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Nach dem Unfalltod ihres Mannes sieht die alleinerziehende Stephanie Smothers (Anna Kendrick) ihren Lebenssinn hauptsächlich darin, in einem täglichen Videoblog Kochrezepte vorzustellen. Während sie ihren etwa 8jährigen Sohn Miles umsorgt, kann sie ihr biederes Hausfrauenleben nur durch eine bald aufgebrauchte Lebensversicherung ihres verstorbenen Gatten bestreiten. Umso überraschter ist sie daher, als sie eine andere Mutter an ihrer Schule kennenlernt, die in Punkto Auftreten, Lebensstil und Kindererziehung ziemlich das exakte Gegenteil von ihr darstellt: Emily Nelson (Blake Lively) ist ein blonder Vamp, der auf Konventionen weitgehend verzichtet, ein Luxusleben führt und ziemlich direkt daherredet (hier: streckenweise vulgär). Da sich Gegensätze bekanntlich anziehen, freunden sich die beiden Frauen, beide etwa Anfang Dreißig, schnell an. Die mondäne Emily weiß bald die mütterlichen Qualitäten der biederen Stephanie zu schätzen, und einige Tage später bittet sie diese beiläufig, ihren Sohn Nicky von der Schule abzuholen. Nur ein kleiner Gefallen, telefonisch ausgesprochen und von Stephanie ausgeführt, allerdings taucht Emily danach nicht mehr auf und bleibt verschwunden, nirgendwo ist sie zu erreichen. Ihr schließlich alarmierter Ehegatte, ein erfolgloser Schriftsteller (Henry Golding als Sean Townsend), weiß auch keinen Rat. Selbst eine Vermisstenanzeige und Nachfragen in ihrem Büro fördern keine Spur zutage. Nachdem Stephanie auch ihre Videoblog-Gemeinde vom Verschwinden ihrer "besten Freundin" unterrichtet hat, stellt sie schließlich eigene Nachforschungen an...

Nur ein kleiner Gefallen beginnt mit den auf das Zielpublikum ausgerichteten typischen Frauenfilm-Thematiken wie Kinderbetreuung, kochen und dergleichen. Dabei ist die eingangs vorgestellte Stephanie ein geradezu rührendes Beispiel eines Mauerblümchens, das sich mangels Vorstellungskraft und Selbstbewußtsein mit der Rolle der videobloggenden Alleinerzieherin abgefunden hat - einen Freund hat sie nicht, nicht einmal ein Kandidat ist in Sicht. Dann tritt, kameratechnisch bestens ausgeleuchtet, die glamouröse Emily auf den Plan. Mit wenigen Fragen checkt sie ab, wie ihr die zunächst irritierte Stephanie von Nutzen sein kann, wohl wissend, welchen Eindruck ihre riesige Küche, das große Aktbild von ihr sowie ihre Vorliebe für Martini-Cocktails bei der biederen Hausfrau hinterlassen. Emily hat einen Mann, allerdings eher einen riesigen Toy-Boy Marke Frauenversteher: einen Schriftsteller, der ein einziges Mal Erfolg hatte und den sie sich deswegen schnell geangelt hatte - mittlerweile aber ist das Geld von damals längst aufgebraucht und den beiden steht das Wasser bis zum Hals, wie sie freimütig, fast beiläufig ihrem staunenden Gast verrät. Einen Plan für die Zukunft haben beide Frauen nicht, und so erzählen sie sich gegenseitig ihre "schlimmsten Schandtaten" - während Emily relativ emotionslos von einem "Dreier" berichtet, ziert sich Stephanie ein wenig, eine Liebesnacht mit ihrem Halbbruder zuzugeben. Immerhin erfährt der Zuschauer somit, daß daraus ihr Sohn Miles entstand, was ihr Ehemann, als er es herausfand, zu einem klärenden Gespräch mit dem Halbbruder nutzen wollte - dieses Gespräch endete mit einem für beide tödlichen Crash.

Zwei extreme Frauen, die eine extrem langweilig, die andere übermäßig extrovertiert, die wenigen Männer mehr oder weniger nur Abziehbilder und eine Story weit und breit nicht in Sicht - dies liess in mir die Überlegung reifen, das Kino nach kaum einer halben Stunde Filmlaufzeit vorzeitig zu verlassen: da aber fing Nur ein kleiner Gefallen mit dem unerklärlichen Verschwinden von Emily endlich an, sich die Charakterisierung Thriller zu verdienen...

Emily taucht dann nämlich recht bald als Wasserleiche wieder auf, und während den näheren Begleitumständen hierzu erstaunlich wenig Raum gegeben wird, fokussiert sich zunächst alles auf den ehemals schriftstellernden Ehemann, der eine 4-Millionen-Lebensversicherung auf Emily abgeschlossen hat, kurz bevor sie verschwand. Aber auch diese Fährte erweist sich als nicht wirklich zielführend, wie die plötzlich keck gewordene Stephanie aufgrund eigener Recherchen herausfindet. Das Mauerblümchen entwickelt nämlich ebenso überraschend wie gründlich Eigeninitiative zur Klärung des Falls und spürt unter falschen Namen oder auch als Putzfrau getarnt dem Vorleben ihrer "besten Freundin" hinterher. Nicht alles ist so wie es scheint, und der erwartbare Plot-Twist im letzten Drittel des Films birgt dann tatsächlich noch eine Überraschung, genauso wie das Finale, in dem dann - um es spoilerfrei auszudrücken - jeder das bekommt, was er verdient.

Bezüglich der Schauspieler gibt es nichts auszusetzen: die drei Hauptdarsteller spielen ihre Rollen überzeugend, wenngleich mangels Sympathie keine Figur wirklich zum Mitfiebern einlädt, was freilich dem Drehbuch geschuldet ist. Letzteres vermeidet allzu große Logiklöcher, wenngleich man sich natürlich fragen kann, warum der Todeszeitpunkt einer Wasserleiche so übergangen wird, oder wie die den ganzen Film über mit einem normalen Camcoder für ihre Kochvideos hantierende Stephanie plötzlich auf hochspezialisierte Technik wie eine Knopflochkamera kommt, um ein paar Ungereimtheiten zu nennen. Nichts auszusetzen gibt es dagegen an Schnitt und Kameraführung, erwähnenswert jedenfalls noch der Soundtrack mit vielen bekannten Hits und Evergreens (France Gall: Laisse tomber les filles), welche zum Teil auch lautstark mitgesungen werden (Stephanie am Steuer intoniert Ante up von M.O.P.).

Was der Geschichte insgesamt fehlt, sind klare Konturen - man weiß lange Zeit nicht, wohin die Story führen soll: geht es um einen simplen Versicherungsbetrug, um Beziehungsprobleme oder die Entwicklung weiblichen Selbstbewußtseins bei Stephanie. Erst allmählich klären sich manche Dinge, deren nähere Beleuchtung durchaus interessant wäre, leider jedoch unterbleibt und erst ganz zum Schluß gelingt einem als Zuseher die Unterscheidung, wer hier wirklich der/die Böse ist.
Insgesamt vermag Nur ein kleiner Gefallen trotz zähen Beginns dann doch leidlich zu unterhalten - mehr aber auch nicht. 6 Punkte.

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