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1962: Weil der Nachtclub, in dem er arbeitet, zwei Monate lang wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist, nimmt der italo-amerikanische Rausschmeißer Tony Vallelonga, um sich und seine Familie finanziell über Wasser zu halten, einen Job als Fahrer bei dem genialen, farbigen Pianisten Dr. Donald Shirley an, der eine Konzert-Tour plant, die ihn auch durch die Südstaaten führen wird. Als Reiseführer dient dabei die aktuelle Ausgabe des "Negro Motorist Green Book", in dem alle Restaurants und Hotels verzeichnet sind, die gefahrlos von Schwarzen aufgesucht werden können, ohne Diskriminierung oder Schlimmeres befürchten zu müssen. Es dauert auch nicht lange, bis der vornehme Musiker und der Blue-Collar-Rüpel nach anfänglichen Ressentiments irgendwann doch bemerken, dass sie sich eigentlich ziemlich gut leiden können... zumal Tony das von einem tiefverwurzelten Rassismus geprägte Verhalten der Weißen gegenüber Donald bald schon aus erster Hand mitbekommt... Nach dem verspäteten 2014er-Sequel "Dumm und Dümmehr" versucht sich Peter Farrelly im Alleingang ohne seinen Bruder Bobby mit "Green Book - Eine besondere Freundschaft" auf ungewohntem filmischen Gebiet, denn als seriöses Period-Piece hat das Ganze kaum mehr etwas mit seinen früheren Klamotten gemein... auch wenn dankenswerterweise nicht gänzlich auf Humor verzichtet wurde. Dass er sich zur Abwechslung an einem ernsthaften Thema versucht hat, ohne sich daran zu verheben oder es der Lächerlichkeit preiszugeben, ehrt ihn dabei durchaus, doch kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass der hier getätigte Blick auf die gesellschaftlichen Zustände im tiefen Süden der USA (Stichworte: Rassentrennung und Jim-Crow-Laws) ein arg geschönter ist, denn ziemlich glattgelutscht und ohne echte Ecken und Kanten kommt das alles daher, ohne das Publikum jemals auch nur ein wenig vor den Kopf zu stoßen. Kurzgesagt, "Mississippi Burning" this ain't... was aber insofern verständlich ist, als dass das Ganze primär als schlichter Unterhaltungsfilm funktionieren und einem ein wenig das Herz wärmen soll, was dem Streifen (mit Abstrichen) zugegeben auch gelingt. Und objektiv betrachtet hat "Green Book" ja auch wirklich schwerwiegendere Probleme: Dafür, dass das alles angeblich auf mehr oder weniger wahren Begebenheiten und realen Personen beruht und das Schauspiel von Mortensen und Ali nichts zu wünschen übrig lässt, ist es nämlich doch erstaunlich, wie wenig ich dem Film die im deutschen Titel erwähnte "besondere Freundschaft" abkaufe... denn es ist schlichtweg unglaubwürdig, dass Mortensens Figur, die als offensichtlicher Rassist mit beschränktem Intellekt eingeführt wird und auch ein Glas lieber mal direkt wegschmeisst, wenn ein Schwarzer daraus getrunken hat, sich über wenige Dialog-Passen hinweg so problemlos und ohne Konflikte oder Reibung einem elitären Snob annähert, der nicht nur farbig, sondern - wie sich später noch herausstellen wird - zu allem Überfluss auch noch schwul ist. Und das dann auch noch in den 1960 Jahren! Besonders cringy: In einer Szene wird Tony Vallelonga von Dr. Shirley nahegelegt, seinen Nachnamen der Einfachheit halber abzukürzen, was dieser jedoch vehement ablehnt, weil er es unter seiner Würde empfindet... während Ali, der 2010 in "Predators" noch als "Mahershalalhashbaz" kreditiert wurde, seinen eigenen Vornamen ja seitdem tatsächlich um zwei Silben erleichtert hat. Positiv anzumerken ist hingegen, dass das musikalische Genie Donald Shirleys nicht nur behauptet, sondern in den Konzert-Szenen auch glaubwürdig vermittelt wird und diese Momente geraten dann für mich auch schnell zu den wahren Highlights des Streifens. Ein "schlechter" Film ist "Green Book" damit unterm Strich natürlich nicht und ich will ihm noch nicht einmal unterstellen, dass er das Herz nicht am rechten Fleck hätte, aber ist er deswegen gleich Oscar-würdig? Ich glaube auch nicht, dass das Ganze die Langlebigkeit von "Dumm und Dümmer" oder "Verrückt nach Mary" haben wird... für Peter Farrelly jedenfalls hat sich im Anschluss jedenfalls nicht wirklich was geändert, denn der ist mittlerweile schon wieder bei belanglosen Streaming-Komödien versackt, die nicht annähernd so lustig sind wie jene 90s-Classics, die er zusammen mit seinem Bruder gemacht hat. "Green Book" führt also als in jedem Sinn des Wortes "netter" Film eher die Tradition solcher Feelgood-Dramen wie "Miss Daisy und ihr Chauffeur" fort, der ja damals ebenfalls mit dem "Best Picture"-Oscar ausgezeichnet wurde. Hollywood kann sich ergo mal wieder kollektiv auf die eigene Schulter klopfen, weil man dem Publikum erneut vor Augen geführt hat, wie doof Rassismus früher gewesen ist... gut, dass wir den mittlerweile abgeschafft haben...

6/10

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