Review
von Leimbacher-Mario
Liebe hat keine Farbe, Ungerechtigkeit schon
„If Beale Street Could Talk“ verbindet eine starke Liebesgeschichte mit dem ungerechten, völlig überforderten Justizsystem der USA. Und beide Säulen von Barry Jenkins intensivem Drama ergänzen sich, spielen mit- und profitieren voneinander, gewinnen durcheinander an Wirkung. Die Geschichte spielt im Harlem der 70er: eine junge, unheimlich pure Liebe zwischen zwei afroamerikanischen Menschen entsteht, trägt sogar Früchte mit einer Schwangerschaft. Doch gerade, als das Leben scheinbar richtig beginnt und die Zeichen durch ihre aufrichtige Liebe gut stehen, wird Fonny für eine Vergewaltigung festgenommen, an der er eindeutig nicht beteiligt war. Und so gilt es nun stark zu sein, für das kommende Baby sowie um ihn aus der Untersuchungshaft zu holen...
Viele Leute haben daran gezweifelt, dass sich Jenkins nach seinem Meisterwerk „Moonlight“ auf diesem Niveau festsetzen kann. Und selbst wenn „Beale Street“ nicht ganz an seinen Regievorgänger herankommt, z.B. durch einige repetitive Momente, wenige klischeehafte Figuren und ein paar Minuten zu viel auf der Uhr, ist ihm ein weiterer großartiger Film gelungen, der ganz sicher von niemandem abperlt. Von Kinonerds erst recht nicht. Zu viele herausragende Aspekte hat er dafür auf dem Kerbholz. Die Kamera ist famos, das Color Timing ist einmalig, der sensible Score passt zur Intimität der Liebesbeziehung und die Darsteller spielen sich durch die Bank das Herz raus. Vor allem unser Pärchen ist spitze und hat einige Szenen, Blicke, Momente, die ich ganz lange nicht vergessen werde. Kinomagie pur. Exzellent gespielt, mit einer greifbaren, traumhaften Chemie. Eine Liebe, der man stundenlang zusehen möchte. Umso niederschmetternder ist dann die Verbindung zum anderen Thema, von Rassismus über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten bis hin zum unfassbaren Justizsystem. Das macht wütend, traurig, ratlos. Selbst wenn das Ende noch einigermaßen versöhnlich wirkt und die Liebe hier über allem steht und scheinbar alles bezwingen kann. Herausheben möchte ich noch eine Szene im ersten Drittel, als die Familien beider Liebenden aufeinandertreffen, da mitgeteilt werden soll, dass Tish schwanger ist. Was dann abgeht, ist jetzt schon ein Highlight des Jahres. Von solchen Höhepunkten und Familienclashs hätte der Film ruhig noch mehr haben können.
Fazit: eine einfühlsame Lovestory für die Ewigkeit, überschattet von einer Welt, in der so Einiges schief läuft. Doch selbst das kriegt sie nicht runter. Barry Jenkins könnte kaum weiter entfernt sein von einem One Hit Wonder und ist zusammen mit Jordan Peele nicht nur für das Black Cinema die wichtigste Stimme momentan, sondern für das gesamte Kino unverzichtbar, kostbar, entscheidend. „Beale Street“ kann einen nicht kalt lassen. Poetisch, ruhig, kraftvoll. Ein emotionaler Ritt, bei dem man nie sagen kann wohin er führt. Und es ganz tief drin (leider) doch weiß... Folgt der Liebe!