Manche Schauspieler müssen scheinbar erst ein gewisses Alter erreichen, um mit dem entsprechenden Charisma einen Film grundlegend zu bereichern. Als Anthony Hopkins seine erste größere Rolle in „Audrey Rose – Das Mädchen aus dem Jenseits“ anno 1977 bekleidete schien er austauschbar, was sich jedoch mit seiner bemerkenswerten Performance in „Schweigen der Lämmer“ grundlegend änderte. Dreimal verkörperte er bislang Titelfiguren aus Shakespeare-Stoffen und König Lear ist dem 1937 geborenen Waliser wie auf den Leib geschneidert.
In einem dystopischen England in der Jetztzeit herrscht eine Militärdiktatur unter König Lear (Hopkins), der soeben seine jüngste Tochter enterbte und vom Hof verbannte, während er seine übrigen Reichtümer unter den beiden anderen Töchtern Goneril (Emma Thompson) und Regan (Emily Watson) aufteilt. Während sich ein Krieg zwischen dem Königreich und Frankreich anbahnt, scheint der König über den Altersstarrsinn hinaus seinen Verstand zu verlieren…
Schlimme Familienverhältnisse zählten bei Shakespeare zum guten Ton und auch hier herrscht eine zuweilen niederträchtig garstige Stimmung. Lear hängt an seiner Macht, weil er dadurch Bedeutung erhält, im Mittelpunkt steht und ohne Rücksicht auf Verluste walten kann. Als er sich zunächst von der eigentlich harmlosen und zudem ehrlichen Aussage seiner jüngsten Tochter gedemütigt fühlt, während ihm den beiden anderen Honig um den Mund schmieren, insgeheim jedoch gegen ihren Vater integrieren, tritt seine unbarmherzige, eiskalte Ader zutage. Gleichermaßen unterstreicht es, wie Lear alle um sich herum gegen sich aufbringt, was dem Despoten zunächst völlig gleich ist.
Bei einem zweiten, parallel angesiedelten Handlungsstrang geht es ebenfalls um Intrigen und Rebellion, denn hier schmiedet ein junger Soldat Pläne, um den angesehenen Vater gegen den ungeliebten Stiefbruder auszuspielen. Beiden Geschichten haftet der unumgängliche Niedergang an, was nicht nur durch die kurz bebilderten Wirren des Krieges sprichwörtlich befeuert wird. Am Ende steht jeweils eine bittere Erkenntnis.
Regisseur Richard Eyre konnte bereits viel Erfahrung mit Shakespeare-Theaterstücken sammeln und bringt das Epos erzählerisch recht gut auf den Punkt, kürzt im letzten Drittel allerdings einige Passagen zu arg ab, wodurch die eigentlich emotionale Wucht ein wenig gedämpft wird und die tragischen Komponenten nur in Ansätzen zur Geltung kommen.
Während er sich auf eine erstklassige Riege ausdrucksstarker Mimen (Hopkins, Thompson, Jim Carter, Karl Johnson, Jim Broadbent) verlassen kann, schwächelt die Dramaturgie zuweilen, zumal einige Phasen etwas zu geschwätzig ausfallen und Abwechslung schlichtweg ausbleibt.
Mithilfe der grundsoliden Ausstattung, der tauglichen, manchmal etwas zu statischen Kamera und des sehr zurückhaltenden Scores bildet die Adaption beileibe kein übermäßig spannendes Highlight, jedoch ein passabel umgesetztes Drama in ansprechender Kulisse, bei der sich die stets schwächer werdenden Kontraste den Schicksalen der Figuren angleichen. Zuletzt, wie sollte es auch anders sein, ist nahezu alles grau.
6 von 10