Review

Gone Bitch


Paul Feig als Thrillerregisseur?! Schwer vorstellbar oder absolut möglich? Da ich ihn durchaus als Chamäleon betrachte und vor allem auch als Kinonerd, neigte ich zu Letzterem. Doch zwischen versuchen und können liegt dann doch nochmal ein guter Spalt... „A Simple Favor“ musste ich letztes Jahr nicht im Kino sehen - und ich bin froh, dass ich gewartet habe. Denn er funktioniert daheim mindestens genauso gut. Und wäre ehrlich gesagt den Kinopreis auch nicht wirklich wert gewesen. Was beileibe nicht heißen soll, dass ich diesem teuflischen Mommy-Thriller irgendwo zwischen „Gone Girl“, „Searching“ und einer handzahm-erotischen Hausfrauenfantasie nichts abgewinnen kann. Vor allem dessen Eleganz und Unberechenbarkeit haben Strahlkraft... Es geht um eine brave, schüchterne, vloggende, alleinerziehende Mami, die durch ihren kleinen Sohn die Mutter von dessen Schulfreund kennenlernt. Und obwohl diese attraktive Frau kaum unterschiedlicher zu ihr sein könnte, freunden sich die beiden an. Bis die kamerascheue High Class-Schönheit plötzlich spurlos verschwindet und ihr Kind bei der neugewonnenen Nanny und Freundin lässt...

Anna Kendrick ist süß aber oho. Blake Lively ist sexy aber nicht ohne. Und die beiden als Kombi, mal Feind, mal BFF, sind schon eine heisse Nummer. Talentiert, durchtrieben, zwielichtig, erwecken sie sowohl Spaß und Humor sowie Schauspieltalent und Spannung spielerisch zum Leben. Wo wir auch schon bei der nächsten Stärke wären: „A Simple Favor“ ist unberechenbar. Und damit meine ich gar nicht mal nur die Story, sondern vor allem tonal ist der Weg schon sehr kurvig und buckelig. Das geht nicht immer auf, ist aber zumindest nie langweilig oder Einheitsbrei. Außerdem sind Score, Style, Optik, Mode und Schnitt exquisit. Fast schon zu fein und kantenlos, was aber natürlich passt und ein thematisch passendes Hauptaugenmerk darstellt. Leider hat man alle Versatzstücke in den letzten Jahren schon gewagter, kantiger, härter und spannender - kurz: besser - gesehen, sodass dieser dezente Thrillride vor allem hintenraus doch arg an den Nerven zerren kann (nicht positiv gemeint!) und von quirlig und schmunzelnd eher in Richtung unnötig, wirr und lächerlich abdriftet. Das ist schade und dann doch leider eher wieder „Ghostbusters“ (2016) als Hitchcock oder Clouzot. Egal wie oft die beiden Letzteren zitiert und genannt werden. Oder um es anders auszudrücken: „A Simple Favor“ ist eher Dennis Nylon als Tom Ford, eher eine augenzwinkernde, zahnlose Parodie als the Real Deal. 

Fazit: ein raffinierter, stylischer und (zu) langer Hausfrauen Noir voller tonaler Schwankungen und unberechenbarem Fun. Beißt sich. Aber passt. Zumindest bis zum sich chaotisch überschlagenden und den Bogen völlig überspannenden letzten Drittel, dessen übler Nachgeschmack dann doch länger auf der Zunge bleibt, als die vorauseilende Kurzweile und Raffinesse. Nett, gerade noch so. Hübsch in jedem Fall. 

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