vielleicht ist dieses verstörender, als er sich gedacht hat …

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami ist nicht jedermanns Sache. Manche finden seine Sprache zu schlicht und seine Geschichten zu abgedreht, um sie ernst zu nehmen. Ich selbst bin ein eingeschworener Fan – und warte schon lange auf den Regisseur, der ihn versteht und auf die grosse Leinwand bringt. Der Südkoreaner Lee Chang-dong hat’s geschafft: Sein Film Burning – basierend auf Murakamis Erzählung Scheunenabbrennen aus dem Band Der Elefant verschwindet – ist praktisch eine Liebeserklärung an den verqueren Autor. Chang-dong greift typische Murakami-Elemente auf: existenzielle Ängste, desillusionierte junge Erwachsene, ruhige Alltagsszenen vermischt mit surrealen Momenten.

Der Hauptcharakter Jong-su ist ein tölpelhafter, langsamer Mensch, der nur scheinbar einfach gestrickt ist. Ah-in Yoo verkörpert ihn wortkarg und doch sympathisch, sein Gesicht ist wie ein Buch, das in tausend Sätzen von Einsamkeit und Verlassenheit erzählt. Jong-seo Jun verzaubert als enigmatisches Objekt der Begierde, eigenwillig und unnahbar. Der grösste Star des Trios dürfte Steven Yeun sein, dessen Ben enervierend lässig daher kommt. Hinter allen seinen Sätzen scheint ein dunkler Kern zu lauern, der sich aber nie fassen lässt – weder von Jong-su noch vom Zuschauer. Das ist ein weiterer Kniff Murakamis: Die Erzeugung von Spannung durch ein Verbrechen, das vielleicht, vielleicht aber auch nicht stattgefunden hat. Ben scheint ein psychopathischer Mörder zu sein, wir wollen es glauben, aber das Drehbuch verweigert uns die Gewissheit. Vielleicht will Jong-su nur, dass Ben ein Verbrecher ist – und wir wollen es mit ihm. Das ist eine meisterliche Manipulation des Publikums.

Lee Chang-dongs Kamera ist von einer erhabenen Kühle – unprätentiös und doch kunstvoll bis ins Letzte. Die Bilder sind oft statisch, fast dokumentarisch. Der Regisseur gewährt uns einen kraftvollen und komplexen Einblick in die südkoreanische Städte Seoul und Paju. Dabei lässt er sich viel Zeit, manchmal zu viel. Wenn man dem Film etwas vorwerfen muss, dann ist es seine selbstgenügsame Langsamkeit. Einige Szenen mit dem vor sich hin schweigenden Jong-su hätte man durchaus kürzen können. Wenn man sich auf die gemächliche Geschichte einlässt, gerät man aber unweigerlich in den Sog eines absonderlichen und originellen Thrillers, der fast ganz ohne Thrills auskommt. Burning hypnotisiert mit seiner schlafwandlerischen Sinnlichkeit, vor allem die Szenen mit Hae-mi sind hinreissend schön.

Highlight ist der Moment, in dem Hae-mi bekifft und entblösst vor der Scheune Jong-su tanzt, von den Lichtverhältnissen reduziert zu einem scharfen Schatten. Pure Poesie, der einen alles andere vergessen lässt. Überhaupt stellt Chang-dong die Frau in der Dreiecksbeziehung betont körperlich da – lässt sie Pantomime spielen und tanzen. Ben verkörpert den weltgewandten Casanova, der jede Frau haben kann und es sich leisten kann, mit ihnen zu spielen. Dagegen ist Jong-su der einsame Romantiker, der an die wahre Liebe glaubt. Zwei Typen Mann spielt das Drehbuch gegeneinander aus – letztlich werden sie aber beide als krankhaft entlarvt, die dem Idealbild einer Frau nachjagen. Hae-mi verkommt zu einer Projektionsfläche des sehnsuchtsvollen männlichen Blickes. Chang-dong lässt sich auch nicht nehmen, gerade am Schluss des Films einen homoerotischen Subtext durchschimmern zu lassen.

Burning ist eine würdige Muramaki-Verfilmung: mysteriös und erhaben zeigt sie die Leere der existenziell verunsicherten Jugend, für die Sex jegliche Magie verloren hat. Virtuos führt Chang-dong sein Publikum auf die falsche Fährte. Diese falschen Fährten sind so aufregend und erregend, dass man beinahe nicht hinschauen mag. Aber man muss – denn diese 148 Minuten Film fesseln bis zur letzten Sekunde.

10/10

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